Bayern 2 - Zündfunk


35

Album der Woche: Against All Logic Nicolas Jaar hat heimlich ein Album veröffentlicht - und es ist großartig

Eigentlich wollte Nicolas Jaar nie ein Album machen, das schneller ist als sein Herzschlag. Nun hat der Ambient-Avantgardist es doch getan: Unter dem Pseudonym Against All Logic begibt er sich auf den Dancefloor. Großartig!

Von: Ralf Summer

Stand: 05.03.2018

Es brennt und brutzelt in den Sounds, so als ob die Musik in Flammen stehen würde: „This House Is All I Have“ ist der schwelende Soul-Schleicher, mit dem das erste Album von A.A.L. beginnt. Nicolas Jaar hat den Gesang von einem alten R’n‘B-Stück gesampelt, in dem sich ein Pärchen nach einer Trennung um seine Besitztümer streitet: “Doin‘ It Right” von Mike James Kirkland aus den frühen 70ern. Nicolas Jaar hat aber noch ein weiteres Lied gesampelt: David Axelrod. Bei dem im letzten Jahr verstorbenen US-Komponisten haben sich HipHopper von jeher gern bedient, egal ob Lauryn Hill oder DJ Shadow.

Der zweite Track „I Never Dream“, ist eine euphorische Disco-House-Bombe à la DJ Koze. Das wird einige überraschen, die Jaar bisher für seine ruhigen, komplexen Kompositionen kennen. Diese Entwicklung zeichnete sich aber schon bei einigen Maxi-Singles ab und seinem Nebenprojekt Darkside: Mit psychedelischem Dance-Sound verkaufte er die Münchner Muffathalle aus. Bei Samples, sagt er uns im Interview, geht es zuerst immer um den Kontext: „Remixen und Rekontextualisierung von Musik ist ein interessanter Schritt Richtung sozialer Kommentar.“ Woher kommt es? Wofür stand es früher?

Sampeln als Konzeptkunst

Nicolas Jaar ist Sohn des chilenischen Konzeptkünstlers Alfredo Jaar, der schon bei der Documenta und der Biennale in Venedig ausstellte. Als Kind nahm der Vater ihn mit nach Berlin, wo er ein Stipendium hatte. Vielleicht ist das der Grund, wieso auf dem neuen Album erstmals ein deutschsprachiges Stück drauf ist. „Ein süßes Land, im Himmel wuchs, das sich mir entschloss“ - der Text vom Stück „Cityfade“ ist unter dem Beat kaum zu verstehen – klingt wie ein Schulmädchenchor aus der DDR in den grauen 80ern.

„Ich wollte nie ein Dance-Album machen"

Ein weiterer Höhepunkt der Platte: „Now U Got Me Hooked“ - mit dem Gesang der Dramatics aus dem Jahr 1973. Soul-Samples im Disco oder House sind gewiss nichts Neues – aber nur wenige kriegen es so funky und unplatt hin wie Nicolas Jaar. Nach Darkside müssen wir uns nun also einen dritten Namen für seine Musik merken: A.A.L. - steht für Against All Logic. Gegen alle Versprechen hat Jaar nun doch das gemacht, was er beim ersten Zündfunk-Interview ausgeschlossen hat: „Ich wollte nie ein Dance-Album machen – Dein Herz ist einfach nicht so schnell, meines jedenfalls nicht. Ich möchte einfach sehr, sehr ehrliche Musik machen und für mich gilt: Je langsamer das Tempo, desto mehr Sinn macht das für mich. Ein langsamer Beat lässt mehr Platz für Ehrlichkeit, mehr Zeit zum Denken. Sozusagen die ehrliche Langsamkeit.“

Nun hat Nicolas Jaar also doch Musik produziert, die schneller ist als sein Herzschlag. Und das ist gut so.“2012-2017” hat schon einen sehr lässigen Schwung. Weckt den Frühling auf – wir haben die Platte gefunden, mit der wir in ihn empfangen können!


35