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Wo die Ideen wachsen Die Landesgartenschau 2018 in Würzburg

In Städten wird nach Möglichkeit jeder freie Quadratmeter bebaut. Grünflächen verkümmern oft zum ökologischen Feigenblatt. Doch es geht auch anders. Das zeigt die Landesgartenschau 2018 in Würzburg – wo gerade ein völlig neuer Stadtteil entsteht.

Von: Barbara Markus

Stand: 13.04.2018 | Archiv

Vorbereitungen auf die Landesgartenschau 2018 in Würzburg | Bild: BR-Mainfranken/Barbara Markus

Vom grauen Kasernengelände zum grünen Bürgerpark für einen neuen Stadtteil: Zum zweiten Mal wird eine Landesgartenschau für Würzburg Mittel zum Zweck. Beim ersten Mal, 1990, wurden die Bastionen rund um die Festung Marienberg aus dem Dornröschenschlaf erweckt – rund zwei Millionen Menschen strömten damals auf das Gelände und den Würzburgern ist die grüne Idylle so sehr ans Herz gewachsen, dass Pläne für eine zweite Landesgartenschau auf breite Unterstützung gestoßen sind. Tausende nutzten jede Chance, um sich einen ersten Eindruck von dem Gelände zu machen, auf dem die Landesgartenschau 2018 ausgetragen wird: ein Hochplateau im Osten der Stadt, wo der Wind  zeitweise heftig bläst.

15.000 Lkw-Ladungen Altlasten abtransportiert

Asphaltstraßen und betonierte Flächen in einer Größe von mehr als 30 Fußballfeldern sind entsiegelt, rund 100 Militärgebäude abgetragen und der Untergrund bis tief in die Erde von Altlasten befreit. 15.000 Lkw-Ladungen wurden abgefahren. Schließlich ist das ehemalige Kasernenareal mit rund 135 Hektar so groß wie die Altstadt von Würzburg. Seit 1945 war es unzugänglich. Damals hatte es die US-Armee in Beschlag genommen. Bis zu 5.000 GIs waren in Spitzenzeiten in den Leighton Barracks stationiert und allenfalls einmal im Jahr öffneten sich die Tore – zum Deutsch-Amerikanischen Volksfest. Ein Ansturm von Zivilisten war die Folge. Denn nur dort war damals "Barren-Eiscreme", American Ice-Cream in großen rechteckigen Plastikdosen, zu haben.

Die Leighton Barracks – eine Welt für sich

Die damaligen Leighton Barracks, das war eine eigene Welt – für die meisten Würzburger so fern wie ein US-Bundesstaat jenseits des Ozeans und doch vor der Haustüre. So ist es auch dem Würzburger Lokalhistoriker Roland Flade ergangen.

"Natürlich war ich manchmal auf dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest und ich kannte auch einen amerikanischen Offizier, der mich für ein Barbecue da in sein Offiziershäuschen eingeladen hatte in einem Sommer. Aber ansonsten wusste ich von der Geschichte nichts. Und das Spannende war herauszufinden, dass dieses Gelände, das für die meisten Würzburger praktisch überhaupt nicht existiert hat, was ja auch in den letzten Jahren von den Amerikanern hermetisch abgeschlossen wurde, und dann war es Baustelle und man konnte wieder nicht rein. Dieses Gelände birgt eine ganz intensive, eine ganz vielgestaltige Vergangenheit und das ist natürlich für einen Historiker geradezu ein  Geschenk des Himmels, das er direkt vor der Haustür ein Gelände hat, dessen Geschichte noch niemand erforscht hat und das jetzt bei der Landesgartenschau von vielleicht einer Million Menschen besucht wird, von denen sich ganz viele, wie ich jetzt schon merke, auch für die Vergangenheit dieses Geländes interessieren."

Roland Flade, Würzburger Lokalhistoriker

Hubland – das ist der alte Flurname für das Plateau über dem Maintal, das die US-Armee bis 2008 mit den Leighton Barracks belegt hatte. Eine der 15 Stelen, die Roland Flade für das Gelände mitgestaltet hat, lässt das multimedial wieder lebendig werden. 

