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Unwort des Jahres 2018: „Anti-Abschiebe-Industrie“ „Solche Begriffe befeuern rechtsradikale Diskurse“

Der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch hält die Auszeichnung für das Unwort des Jahres für gerechtfertigt – Preisträger Alexander Dobrindt sieht die Negativ-Auszeichnung gelassen.

Von: Zündfunk

Stand: 15.01.2019

Der Begriff „Anti-Abschiebe-Industrie“  wurde von der TU Darmstadt zum Unwort des Jahres 2018 gewählt | Bild: picture-alliance/dpa

Mit dem Begriff “Anti-Abschiebe-Industrie” hat Alexander Dobrindt (CSU) wieder einen Titel nach Bayern geholt. Sein Begriff wurde von der TU Darmstadt als Unwort des Jahres ausgezeichnet. Die Jury begründet die Entscheidung damit, dass Dobrindt und seine “Anti-Abschiebe-Industrie” verdeutliche, „wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben hat.“ Alexander Dobrindt reagierte gelassen. Er habe nur zuspitzen wollen, mehr nicht. Der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch sieht das anders.

Zündfunk: Herr Stefanowitsch, halten Sie die Wahl von „Anti-Abschiebe-Industrie“ für eine gute Entscheidung?

Anatol Stefanowitsch: Es ist in zweifacher Hinsicht eine gute Entscheidung: zum einen wird damit zivilgesellschaftliches Engagement de-legitimiert. Hier geht es ja um Leute, die dafür sorgen wollen, dass abgelehnte AsylbewerberInnen Zugang zum Rechtsstaat bekommen und dafür werden sie von einem gewählten Politiker als Industrie verunglimpft. Das ist in gewisser Weise ein Angriff auf die Demokratie. Und zum anderen ist dieser Begriff von den rechten Parteien wie AfD und NPD ganz begeistert aufgegriffen worden. Damit zeigt dieser Begriff auch wie gefährlich es ist, wenn Politiker demokratischer Parteien sich zum Stichwortgeber machen, um rechtsradikale Diskurse zu befeuern.

Zündfunk: Der Stichwortgeber Alexander Dobrindt hat ja selbst heute dazu gesagt: "Eine Debatte braucht auch zugespitzte Begriffe." Und dieser sei eine Beschreibung des Sachverhalts. Hat er Recht?

Anatol Stefanowitsch: Da müsste er erstmal erklären welchen Sachverhalt er damit überhaupt beschreiben will. Also der Begriff "Anti-Abschiebe-Industrie" suggeriert, wie das die Jury festgestellt hat, dass hier Leute im großen Maßstab Geld mit etwas verdienen wollen. Dobrindt stellt damit deren Motive komplett in Frage. Der Begriff hat ja schon fast etwas Verschwörungstheoretisches. Dabei geht es um Leute, die sich engagieren, weil sie einen Bedarf sehen. Und dann kommt ein Politiker und sagt: "Das macht ihr nur, um Geld zu verdienen". Ich kann da keine zugespitzte Formulierung erkennen, sondern nur, dass hier Leute auf eine offene und absolut unangemessenen Weise angegriffen werden, die zum Beispiel gegen Abschiebebescheide Klage einreichen oder anders versuchen Abschiebungen zu verhindern.

Zündfunk: Die "Anti-Abschiebe-Industrie" reiht sich damit ein in andere "Unwörter des Jahres". Die waren in den letzten Jahren: "Alternative Fakten", "Volksverräter", "Gutmensch", "Lügenpresse" oder "Sozialtourismus". Was bringt es denn überhaupt solche Begriffe zu kritisieren - trägt man dabei nicht erst recht dazu bei, dass sie verbreitet werden?

Anatol Stefanowitsch: Das glaube ich nicht, weil man ja feststellen kann, dass sich die meisten dieser Begriffe nicht in der Folge der Wahl zum Unwort des Jahres verbreitet haben, sondern sie waren entweder vorher schon sehr verbreitet, wie bei "Lügenpresse" oder "Gutmensch" oder es sind eben einzelne Wortneuschöpfungen wie die "Anti-Abschiebe-Industrie", die sich auch nach ihrer Wahl nicht besonders verbreiten haben, sondern von ganz bestimmten Leuten aufgegriffen wurden. In dem Sinne glaube ich nicht, dass die Wahl der Unwörter hier zur Verbreitung dieser Begriffe beiträgt.

Zündfunk: Was können diese Begriffe dann überhaupt bewirken?

Anatol Stefanowitsch: Die Wahl trägt dazu bei, dass wir uns einmal im Jahr darüber unterhalten, welche Begriffe in diesem Jahr im politischen Diskurs ungut waren. Solche, die sich wie in diesem Fall in ein "Gesamtklima" eingepasst haben, bei denen eigentlich allen Menschen, die Schwächeren helfen immer unlautere Motive unterstellt werden, bei denen immer so getan wird, als ob sie das nicht machen, weil sie es für das Richtige halten, sondern, weil sie eine ganz andere Agenda haben. Ob sich durch die Wahl des Unwortes der politische Diskurs insgesamt entspannen lässt und, ob so Leute wie Alexander Dobrindt auch anfangen über ihre Wortwahl nachzudenken? Da kann man sicher Zweifel haben.

Zündfunk: Es fällt auf, dass die sogennanten "Unwörter" meist aus dem rechten Lager oder dem rechten Sprachgebrauch kommen. Gibt es denn keine linken Unwörter?

Anatol Stefanowitsch: Die Unwort-Jury sucht nach Begriffen, die die Menschenwürde verletzen. Von daher muss es vielleicht gar niemand wundern, dass die Unwörter hauptsächlich aus Ideologien kommen, die die Menschenwürde in Frage stellen. Man kann von linken Ideologien - und von dem, was landläufig "linksextremistisch" genannt wird - halten, was man will. Aber klar ist: dort wird die Menschenwürde nicht grundsätzlich in Frage gestellt. In der Vergangenheit waren es nicht nur Begriffe aus dem rechten Spektrum, die ausgezeichnet wurden, sondern sehr häufig Begriffe aus dem neoliberalen Kapitalismus. Also überall dort, wo der Mensch als Ganzes oder einzelne Menschengruppen zu einer Art politischer Verfügungsmasse gemacht werden, entstehen solche Begriffe. Dazu gehört auch der rechte Rand. Da darf man sich keine Symmetrie zwischen rechts und links einreden.


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