Bayern 2 - Zündfunk


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Sarah Lohr von Akne Kid Joe „Ich hätte mir gewünscht, dass Nürnbergs Bewerbung zur Kulturhauptstadt politischer wird“

Der 28. Oktober 2020 wird in Nürnberg mit großer Spannung erwartet. Wird die fränkische Metropole Kulturhauptstadt 2025? Großes hat man vor: Digitales Dürerhaus, Spielzeug von morgen, künstlerische Erfahrungsräume auf dem Reichsparteitagsgelände. Was kaum vorkommt: die Popkultur. Sarah Lohr von der Punkband Akne Kid Joe erzählt, was sie davon hält.

Von: Oliver Buschek

Stand: 15.10.2020

Zündfunk: Nürnberg als Kulturhauptstadt. Die letzten Wochen vor der Entscheidung. Was denkst du, Sarah?

Sarah Lohr: Also ich kann nur für mich sprechen, aber es sind schon so gemischte Gefühle, sag ich mal. Ganz am Anfang, dachte ich mir: 'Nürnberg will sich für Kulturhauptstadt bewerben? Die sind doch eigentlich komplett bescheuert. Das geht ja gar nicht. Da wusste ich aber noch nicht, dass Kulturhauptstadt quasi bedeutet, dass diesen Titel nicht die Stadt bekommt, in der jetzt schon kulturell super viel passiert, sondern dass es für Städte, ist, wo noch viel zu holen ist, so entwicklungsmäßig. Darunter fällt dann Nürnberg nämlich schon wieder meiner Meinung nach. Ich hätte mir aber irgendwie gewünscht, dass es politischer wird. Und zwar nicht nur im Sinne von Reichsparteitagsgelände, sondern wir stecken gerade mitten in einer Weltkrise und auch in einer Kulturkreise, auf jeden Fall. Das kommt für mich alles irgendwie zu kurz. Auch in Anbetracht der Tatsache, dass Locations schließen müssen demnächst vermutlich, wenn nicht irgendwas passiert. Ja, da ist das einfach irgendwie alles ein bisschen zu kurz gekommen.

Was hättest du dir denn da gewünscht?

Also ich hab mir so ein bisschen angeschaut, was Hannover gemacht hat in ihrer Bewerbung. Die haben so ein Pamphlet entwickelt, dass in dieser jetzigen massiven Krise, in der wir alle stecken, diese Bewerbung zur Kulturhauptstadt überhaupt gar nicht relevant ist, dieser Titel nicht relevant ist, wo am Ende nur eine Stadt diesen Zuschlag bekommt. Auch in Anbetracht der Tatsache, was gerade alles auf dem Spiel steht. Es braucht ein Umdenken und es braucht eine solidarische Verteilung von Geldern. Und zwar nicht immer unter diesem Aspekt "Wir geben euch Geld, wenn ihr dafür den Titel 'N2025' in eurem Titel tragt." Wenn einem Kultur wirklich wichtig ist, wäre es an der Zeit, sich dafür einzusetzen, "Gelder locker zu machen" und die einfach den entsprechenden Kultur-Veranstalter*innen zu geben, denen das Vertrauen zu geben. So "Hier ist Geld. Macht damit, was gerade für euch am relevantesten damit ist."

Was erlebst du, jetzt stellvertretend für die Kultur- und Kunstmacher*innen in Nürnberg, denn aktuell schon an Unterstützung von der Stadt in diesen schwierigen Corona-Zeiten.

Es gibt diverse runde Tische, an denen auch die ganzen Kultur-Veranstalter*innen teilnehmen, zumindest in Vertretungen. Es gab auch kleine finanzielle Zuschüsse. Ich glaube, es gab einen Topf, der war um die 100.000 Euro. Und wenn man sich da die ganzen Kultur-Veranstaltungsorte anschaut, was die für Fixkosten haben im Monat, dann sind für einen 100.000 Euro schnell aufgebraucht. Das war aber für ganz Nürnberg, diese 100.000 Euro.

Da ist noch mächtig was nachzuholen. Zurück zur Bewerbung als Kulturhauptstadt. Schon vor Corona war in diesem Bewerbungsprozess immer wieder kritisiert worden, dass man da vor allem so eine Hochkulturhauptstadt im Auge zu haben scheint, dass quasi die Popkultur in diesem Bewerbungsprozess in der Bewerbung kaum eine Rolle spielt. Hast du Spuren von Popkultur im Bewerbungsbuch gefunden?

Dazu muss ich erst mal sagen, dass ich sehr schade finde, dass das Bewerbungsbuch bisher sowieso nur komplett auf Englisch erschienen ist und auf Deutsch nur eine Zusammenfassung. Gerade wenn man will, dass Menschen mitgenommen werden für diese Bewerbung, dann hätte ich es irgendwie schon gut gefunden auf Deutsch oder vielleicht auch auf Türkisch, Arabisch, oder sonst irgendwas dieses Buch zu veröffentlichen. Das andere ist: Es gab auf jeden Fall Versuche von der Kulturhauptstadt oder von diesem Bewerbungsbüro auch an die Subkultur anzuknüpfen. In dem Bewerbungsbuch selber hab ich das Gefühl, dass relativ wenig davon vorkommt. Diese ganze reichhaltige Vielfalt an freischaffenden und ehrenamtlich engagierten Kollektiven wird nicht abgebildet, meiner Meinung nach.

In zwei Wochen also ist die Entscheidung, am 28. Oktober. Neben Nürnberg sind auch Magdeburg, Chemnitz, Hildesheim und das erwähnte Hannover im Rennen. Wünschst du dir denn trotz aller Kritik, dass Nürnberg das Rennen macht?

Ich würde es mir schon wünschen, weil ich mir einfach erhoffe, das was Gutes daraus resultiert und dass das Geld irgendwie auch investiert wird. Allerdings würde ich mir tatsächlich auch wünschen, dass es Hannover schafft. Hannover hat zum Beispiel gesagt, wenn sie gewinnen, teilen sie das Geld unter all den sich Mitbewerber-Städten auf. Keine Ahnung, ob sie es dann auch wirklich machen oder nicht. Ich weiß nicht, ich kann mir nicht vorstellen, dass Nürnberg gewinnt. Falls Nürnberg gewinnt: Ich würde mich schon trotzdem freuen.


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