"So gehen sie durch das Gelände, sie gehen an der ehemaligen Mall vorbei. Sie sehen wie dieses größte Einkaufszentrum der Amerikaner in Europa ausgeschaut hat. Wie riesig es war. Wir haben Fotos von der Eröffnung. Da gab es Sonderangebote und 5.000 Menschen haben dieses Einkaufszentrum gestürmt.  Und das darf man nicht vergessen, das ist 1998 eröffnet worden, also genau zehn Jahre vor dem Abzug der Amerikaner, die zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht wussten, dass sie so schnell abziehen würden."

Roland Flade, Würzburger Lokalhistoriker

Was von der Kaserne übrig blieb

Zehn Jahre später ist von dem 10.000 Quadratmeter großen Einkaufseldorado der US-Soldaten nur noch der ehemalige Eingangsbereich übrig. Doch auch der ist noch groß genug, um jetzt für die Landesgartenschau zum sogenannten Food Court zu werden – mit verschiedensten Speisen, wie in einer Markthalle. Auch eine ehemalige Tankstelle blieb als Reminiszenz an die Zeiten chromblitzender Schlitten stehen und lädt mit einer Ausstellung im Untergeschoss zu einer  Zeitreise in die Geschichte des Geländes und seiner ehemaligen Bewohner ein.

Ehemalige Flugzeuglandebahn wird zur Hauptschlagader

Die ehemalige Landebahn, die nun zum Wiesenpark umgestaltet wird

Vor der Tankstelle erstreckte sich  einmal eine Flugzeuglandebahn, jetzt Natur  soweit das Auge reicht. Auf 1,7 Kilometern Länge dehnt sich ein Wiesenpark bis auf eine Breite von 500 Metern aus. Das ist die Hauptschlagader der Landesgartenschau und des späteren Bürgerparks. Von dem 28 Hektar großen Ausstellungsgelände bleiben nach dem Ende der Landesgartenschau  21 Hektar dauerhaft frei von jeglicher Bebauung:  als grüne Achse durch den neuen Stadtteil mit Sport- und Spielmöglichkeiten, Wasserflächen, Rückzugsecken und viel Platz,  um Picknickdecken auszubreiten.

Als Sieg der Natur über menschliche Utopien – so will Künstler Michael Ehlers seine Skulptur verstanden wissen, die an eine andere, nicht weniger bedeutsame Epoche in der Geschichte des Hublands erinnert.  20 Meter lang und bis zu sieben Meter hoch  ist das filigrane Stahlgerippe, das jetzt nach und nach von Hopfen überwuchert werden soll, bis die schräg nach oben ragende Zigarrenform weithin erkennbar wird.  Die Installation nimmt Bezug auf ein historisches Ereignis: 1939, fünf Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, hatte "Graf Zeppelin II." das größte Luftschiff aller Zeiten auf dem Hubland festgemacht. Doch dem Brummer gingen zarte Falter voraus. Noch heute begeistert der Wagemut junger Würzburger den Lokalhistoriker Flade.

"Aus Sperrholz, Blech und Leinwand haben die Flugzeuge zusammengebaut. Und schon sieben Jahre nach dem ersten Flug der Gebrüder Wright in Amerika 1903 sind 1910 die ersten Maschinen am Hubland gestartet, von Würzburger jungen Männern. Und da beginnt die Fliegergeschichte des Hublandes. Und so hat unter anderem Leo Lendner, nachdem in Würzburg ja auch eine Straße benannt ist, dort oben 1913 einen Flug gestartet, ist runter zum Sanderrasen geflogen, wo damals das große Kiliani Volksfest war und auf dem Rückflug ist er abgestürzt – mit einem französischen Fliegerkollegen und das ist für mich so bezeichnend. Ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges fliegt ein junger Würzburger, vielleicht 20 war der, mit einem noch jüngeren Franzosen, die  waren Freunde, hatten die gemeinsame Leidenschaft für das Fliegen und stürzen gemeinsam ab."

Roland Flade, Würzburger Lokalhistoriker

Eine überregional bekannte Flugschule entsteht

Ehemaliger Tower aus der Zeit der Nutzung als Fliegerschule und Fliegerhorst

Ein Jahr später ist eine solche Freundschaft undenkbar. Das Hubland wird bis 1918 zum Kriegsgefangenenlager. Bis zu 6.000 Soldaten, vorwiegend Franzosen, werden hier interniert – und mit der Fliegerei ist es zunächst einmal vorbei. Nach dem Ersten Weltkrieg durften Deutsche erstmal keine Motorflugzeuge mehr haben und erst recht nicht fliegen. Als die Alliierten dieses Verbot lockerten, wurde Anfang der 1920er Jahr am Hubland eine Fliegerschule gebaut. Und die wurde überregional bekannt.

