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"El Bueno Y El Malo" Die Hermanos Gutiérrez wissen, wie gutes Kopfkino funktioniert

Alejandro und Estevan Gutierrez sind zwei Brüder aus der Schweiz, die sich nach dem Wilden Westen sehnen und wissen, wie das klingen muss. Ihr neues Album "El Bueno Y El Malo" haben sie stilecht in Nashville, Tennessee, produziert – zusammen mit Dan Auerbach von den Black Keys.

Author: Matthias Hacker

Published at: 31-10-2022

Cover "El bueno y el Malo" von Hermanos Gutiérrez | Bild: Easy Eye Sound

High Noon, zwei Gitarreros stehen sich gegenüber, es ist kein Duell, es ist ein Duett. El Bueno Y El Malo – der Gute und der Böse – ist das neue Instrumental-Album der Hermanos Gutiérrez. Das ist feinster, cineastischer Wüsten-Western. Die Liebe zum Western zeigt sich schon auf dem Albumcover. Wir sehen die Gesichter der beiden Brüder Gutiérrez: Mit Schnurrbart, Bolero-Cowboyhut und ernster Miene blicken sie gen Horizont. Über den beiden prangt ein Totem-Vogel, darunter steht in der typisch dicken Saloon-Schriftart geschrieben: El Bueno Y El Malo. Eine klare Anspielung auf Sergio Leones Kult-Western "The Good & The Bad & The Ugly."

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Hermanos Gutiérrez - "Los Chicos Tristes" [Official Music Video] | Bild: Easy Eye Sound (via YouTube)

Hermanos Gutiérrez - "Los Chicos Tristes" [Official Music Video]

Wie zwei Zürcher Brüder von Wyoming träumen

Tatsächlich harmonieren die Brüder privat und musikalisch. Doch der Titel "El Bueno Y El Malo" bezieht sich sehr wohl auf ihre Gegensätze, auf Gut und Schlecht, auf Held und Bösewicht. Aber es ist vielmehr als eine Filmreferenz, sagt Estevan Gutierrez: "Wir denken, dass jeder Mensch eine gute sowie eine schlechte Seite hat. Das zeigt sich in jeder und jedem, in jedem Moment und in jeder beliebigen Situation. Das ist nicht zynisch gemeint, sondern zeigt eher die Tiefen und Dualitäten der Menschen, was perfekt auf unsere Musik übertragbar ist. Gerade weil diese gut ohne Gesang und Texte auskommt."

Mit jeder Minute zieht uns das Album mehr in die Western-Kulisse. Das Lagerfeuer in der Prärie, der trabende Ritt ins Abendrot, die lonseome Cowboy-Romantik. Allerdings: Hermanos Gutiérrez – die Brüder Estevan und Alejandro leben nicht in Wyoming, sondern in Zürich. Sie sind die Söhne eines Schweizer Vaters und ihrer Mutter aus Ecuador. Daher die spanischen Songtitel wie "La Verdad" oder "Tres Hermanos". Ihre lateinamerikanischen Wurzeln hören wir auch in den Rhythmen.

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Tres Hermanos | Bild: Hermanos Gutiérrez - Topic (via YouTube)

Tres Hermanos

Eine Hommage an indigene Wurzeln

Hermanos Gutiérrez sind keine schießwütigen Revolverhelden. Das Drehbuch ist kein Schundroman oder Action-Western, bei dem John Wayne mit locker sitzenden Sprüchen und genauso locker sitzender Knarre den Sherrif mimt und die Apachen oder Comanchen aus seiner Stadt jagt. Im Gegenteil: Hermanos Gutiérrez sind ruhig und stellen sich besonnen mit ihrer Familiengeschichte auf die Seite der Indigenen. Das zeigt sich in ihren Musikvideos.

Sie verklären den Wilden Westen nicht – und auch nicht seine Gräueltaten. Sie gehen dem Klischee des weißen Cowboys nicht auf den Leim und zeigen auch die andere Perspektive – die lateinamerikanische, deren Platz in den Romanen Karl Mays und auch Hollywoods so viele Jahrzehnte erfolgreich geleugnet und durch rassistische Stereotype ersetzt wurde. Hier heißt es eher: Re-Occupy Western.

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Hermosa Drive | Bild: Hermanos Gutiérrez - Topic (via YouTube)

Hermosa Drive

Kopfkino mit Ennio Morricone und Neil Young

Die beiden Brüder kosten ihre Gitarren-Motive aus, lassen Längen zu und erzeugen damit die Spannung. Ganz wie Sergio Leone in den ersten Minuten von "Spiel Mir das Lied vom Tod". Leones Filme untermalte Ennio Morricone, der auch bei Hermanos Gutiérrez immer durchzuhören ist. Aber auch andere Regisseur-Komponisten-Duos schießen einem hier ins Gedächtnis. Wim Wenders und sein Film "Paris, Texas" mit dem spannungsgeladenen Soundtrack von Ry Cooders. Oder Jim Jarmush mit seinem Neo-Western "Dead Man", den Neil Young fantastisch untermalte.

Produziert hat das Album niemand geringerer als Dan Auerbach, Gitarrist und Sänger der Black Keys. Dazu sind die Hermanos Gutiérrez extra nach Nashville, Tennessee gereist. Das Album erscheint auch auf seinem Label "Easy Eye Sound". Eine perfekte Wahl. Denn Auerbach steht ja nicht für die typische Country-Konserve aus Nashville, sondern für stilvollen Americana und Western-Blues. Diese kleine Filmmusik ist hypnotisch, cineastisch und zeitlos schön. Es wäre an der Zeit, dass Tarantino sich beim Schweizer Brüderpaar meldet und seinen nächsten Film mit ihrer Musik veredelt. "El Bueno Y El Malo" – für nur eine Handvoll Dollar sicher eins der schönsten Instrumental-Alben des Jahres.