Bayern 2 - Zündfunk


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Abschied von Françoise Cactus Independent Woman

Françoise Cactus ist mit 57 Jahren an Krebs gestorben. Das Ableben der Stereo-Total-Frontfrau hat in der deutschen Pop-Welt für große Trauer gesorgt. Auch Zündfunker Roderich Fabian war und ist sehr betroffen. Hier verabschiedet er sich von einer Independent Woman.

Von: Roderich Fabian

Stand: 19.02.2021

Francoise Cactus und Brezel Göring | Bild: Tapete

Das erste Mal gesehen habe ich Françoise Cactus als Teil der Lolítas beim Konzert in der Theaterfabrik Unterföhring, die Ende der 80er der Hotspot für coole Veranstaltungen im Münchner Norden war. Die Lolitas standen irgendwie noch in der Rock-and-Roll-Tradition amerikanischer Melancholiker wie den Pixies oder Mazzy Star. Zugleich spiegelte sich hier auch noch ein bisschen das Berlin der 80er, inklusive Hausbesetzungen und Straßenschlachten mit der Polizei.

"Das schöne Leben"

So richtig präsent in meinem Bewusstsein wurde Françoise Cactus aber erst ab Mitte der 90er durch das heruntergestrippte Konzept von Stereo Total. Denn das war zwar immer noch „Rockène Roll“ im weitere Sinne, nun aber nicht mehr mit der Ambition verbunden, irgendwann olympische Stadien zu bespielen (wie das mir bei den Lolitas immer noch vorkam), sondern sich auf den Indie-Underground zu beschränken. Independent war zu dieser Zeit noch nicht die abgenudelte Beschreibung für erfolglose Bands, sondern war durchaus wörtlich zu verstehen, als Unabhängigkeit vom Big Business, eigentlich vom Business ganz allgemein. Denn Unabhängigkeit bedeutete eben auch ungeheure Bescheidenheit, der Verzicht auf bürgerliche Sicherheiten. Stattdessen gab es das, was die Co-Berlinerin Christiane Rösinger mal als „Das schöne Leben“ bezeichnet hat, ein Netzwerk von Freunden und Bekannten, die man wortlos verstehen, auf die man sich verlassen, mit denen man feiern konnte. Françoise Cactus war die Personifikation dieser Haltung.

Genieß das Leben

Das spiegelten auch ihre Texte wider, die immer häufiger auf Deutsch gesungen wurden, aber oft den Geist der Sixties in Paris atmeten. Wahrscheinlich war es gar nicht so romantisch, als Serge Gainsbourg 1966 mit Brigitte Bardot im Studio war, aber Françoise Cactus vermittelte einem den Eindruck, dass es nichts Besseres gab. Der Sex, das Tanzen, die Party standen im Vordergrund vieler Texte, aber eben nicht banal und bewusstlos, sondern mit Stil und intelligentem, selbstironischen Charme. Viele Leute konnte das, was Stereo Total machten, gar nicht verstehen und taten es als Dilettantismus ab, aber diejenigen, die angesprochen waren, konnten aus der Musik von Françoise und Brezel Göring nicht nur Bestätigung des eigenen Denkens ziehen, sondern auch ungeheure Inspiration dafür, alles nicht zu eng zu sehen, sondern das Leben zu genießen.

Fans For Life

Immer mal wieder habe ich Françoise gesprochen, ihren lapidaren Humor bewundert, der auch dann nicht verging, wenn sie eindeutig auf der falschen Veranstaltung war. Auf der Frankfurter Buchmesse etwa, wo sie autobiographische Bücher wie „Abenteuer einer Provinzrose“ vorstellte, war sie umgeben von Geschäftemachern und hochgestochenen Literaten, wo sie doch nur ganz normale Geschichten aus dem wirklichen Leben erzählen wollte.

Es ist unfassbar und gnadenlos ungerecht, dass Françoise mit nur 57 Jahren schon von uns gehen musste. Denn die humorvolle Beschwörung des "Schönen Lebens" in prekärer Unabhängigkeit, die wir immer von ihr bekommen haben, die wird uns - ihren Fans for Life - noch sehr abgehen.


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