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Frauen in Kabul "Afghanistan droht eine humanitäre Katastrophe"

Die Taliban haben Kabul eingenommen. Tausende Afghanen versuchen, das Land zu verlassen. Verängstigte Frauen teilen Abschiedsgrüße auf Social Media. Die Vorsitzende des afghanischen Frauenvereins, Nadia Nashir, über die Lage vor Ort.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 16.08.2021

Women leaving Kabul | Bild: picture alliance et.al.

1992 gründeten Exil-Afghanen in Deutschland den Frauenverein AFV, um von hier aus den Menschen ihres Landes zu helfen. Die langjährige Vorsitzende Nadia Nashir ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und des Verdienstordens. Wir haben mit ihr gesprochen, was jetzt auf die Frauen zukommt. Wie sich die weibliche Gesellschaft bislang organisiert hat - und wie ihr Netzwerk und ihre Arbeit trotzdem weitergehen können.

Zündfunk: Wie geht es Ihren Kolleginnen vor Ort in Kabul? Haben Sie Kontakt?

Nadia Nashir: Unsere Schulleiterin ist gerade in Kabul. Als die Situation eskalierte, rief sie mich an. Die Taliban sind in Kabul einmarschiert und sie sagte, wir würden morgen nicht zur Schule gehen. Nun sitzt sie zu Hause und sorgt sich, ob es nicht auch noch Raketenangriffe und Bombardements gibt. Viele Häuser haben keinen Keller, das ist sehr schwierig. Die Taliban versichern den Menschen nun per WhatsApp, sie seien sicher. Aber wie das überhaupt aussieht, können wir jetzt noch gar nicht sagen. Wir müssen von Stunde zu Stunde sehen, so wie sich die Situation in Kabul von Stunde zu Stunde verändert.

Was bedeutet die aktuelle Lage für Ihre laufenden Projekte?

Als die Taliban Kabul einnehmen, reißen Mitarbeiterinnen eines Beauty Salons Werbeplakate runter, auf denen Frauen abgebildet sind.

Von den 14 Projekten sind momentan drei aktiv. Wir haben ein großes Projekt, die Flüchtlinge aus dem Norden in Kabul zu versorgen. Mit Lebensmitteln, Medikamenten, mobilen Kliniken. Gestern waren wir mittendrin. Jetzt haben wir unser Büro dicht gemacht, weil wir nicht wissen, wie die Lage ist. Wir müssen abwarten. Aber es wird weiterhin irgendwie gearbeitet. Irgendwie müssen wir für die Zivilisten da sein. Für diese tausenden Menschen, deren Kinder sterben. Viele Frauen sind unterversorgt und unsere Kliniken müssen sie mit Nahrungsmitteln versorgen. Afghanistan droht eine humanitäre Katastrophe. Ende des Jahres wird das ganz schlimm werden.

Zwischen dem, was Frauen erleben, sind die Gegensätze in Afghanistan extrem groß. Es gibt nicht nur Frauen, die eingesperrt sind, sondern auch emanzipierte Frauen, die arbeiten. Unternehmerin, Filmemacherin, Feministinnen, Menschen, die sich politisch engagieren. Wie kann es denn sein, dass ein Land solche Gegensätze produziert?

Die Kluft zwischen Stadt und Land spielt eine große Rolle. Ich bin in Kunduz aufgewachsen. Das war ganz anders, als ich nach Kabul gekommen bin. Die Elite, die sich in den letzten 20 Jahren gebildet hat, ist in den Städten gewesen, auf dem Land ist das Leben ganz anders. Die Rolle der Frau – sie wird als Versorgerin für Haus und Hof definiert, sie arbeitet auf dem Feld. Sie passt auf das Haus auf. Aufgrund des Krieges in den letzten Jahren sind viele Frauen alleinstehend. Durch den letzten Krieg waren über 240.000 Afghanen ums Leben gekommen. Dieser Verlust war riesig. Da sind sehr viele Witwen, sehr viele Waisen, die ihre Familie alleine versorgen müssen. Und das hat natürlich eine Umstrukturierung gebracht.

Heißt das, dass sich die Anforderungen total unterscheiden? Was muss sich für Frauen auf dem Land ändern? Was muss sich für Frauen in der Stadt ändern? Muss man das so sehen?

Menschen eilen nach Hause, als die Taliban am 15. August Kabul einmarschiert.

Ja. Afghanistan hat ganz schlimme Dürrejahre. Ein Land, das zu 80 Prozent von der Landwirtschaft lebt. Im Bereich der Landwirtschaft wurde auch für die Familien kaum etwas getan, weder mit Saatgut, noch mit Düngemitteln. Afghanistan hat ganz schlimme Dürrejahre. Viele haben ihr Vieh verloren, über eine Million Nomaden leben im verschiedenen Lebensräumen eine Perspektive geben. Das heißt, man muss mehrgleisig vorgehen. Einmal die Stabilität vor Ort und vor allem politische Sicherheit. Warum glauben Sie, riskieren junge Menschen ihr Leben und klettern auf die Räder eines startenden Flugzeugs. Ein Arzt sagt mir: "Ich bin schon froh, mein Leben ist vorbei" – und der ist Mitte 40! Er sagt weiter, "Ich bin froh, wenn von meinen fünf Kindern zwei überleben". Stellen Sie sich mal vor, was für eine Aussage ist das denn?

Wie realistisch sind Reformen und NGO-Arbeit, wenn die Taliban weiterhin auf dem Vormarsch sind?

Stündlich ändert sich die Situation, und wir müssen schauen, wie es weitergeht. Also ganz wichtig ist, dass man irgendwie im Gespräch mit der Bevölkerung bleibt. Unsere bisherige Arbeit in zwei Provinzen ging, weil die Dorfältesten, die Väter und Mütter uns alle unterstützt haben. Es war schwierig, es war nicht einfach. Man muss im Gespräch bleiben, um die Menschen und die Zivilisten zu unterstützen.


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