Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Wunderglaube der Altbayern Das Ei-Wunder von Taxa

Vor 400 Jahren hat eine Henne im Odelzhausener Ortsteil Taxa ein besonders extravagentes Ei gelegt. Das Ei löste seinerzeit eine Wallfahrt aus – und lässt bis heute tief in den Wunderglauben der Altbayern im frühen 17. Jahrhundert blicken.

Von: David Friedman

Stand: 26.03.2018 | Archiv

Taxa ist heute ein verschlafenes Neubaugebiet. Der letzte Vollerwerbsbauer hat längst schon aufgegeben oder umgesattelt und ist heute Nebenerwerbslandwirt. Wie zum Beispiel Michael Obermair, der "Tonibauer" in Essenbach bei Taxa in Odelzhausen. Er ist Ski-Lehrer, Industriekaufmann und Hühnerzüchter, alles in einem. Und er ist Bewahrer und Förderer eines Wunders. Denn Obermairs Hühner legen – bei guter Pflege – hin und wieder ein geheimnisvolles "Taxa-Ei".

"Das Taxa-Ei erkennt man daran, dass das Ei einen runden Kranz hat, der wie so ein Stern aussieht und geformt ist. Das sind so leichte Wellungen, die kreisförmig ums Ei rum sind."

Michael Obermair

Ein Ei mit einem Strahlenkranz auf der Schale

"Als wäre ein Siegel in Wachs oder weichen Kalk darauf gedrückt worden", schreibt 1634 der Jesuitenpater Georg Stengel. Er schildert in seinem Emblem-Buch wie der "vornehme" und "wackere" Johann Wilhelm Hundt im Jahr 1618 eine Kapelle erbauen lässt. Mit sternförmigem Grundriss. Zu Ehren der Muttergottes – "Maria Stern". Unmittelbar nach Baubeginn hätten Mägde im Hundtschen Hühnerhof dann ein besonderes Ei entdeckt. Mit einem Stern oder Strahlenkranz auf der Schale.

"Ich glaube die überirdischen Mächte wollten mit einem Wunderzeichen anzeigen, dass sie Wohlgefallen haben an dem sternförmigen Bauwerk, das sie, da es am Aufenthaltsort der Hühner errichtet ist, auch durch ein Produkt aus deren Bauch ehren und gleichsam durch ein Siegel bekräftigen wollten."

 Jesuitenpater Georg Stengel anno 1634

Damit nimmt das Ei-Wunder von Taxa seinen Lauf. Seltsamerweise hört sich die Entstehungs-Geschichte bei Michael Obermair etwas abenteuerlicher an.

"Es geht halt darum, dass der Graf von Hundt in Seenot gekommen ist und dann zur Muttergottes gebeten hat, dass er halt eine Kapellen baut, wenn er diesen Sturm überlebt. Und dann hat er des Ganze überlebt, ist heimgekommen und hat halt nix g'macht. Und auf einmal sind halt alle aufgeregt gewesen, weil – laut der Sage - auf einem Stein ein Ei mit einem Kranz und in der Mitte die Mutter Gottes zu sehen war. Und des war für ihn die Erinnerung, dass ihm die Muttergottes eigentlich geholfen hat. Und dann hat er natürlich eine Kapelle gebaut und aus der Kapelle ist dann später das Kloster Taxa geworden – und so ist halt dann die Sage entstanden."

Michael Obermair

Seenot, Maria-Hilf, Gelübde, Errettung

Die pure Dramatik: Seenot, Maria-Hilf, Gelübde, Errettung – alles mündet in einem zerbrechlichen Stern-Ei, das auf einem harten Stein zu liegen kommt. Wenn das nicht zum Gackern ist. Ga, gag, gag, gag a ga – so lautet eine Schrift des Predigers Johann Ulrich Megerle, alias Abraham a Sancta Clara. In seiner Schrift mit dem lautmalerischen Titel schildert Abraham a Sancta Clara, wie Herr von Hundt in Seenot gerät, wie ihn die Gottesmutter rettet und wie von Hundt Maria zum Dank eine Kapelle verspricht. Und wie ihn ein schwarzes Huhn an das vergessene Gelöbnis erinnert. Indem es ein Stern-Ei legt. Auf einem frischgebrannten Ziegelstein.

