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Heute vor 20 Jahren Wie die Sopranos den modernen Antihelden erfunden haben

Heute vor 20 Jahren starteten die Sopranos im US-Fernsehen. Der Mafioso Tony Soprano wurde zu einer der wichtigsten TV-Figuren aller Zeiten - sein Einfluss ist heute noch deutlich zu sehen. Trotz erfolgreichem Ende - nächstes Jahr soll die Geschichte weiter erzählt werden.

Von: Niklas Schenk

Stand: 10.01.2019

The Sopranos | Bild: HBO

Die großartigste Serie aller Zeiten hätte nach fünf Folgen vorbei sein können. Die amerikanischen Zuschauer hatten sich Anfang 1999 gerade erst an den übergewichtigen Anti-Helden Tony Soprano gewöhnt, gerade hatte der liebende Familienvater noch nach einem passenden College mit Tochter Meadow gesucht. Da ließ ihn Sopranos-Schöpfer David Chase in der Folge "College" einen abtrünnigen Mafiosi erwürgen. Dass der Sympathieträger und Hauptcharakter jemanden derart ermordet – das war noch nie dagewesen. Der Sender HBO hatte zunächst Einwände gegen die Szene, aber Chase setzte sich schließlich durch.

Ein Mafioso in Therapie: Tony Soprano

Dieser Tony Soprano, gespielt vom viel zu früh verstorbenen James Gandolfini, war eben wirklich nicht wie jeder andere. Ein Mafiaboss, der sich von einem Seelenklempner beraten lässt. Und die ist auch noch eine Frau. Ein Krimineller in der Midlife-Crisis, mit dem Zuschauer wie BR-Redakteurin Katja Huber trotzdem mitgefiebert haben. "Er ist ein Versager und ein Mörder in der eigenen Familie. Eigentlich müsste man nach meinem Verständnis dann aufhören, so eine Serie zu schauen, aber es hat alles funktioniert."

Die Geburt des TV-Antihelden

Eine Fernsehserie für Erwachsene, mit einem Antihelden als Hauptfigur - das kennen heute nicht nur Sopranos-Fans. Der Serienkiller Dexter Morgan aus Dexter und Drogenbaron Walter White aus Breaking Bad wären wohl ohne Tony Soprano nicht möglich gewesen - genausowenig die zahlreichen mordlüsternen Herrscher aus Game of Thrones. Im Fall von Breaking Bad etwa haben manche Zuschauer aber aus den Sopranos die falschen Lehren gezogen - und zu lang zu Walter White gehalten. "Das ist eines der schwierigen Erben der Sopranos". sagt BR-Serienexperte Till Ottlitz. "Diese Antihelden immer zu lieben und gar nicht zu kapieren, wann die böse werden und wann wir uns von denen eigentlich distanzieren müssen".

Die Charaktere in den Sopranos sind so vielschichtig gezeichnet wie in einem Thomas Mann- oder Dostojewski-Roman: Christopher, der Ziehsohn von Tony, dem seine Drogensucht am Ende zum Verhängnis wird. Tonys Tochter Meadow, die die Geschäfte ihres Vaters früh durchschaut. Oder seine nervtötende Schwester Janice, die immer wieder seine miesesten Charakterzüge offenlegt.

Sopranos für immer?

Das Vermächtnis der Sopranos flimmert noch heute, 20 Jahre nach dem Serienstart, über alle Bildschirme. Sopranos-Drehbuchautor Matthew Weiner erfand später Mad Men, Alan Taylor und Jack Bender wurden zu Starregisseuren und kümmern sich gerade um die letzte Staffel Game of Thrones. Und der Sopranos-Sender HBO hätte es ohne die Serie nie zu seinem Image als prestigeträchtigster Fernsehsender der Welt geschafft.

Die Sopranos leben also weiter. Trotzdem möchte Sopranos-Macher David Chase sie nochmal aufleben lassen. "The Many Saints of Newark“, ein Spielfilm über die Vorgeschichte der Sopranos in den 60er Jahren, soll nächstes Jahr in die Kinos kommen. Aber nicht alle Fans sind damit zufrieden. „Ich finde die Sopranos haben es als eine der wenigen Serien es hinten raus rund gemacht, nen guten Abschluss hinzubekommen", sagt Till Ottlitz. "Ich möchte da keine Add-Ons haben. Bitte lasst das Ding, so wie es ist, es ist ziemlich perfekt!“


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