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Brennende Instrumente Wie Afghanistans Musikszene unter der Machtübernahme der Taliban leidet

Verwüstete Tonstudios, verbrannte Geigen, verfolgte Musiker: Mit der Machtübernahme der Taliban schweben afghanische Musiker und Musikerinnen in Lebensgefahr. Die Musikszene droht zu verschwinden. Ein Hilferuf.

Von: Paula Lochte

Stand: 08.09.2021

Vor wenigen Tagen schickt eine 17-jährige Afghanin Sprachnachrichten an eine deutsche Frau, die sie kaum kennt. Das Mädchen ruft „Teacher Ulla?“, also Lehrerin Ulla ins Telefon. „Ich kann nicht gut reden gerade“, und „Ich bin so müde“. Es ist Schluchzen zu hören. Die Sprachnachrichten sind kurz. „Sie kann nicht gut sprechen. Das war direkt aus dem Krankenhaus“, erklärt die Frau, die die Sprachnachrichten bekommen hat: Ulla Benz. Sie ist Geigendozentin an der Universität der Künste in Berlin. Über WhatsApp steht sie in Kontakt mit mehreren afghanischen Musikern und Musikerinnen.

Der Grund für den Austausch ist ein Foto: Ein Bild einer verbrannten Geige. Ulla Benz sieht das Foto vor etwa zwei Wochen auf der Facebook-Seite eines befreundeten Musikers, der jahrelang an der Musikschule in Kabul unterrichtet hat. „Das war ein richtiger Schockmoment“, erzählt sie. „Ich dachte einfach nur: Jetzt muss ich was tun, jetzt muss ich helfen. Weil das für einen Musiker eigentlich das Schlimmste ist, sein Instrument kaputt zu sehen. Und dann auch, wenn man noch weiß: Das ist durch Gewalt entstanden!“ Die Taliban haben die Geige nach ihrer Machtübernahme zerstört – ebenso wie unzählige andere Instrumente. Fotos zeigen eingetretene Trommel, ein zertrümmertes Schlagzeug und einen Konzertflügel mit herausgerissenen Tasten und abgetrennten Beinen, der wie ein Schiffswrack umgekippt in einem verwüsteten Tonstudio liegt. Der Boden ist mit Splittern übersät.

Taliban zerstören Instrumente und bedrohen Musikmachende

Dann zeigt Ulla uns noch ein anderes Foto: „Hier ist der Fotograf zu sehen, zu besseren Zeiten. Da sieht man, das ist ein Riesenmusikstudio, wo afghanische Musik, aber auch sehr viele Sänger einfach ihre Musikaufnahmen gemacht haben. In Kabul. Der Fotograf hat mir auch noch den Ort dann beschrieben, wo das war. Also die Bilder sind auch verifiziert, ich bin auch mit ihm in Kontakt.“ Am meisten eingeprägt hat sich der Geigerin Ulla Benz aber das Bild der verbrannten Geige. Sie hat herausgefunden, wem die Geige gehört: Der 17-jährigen Afghanin Benaftscha, mit der sie nun über WhatsApp in Kontakt steht. Zu Sicherheit nennen wir an dieser Stelle nicht ihren echten Namen.

Ein von den Taliban zerstörtes Klavier in Kabul.

„Ich bin so müde“ - diese Nachricht schickt Benaftscha aus einem Militärkrankenhaus. Denn, so erzählt sie es Ulla Benz, als die Taliban ihre Geige verbrannten, war sie nicht zuhause. Ihrer Mutter hätten sie gesagt: „Wenn wir deine Tochter finden, verbrennen wir auch sie.“ Panisch sei Benaftscha mit zwei Freunden zum Flughafen von Kabul aufgebrochen. Es war der 26. August, der Tag der Selbstmordanschläge, die der IS später für sich reklamierte. Von den drei Freunden überlebte nur Benaftscha. So erzählt sie es. Ob es wirklich so war, lässt sich schwer überprüfen. Doch Geschichten wie die von Benaftscha häufen sich, seit die Taliban die Macht übernommen haben.

Taliban hat den afghanischen Folksänger Fauad Andarabi erschossen

Auch den afghanischen Musikjournalisten Ahmed Hamid Ehsan, der seit 2017 im Exil in Deutschland lebt, erreichen Hilferufe. Am Telefon berichtet er: "Die Taliban wollen zum Beispiel die Frauen, die gesungen haben, entweder umbringen oder einfach wie eine Sklavin nutzen. Und die Taliban machen das! Sie wollen Angst machen, damit die Leute nicht weiter singen. Deshalb sind alle Leute in Sorge. Und die Leute als Sänger und Sängerinnen haben keine Chance mehr in Afghanistan zu bleiben.“ Es bleibt nicht bei Drohungen: Am Freitag hat ein Taliban den afghanischen Folksänger Fauad Andarabi erschossen. Das hat sein Sohn der Nachrichtenagentur AP bestätigt. Taliban seien auf ihren Bauernhof im Andarabi -Tal gekommen. Zuvor hatte es in dem Gebiet Aufstände gegen die Machtübernahme gegeben. Zunächst hätten die Taliban das Haus durchsucht und noch mit dem Musiker Tee getrunken. Später habe ein Taliban ihn durch einen Kopfschuss ermordet.

Damit die afghanische Musik- und Kulturszene nicht völlig ausgelöscht wird, fordert eine Petition nun Visa für die bedrohten Kulturmachenden. 80 deutsche Künstler und Intellektuelle haben sich zudem in einem offenen Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters gewandt. Außerdem versuchen mehrere Initiativen, Evakuierungen zu organisieren. Darunter auch die NGO „Cultures in Harmony“, für die sich die Geigerin Ulla Benz ehrenamtlich engagiert. Doch die Bundesregierung hat bisher keine Hilfe zugesagt, wie Benz berichtet: „Ich hab so das Gefühl, die Welt schaut einfach weg. Den drei jungen Damen, mit denen ich jetzt in Kontakt bin, habe ich auch gesagt, dass ich eben heute mit Ihnen hier spreche. Da habe ich nochmal gefragt, ob ich irgendwas Spezielles sagen soll. Und da haben die alle drei übereinstimmend immer nur gesagt: ‚Sag den Leuten, dass sie uns bitte nicht vergessen. Please don't forget us.‘“