"Der Herr von Hundt hatte sein Gelöbnis vergessen, dass er eine Kapelle baut. Und der Ziegelstein war die Erinnerung, ach Gott ich wollte ja mal eine Kapelle bauen. Und der Stern auf dem Ei war die Erinnerung an die Muttergottes – Mehrstern, Maria, da gibt’s ja auch ein schönes Marienlied. Aber die Tatsache ist, wir haben ja frühere Berichte vom Pfarrer von Sulzemoos, aus denen eindeutig hervorgeht, die Kapelle war bereits im Bau. Man hat das da als Bestätigung gesehen. Aber der Abraham a Sancta Clara, der war hier 1670 bis 1672 Propagandist, der hat das halt ein bisserl verändert. Schöner gemacht – von dem man bis heute erzählt."

Wilhelm Liebhart, emeritierter Professor und führender Vertreter der wissenschaftlichen Heimatkunde  

Positiv formuliert: Abraham a Sancta Clara hat sich ein paar Freiheiten herausgenommen. Negativ gesagt: Er hat einfach gelogen.

"Mei, im kirchlichen Bereich von Lügen sprechen – wo wir doch an Wunder glauben, an Reliquien, an Heilige – ich würde sagen, nein, er hat sie nur entsprechend präpariert, ausgeschmückt, anschaulicher gemacht."

Wilhelm Liebhart, emeritierter Professor und führender Vertreter der wissenschaftlichen Heimatkunde    

Das Ei-Wunder - eine Erfindung, die Wirkung zeigt

Die heute bekannte Geschichte vom Ei-Wunder von Taxa ist also eine Erfindung von Abraham a Sancta Clara. Sie zeigt schnell Wirkung. Plötzlich sehen alle möglichen Menschen Stern-Eier – mit und ohne Marienbildnis drauf – und pilgern nach Taxa. Heimat-Professor Wilhelm Liebhart zitiert Sancta Claras Zufriedenheit mit dem Erfolg der Wallfahrten.

"Das schönste Ei mit einem Frauen-Antlitz in der Mitte stammt vom Kloster Altomünster. Aus dem Hühnerhof der Äbtissin von Altomünster. Dieses Ei wurde in einer großen Prozession nach Taxa gebracht, ging dann nach München zum Kurfürsten und vom Kurfürsten Maximilian ging‘s direkt zum Kaiser Ferdinand II. Abraham a Sancta Clara war ja dann jahrelang in Wien als Hofprediger und hat dieses Ei gesucht in der Raritätenkammer des Kaisers – aber nicht mehr gefunden."

Wilhelm Liebhart, emeritierter Professor und führender Vertreter der wissenschaftlichen Heimatkunde  

Was kein Wunder ist. Denn ein Taxa-Ei kann ziemlich leicht zerbrechen. Vor allem, wenn es von Hand zu Hand wandert.

"Eben durch diese Deformierung von dem Ei ist gerade dort, wo der Sternbereich ist, die Schale sehr, sehr dünn. Und die meisten Eier, die man auf die Seitet tut und ausblasen will, die gehen beim Ausblasen kaputt. Es ist selten, dass die halt wirklich gut erhalten sind."

Michael Obermair              

Wie können die Hennen intakte Stern-Eier legen?

Obermair hat beobachtet, dass seine Hennen vor allem rund um Weihnachten und Ostern mehr Sterneier legen, als im restlichen Jahreskreis. Warum ausgerechnet dann ist nicht klar. Aber dass die Hennen überhaupt intakte Stern-Eier legen können, grenzt angesichts der Zerbrechlichkeit der Schalen an ein Wunder.

