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20 Jahre Kultserie "Sex And The City" ist auch heute noch eine der besten Serien überhaupt - wenn das Ende nicht wäre

Es ging um Sex und um Penislängen. Vor 20 Jahren lief die erste Folge "Sex and the City" auf dem amerikanischen Bezahlsender HBO. Eine Serie über vier Singlefrauen in New York. Elli Veh war damals großer Fan. Ein Rückblick.

Von: Elisabeth Veh

Stand: 05.06.2018

Die Schauspielerinnen Cynthia Nixon, Kristin Davis, Kim Cattrall und Sarah Jessica Parker aus der Fernsehserie "Sex and the City" | Bild: dpa - Fotoreport

„Reden ist Silber, Blasen ist Gold.“ Das ist der meistzitierte Satz von Samantha, einer der vier Singlefrauen in „Sex and the City“. Klingt erstmal nach Junggesellinnenabschied und man wartet auf den eingespielten Lacher. Aber jeder Penisspruch, jeder Penisnickname und jede Penisstory in der Serie ist ernstgemeint. Das liegt daran, dass ein großer Teil von „Sex and the City“ darin bestand zu diskutieren, unter welchen Umständen Sex befriedigend ist und unter welchen nicht. Befriedigend für die Frau - wie radikal.

Deswegen schauen wir einer frohlockenden Samantha gern beim Treffen mit einem Mann zu, der sie vorwarnt – und sich als „sehr gut ausgestattet“ bezeichnet – ein Erlebnis, das sie Carrie bei einem Coffee to go am nächsten Tag schockiert als „Mauer aus Fleisch“ beschreibt. Deswegen wollen wir unbedingt wissen, wer dieser sogenannte „Rammler“ ist, wegen dem Charlotte immer wieder Verabredungen mit ihren Freundinnen absagt – unter dem Vorwand: „Ich bin vollkommen fix und alle“. Charlotte-Sprache für: Ich verbringe die Nacht mit meinem Vibrator.

Und deswegen dreht sich eine der lustigsten Folgen um diesen einen Mann in New York City, der bei den Frauen berüchtigt ist: Mister Muschi. Mister Muschi liebt Oralverkehr und während die vier Freundinnen auf der Toilette einer Bar über sein Talent und seine Hingabe orakeln („Der Junge ist echt phänomenal. Ich war einen Monat mit ihm zusammen, er war so gut dass ich ohnmächtig wurde wenn ich kam! Viel Vergnügen!“) steht Mister Muschi am Tresen und schlürft dedicated eine Auster.

Sechs Staffeln und zwei Kinofilme

Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte hatten tatsächlich viel Vergnügen in den sechs Staffeln und den zwei Kinofilmen „Sex and the City“. Und: Sie hatten es eigentlich immer draußen, im Restaurant, im Club, im Yoga - die Stadt gehörte ihnen, in ihren Küchen wurde höchstens die China-Box aufgemacht, um dann eben weiter über die Männer innerhalb und außerhalb ihres Lebens zu diskutieren. Das war lustig, davon konnte man in der kleinen Großstadt München träumen, aber das war noch viel mehr: Es war die Emanzipationsstrategie der späten 90er Jahre. Eben die Zeit, als zum ersten Mal richtig viele Frauen um die 30 – also im Heiraten- und Kinderkriegen-Alter – eine ganz gute Karriere hingelegt haben. Und sich nicht sicher waren, ob sie sie das wirklich alles aufgeben wollen – und wenn doch, für wen?

„Wenn du als Frau Erfolg im Geschäftsleben dieser Stadt hast, bleiben dir zwei Möglichkeiten: Entweder rennst du mit dem Kopf gegen die Wand oder du sagst: Scheiß drauf und hast Sex wie ein Mann!“, so beschreibt Samantha dieses Dilemma, als Miranda in der allerersten Folge ihren Irgendwas-Mitte-Dreißig-Geburtstag feiert. Sex wie ein Mann – also ohne Gefühle.

Ein Versuch, das Terrain „Sex“ mit Messer zwischen den Zähnen zu erobern

Heute wirkt das wie ein eher verkrampfter Versuch, das Terrain „Sex“ mit Messer zwischen den Zähnen zu erobern. Und eine Wahrheit ist auch, dass die vier vielleicht die ersten weiblichen Antiheldinnen waren, weil sie mit dieser Strategie immer wieder scheitern. Richtig war sie trotzdem: „Sex and the City“ wurde als Aufräumtruppe, als weibliches Hit-Team im puritanischen Erbe der USA gefeiert. Die Jahrtausendwende klingt heute noch gar nicht so weit weg, aber sie war eine Zeit, in der man nicht oft genug laut „Penis“ sagen konnte, weil mindestens 70 Prozent der Bevölkerung noch rot dabei anliefen. Und vier sexuell befriedigte Frauen im Mittelpunkt einer US-amerikanischen Serie, das war damals eben auch noch ein Ding – und gefiel nicht jedem (männlichen) Rezensenten: „Sex and the City ist eine Show über vier Narzisstinnen in New York. Jetzt, wo diese ‚genialen Seelen‘ – sprich Frauen – da draußen Sex and the City gesehen habe, wie viele von ihnen werden es jemals wieder riskieren, mit einem von uns auszugehen?“, fragt sich die New York Times 1999.

Carrie versucht das mit dem “Sex wie ein Mann”. Als sie das Apartment einer alten Affäre verlässt, fühlt sie sich mächtig und hat das Gefühl dass ihr nichts und niemand querkommen kann. Dann rumpelt sie rein in „Mister Big“ (der in der Serie später übrigens als „der neue Donald Trump“ vorgestellt wird „nur dass er jünger ist und besser aussieht“). Und damit gehen die Probleme los.

Das Problem der Serie heißt Mr. Big

Dass Carrie fortan um „Mister Big“ kreist geht total ok: Mit all ihren Ängsten vor Enttäuschung, vor Bindung oder vor einem Leben als alte Single-Frau trifft die Serie hier genau ins Schwarze und thematisiert nochmal etwas Neues: Die ängstliche, neurotische Frau die zum Therapeuten geht – und trotzdem die Heldin ist. Das Problem ist das Ende:

Klar wirkt die Serie allein schon deswegen angestaubt weil alle in New York rauchen, Handys Antennen haben und Gespräche übers Festnetz eine riesige Rolle spielen. Deswegen ist es fast müßig, die Serie heute unter #Metoo, LGTBQ oder Diversity-Gesichtspunkten neu zu bewerten und dahingehend krachend durchfallen zu lassen.

Aus heutiger Sicht: Etwas zahm

Es ist „Mister Big“, der Carrie aus ihren Gedankenspiralen rettet. Und es ist ein weißes Vivienne Westwood-Kleid, in dem sie ihn heiraten will. Natürlich geht wieder erstmal alles schief, aber das ist nicht der Punkt: Es ist diese tiefe Sehnsucht nach dem Happy End, die etwas Radikales nicht mehr wirklich empowernd, nicht mehr wirklich ganz vorne dastehen lässt, sondern „Sex and the City“ schlussendlich leider etwas zahm gemacht hat.


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