Bayern 2 - Zündfunk


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Von Sleater-Kinney bis Solange 2019 wird das Jahr der Frauen im Pop

Das Jahr ist gerade ein paar Tage alt - und schon ist die Popwelt voll mit tollen neuen Songs und Nachrichten. Und die kommen vor allem von Frauen. St. Vincent und Sleater-Kinney machen den Anfang - und wir rufen das Jahr für Frauen im Pop aus.

Von: Ann-Kathrin Mittelstraß

Stand: 11.01.2019

Sleater-Kinney | Bild: Jason Williamson

2019 fängt schon mal gut an. Zwei Generationen feministischer Ikonen treffen im Studio aufeinander: Da ist St. Vincent, die nicht nur für ihren abgefahrenen Art-Rock bekannt ist, sondern auch dafür, eine eigene Gitarre designt zu haben, die zum weiblichen Körper passt – also auch Platz für Brüste lässt. Sie wird das neue Album von Sleater-Kinney produzieren: Eine der Ur-Riot Grrrl-Bands, die Anfang der 90er von der US-Westküste aus die männerdominierte Punk- und Rockszene aufgemischt haben.

Sleater-Kinney und St. Vincent – eine Traumpaarung. Und dass die Meldung im Netz so steil gegangen ist, passt perfekt in unsere Zeit. Die Musikwelt ist gerade so weiblich bzw. nicht-männlich wie nie. Die Jahresbestenlisten 2018 wurden angeführt von Janelle Monae, Mitski, Snail Mail, Robyn, Cardi B oder SOPHIE. Und viele Fans sitzen jetzt schon auf heißen Kohlen, weil Solange dieses Jahr ein neues Album rausbringt. Ihr „A Seat at the Table“ war 2016 ein Manifest für stolze, starke, schwarze Frauen.

Frauen erzählen neue Pop-Geschichten

Die Musikfans sind hungrig nach weiblichen Perspektiven und Geschichten, die mal nicht aus der Bro Culture kommen, die längst auserzählt ist. Hier geht’s gar nicht darum, dass irgendwer verdrängt werden soll. Aber gerade jetzt werden vermehrt Künstlerinnen sichtbar und hörbar, denen das die männlich geprägten Strukturen in Musikindustrie, Medien und Gesellschaft bisher schwer gemacht haben. Man ist verleitet 2019 – mal wieder – also jetzt wirklich – endgültig! - als das Jahr der Frauen im Pop auszurufen! Aber so chic das immer klingt, vielleicht sind wir 2019 sogar noch weiter..?

Kleiner Selbstcheck: das Jahr ist gerade ein paar Tage alt und schon kamen tolle neue Songs raus von: Sharon van Etten, von Noname, Lizzo, den Priests, Billie Eilish, Stella Donelly, Hand Habits… Hm. Keine Männer dabei. Ist mir im ersten Moment nicht mal aufgefallen. Umso besser! Es sollte ja auch überhaupt keine Rolle spielen. Einen Schritt in Richtung Normalität.

Keine übermännlichen Festivals mehr!

„The New Normal“ ist auch das Motto des Primavera Festivals in Barcelona, eins der angesagtesten Festivals der Welt. Und die neue Normalität sieht so aus, dass das Festival zum ersten Mal ein gendergerechtes Line-up haben: Die Hälfte der Künstler sind Frauen. Katja Lucker setzt das bei ihrem Festival schon seit Jahren durch. Sie ist Direktorin des Festivals Berlin Pop Kultur. Argumente wie „es gibt halt zu wenig Bands mit Frauen“ lässt sie auch bei anderen nicht gelten. „Ich glaube, dass wir in ein paar Jahren eher darüber lachen werden, dass wir uns darüber jetzt so die Köpfe zerbrechen. Es wird einfach selbstverständlich sein.“

Was auf jeden Fall nicht mehr normal ist: dass Festivals zu 90 Prozent Männerbands buchen! Diese Festivals – meist die großen wie Hurricane oder Rock am Ring - bekommen sofort eins auf den Deckel im Netz. Aber so richtig. Der Druck auf sie steigt – sie verlieren eh immer mehr Besucher. Frauen dagegen können mobilisieren. Zum Beispiel die Berliner Band Gurr:

Gurr haben grade einen Instagram-Account gestartet namens „We Formed a Band“, sowas wie eine Kontaktbörse für Leute, die Bands gründen wollen oder für ihre Band noch Mitglieder suchen. Damit wollen sie gerade Frauen und Trans-Personen ermutigen, Musik zu machen. Um ein für alle Mal die Mär zu widerlegen, es gäbe halt nur Männerbands, die man buchen könnte. Es gibt eh schon Fortschritte bei dem ganzen Gender-Thema, sagt Laura von Gurr. Nur wünscht sie sich auch, in Zukunft mehr über die Musik der Band reden zu können - und weniger über das Geschlecht ihrer Mitglieder.

Also: so ganz in der Normalität sind wir dann doch noch nicht angekommen. Aber wir halten uns gerne an das Motto vom Primavera Festival „The New Normal“ und hoffen auf die self-fulfilling prophecy. Ach ja - St. Vincent und Sleater-Kinney zusammen im Studio? Klar, mega cool. Aber auch vollkommen normal oder?


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