"Wir haben mal nachgefragt, woher das Ganze kommt. Und wir haben die Antwort bekommen, dass wenn während der Legephase oder während der Erzeugung vom Ei grad in der Nacht das Huhn erschrocken wird, dass sich dann solche Verformungen bilden können."

Michael Obermair

Auf 10.000 Eier im Jahr kommt vielleicht einmal ein Stern-Ei daher. Von welchem Huhn es konkret stammt, das bleibt aber das große Geheimnis der Hühnerschar.

Aufregung in der Gerüchteküche

Zurück nach Taxa, ins Jahr 1618. Der Fenstersturz von Prag, Beginn des Dreißigjährigen Krieges – zwischen all den Weltereignissen kommt im Dachauer Hinterland ein unscheinbares Ei auf die Welt und sorgt für Aufregung in der lokalen Gerüchteküche.

"Wie entsteht ein Gerücht bei uns in Bayern? Alles ist Mund-zu-Mund-Propaganda. Das erste Aufsehen gab's ja schon beim Schlossherrn. Und dann geht’s natürlich rum. Im Schloss geht’s rum. Dann geht’s im Dorf rum. Da gibt’s eine Gaststätte. Dann ziehen hier Leute durch. Odelzhausen liegt ja an der Straße München-Augsburg. Was Besseres kann man sich ja gar nicht vorstellen. Das verbreitet sich dann."

Wilhelm Liebhart, emeritierter Professor und führender Vertreter der wissenschaftlichen Heimatkunde   

Es kommt zu ersten Prozessionen. Getragen und organisiert werden die ersten Wallfahrten nicht von der Obrigkeit, sondern von den Gläubigen selber. Das ist das Wesen einer Volks-Wallfahrt – sagt Heimat-Professor Wilhelm Liebhart.

"Wallfahrten entstehen spontan. Versuche von Klöstern, Wallfahrten zu begründen, sind immer schief gegangen. Es sind Volkswallfahrten. Das Volk kommt hierher und will dieses Ei-Wunder sehen. Und das erfordert natürlich geistliche Betreuung. Weil sonst Wildwuchs entsteht. Im Falle Taxa ist es interessant, dass der damalige Fürstbischof von Freising ein strikter Gegner dieser Wallfahrt war. Er hat alles getan, um das zu verhindern, dass hier die Herrschaftsfamilie, also die Schlossbesitzer, ein Kloster installieren. Während in München der Herzog und der spätere Kurfürst Maximilian das gefördert haben, sogar schon sehr früh der Kaiser in Wien, der ja Studienkollege war von Maximilian. Die kannten sich von Ingolstadt her. Aber der Bischof Eckart von Kapfing versucht, das von Anfang an das zu unterdrücken. Er fordert Berichte an vom damals zuständigen Pfarrer von Sulzemoos und lässt sich genau schildern, wie das ist. Und dann gibt’s tatsächlich einen Schriftverkehr, wo dann die Schlossherrschaft sagt, wir brauchen jetzt Priester, der Schlosskaplan alleine ist nicht in der Lage, den Ansturm der Menschen, die das Ei sehen wollen, die beten wollen, die spenden wollen, zu bewältigen. Wir brauchen da eine Seelsorge."

Wilhelm Liebhart, emeritierter Professor und führender Vertreter der wissenschaftlichen Heimatkunde    

Ein österreichischer Bettelorden, der Orden der "barfüßigen Augustiner", der "Augustiner-Eremiten", übernimmt schließlich die Betreuung der Pilger. Taxa entwickelt sich zur drittgrößten Wallfahrt in Alt-Bayern, nach Altötting und Tuntenhausen, gefördert vom Münchner Hof. Denn das Ei-Wunder passt hervorragend ins Konzept der Gegenreformation.

"Man will den Protestanten zeigen, die ja mit dem Marienkult nichts mehr im Sinn haben seit Luther, dass Maria wirklich segensreich wirkt und Wunder machen kann. Also es hat schon was gegenreformatorisches auch an sich."

Wilhelm Liebhart, führender Vertreter der wissenschaftlichen Heimatkunde   

Aber wirklich reich wird Taxa offenbar nicht mit der Wallfahrt. Johann Wilhelm Hundt verschuldet sich mit dem Bau des neuen Klosters und der Kirche. Auch wenn beides ziemlich ländlich-bescheiden ausfällt.

"Groß sind doch die Prälatenklöster Tegernsee, Fürstenfeld oder Indersdorf. Das sind große Anlagen, die ein riesiges Stiftungsvermögen haben. Diese Augustiner-Eremiten haben doch kein Vermögen gehabt, die mussten sich alles erbetteln oder kamen durch die Messstiftungen zu einem Vermögen."

Wilhelm Liebhart, emeritierter Professor und führender Vertreter der wissenschaftlichen Heimatkunde                     

Mit der Säkularisation ist alles vorbei

1802 ist mit der Säkularisation mit einem Schlag alles vorbei. Das Kirchen- und Klostervermögen wird zum Kriegsführen gebraucht. Zuerst gegen Napoleon, dann mit Napoleon gegen Österreich und Russland. Während andere Klöster "nur" ausgeräumt und die Gebäude verkauft werden, wird Kloster Taxa ausgeräumt und dem Erdboden gleich gemacht.

"Es ist das Zeitalter der Aufklärung. In Bayern regiert ja der Minister Montgelas – ein überzeugter Aufklärer, ein sogenannter Illuminat. Die sagen ja, das Volk ist jahrhundertelang verdummt worden durch die Kirche. Und am Schlimmsten haben es die Bettelorden-Klöster getrieben. Der damalige Kurfürst hat gesagt, die Bettelorden passen nicht mehr in die Zeit. Sie liegen dem armen Volk nur auf dem Sack, weil sie von Bauernhof  zu Bauernhof ziehen und Eier betteln und Getreide betteln und Butter betteln. Die haben keinen Nutzen."

Wilhelm Liebhart, emeritierter Professor und führender Vertreter der wissenschaftlichen Heimatkunde   

"Der hat einen Taxa-Stern" = "Der hat einen Vollrausch"

An Taxa wurde ein Exempel statuiert. Nichts sollte mehr an das Ei-Wunder erinnern. Auch wenn später Gläubige von Odelzhausen noch eine kleine Kapelle und ein Gedenkkreuz für die verstorbenen Augustiner-Pater errichtet haben. Heute, 400 Jahre später, taucht das Stern-Ei hin und wieder auf im Dachauer Hinterland. Zum Beispiel als Firmen-Logo der Odelzhausener Schlossbrauerei.   

"Es gibt verschiedene Bezeichnungen für Bierräusche: Im 18.Jahrhundert hat man auch gesagt, in dieser Region um Friedberg, Aichach und Fürstenfeldbruck: Der hot an Taxa-Stern! Das heißt einen Vollrausch. Nachdem man hier in Taxa auf der Wallfahrt war, ging man natürlich in die Gaststätte, hat gezecht und kam dann mit einem 'Taxa-Stern' heim."

Wilhelm Liebhart, emeritierter Professor und führender Vertreter der wissenschaftlichen Heimatkunde   

Ein Schelm, der dabei Schlimmes denkt, dass Odelzhausen im Wappen ausgereichnet ein "Taxa-Stern-Ei" führt. Bürgermeister Markus Trinkl muss oft erklären, was es damit auf sich hat.

"Viele stellen sich wirklich die Frage, ist das jetzt ein Ei oder nicht. Das können ja ganz viele gar nicht fassen. Und dann wird halt oft die Frage gestellt: wie kommt’s dazu? Dadurch, dass diese Sternumrandung, dieser Sternenkranz außen rum ist – ist es ja für viele im ersten Moment nicht so sichtbar. Und dadurch erzählt sich dann immer eine nette Geschichte und gibt’s ein nettes Gespräch, bei dem man den Hintergrund ein bisserl erläutert. Das nehmen dann viele ganz amüsiert auf."

Markus Trinkl, Bürgermeister von Odelzhausen


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