Die zivile Luftfahrt steckt damals noch in den Kinderschuhen und sie ist eine Männerdomäne. Elli Beinhorn ist eine der wenigen Frauen in Deutschland, die es hinter den Steuerknüppel schaffen. 1932 schreibt sie mit einer Weltumrundung im Alleinflug Geschichte – aber auch das Hubland ist in ihre Memoiren eingegangen.   

"Dass Elli Beinhorn nach Würzburg gekommen ist, das zeigt wie bekannt damals diese Fliegerschule in Deutschland schon gewesen ist. Das war 1929. Sie war 22 Jahre alt, hatte schon die Flugausbildung irgendwo anders gemacht. Aber sie wollte den Kunstflugschein  erwerben. Sie beschreibt das sehr schön in ihren Memoiren, wie toll diese zwei Monate im Sommer 1929 in Würzburg waren und beschreibt wie sie da die verschiedenen Kunstflugfiguren, Looping und Flug auf dem Rücken und so weiter im Himmel über Würzburg gelernt hat."

Roland Flade, Würzburger Lokalhistoriker

Wie ein Garten auf dem Mars aussehen könnte

Gestern Doppeldecker, heute Raumfahrt. Einen so genannten "Marsgarten"  hat Grünplaner Christian Loderer in die neue Landesgartenschau integriert – fasziniert von dem, was sich heute in unmittelbarer Nachbarschaft  auf dem ehemaligen Kasernengelände tut, das einmal Fliegerhorst war. 40 Hektar und damit ein Fünftel hat die Universität Würzburg erworben. So konnte sie den bestehenden Campus am Stadtrand erweitern. Unter anderem ein Marsroboter ist dort in der Entwicklung.

"Da gibt es auch so eine kleine Mars-Teststrecke und da sind wir drauf gekommen, dass wir gesagt haben, das müssen wir unbedingt rüberbringen auch auf die Landesgartenschau und erst später sind wir dann auch drauf gekommen, das ist ein Ernährungsthema als Zukunftsvision. Also diese Besiedlung des Mars, die eigentlich durch diese völlig neuen Systeme möglich wäre, die in sich geschlossen sind. Also da werden im Prinzip Fische gezüchtet, die dann über einen geschlossenen Wasserkreislauf sozusagen Dünger produzieren, der dann wieder von den Pflanzen aufgenommen werden kann."

Christian Loderer, Grünplaner

Aquaponic nennt sich diese Symbiose von Fisch- und Pflanzenzucht. Es ist eine platzsparende Kombination von Aquarium und Wassergarten, die unter anderem bereits auf Hochhausdächern in Berlin zum Einsatz kommt.

Das Kartoffeldenkmal

Wie und wovon wollen wir leben? Wissenschaft und Forschung suchen nach Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit und auch das hat am Hubland Geschichte. Davon zeugt ein spätbarockes Denkmal. Dankbare Landwirte haben es  Philipp Adam Ulrich gewidmet, einem 1748  verstorbenen Juraprofessor

"Der hat einen Assistenten seine  Vorlesungen lesen lassen und hat seine ganze Begeisterung und sein Interesse in den Kartoffelanbau gesteckt und hat eine Mission gehabt: Er wollte den Unterfranken erklären und zeigen, dass man die Kartoffel essen kann. Denn damals waren Kartoffeln eigentlich nur Zierpflanzen. Man hat sie wegen ihrer schönen Blüten angepflanzt, auch in herrschaftlichen Gärten, und er hat den Leuten gezeigt, dass sie auf den Feldern am Hubland, die als nicht besonders fruchtbar galten, wachsen – was sie getan haben."

Christian Loderer, Grünplaner

Erstmals Mitmachgärten bei einer Landesgartenschau

Pionierarbeit: Bereits im Dezember 2015 pflanzen Würzburger Schüler ein Klimawäldchen

Als erste in Bayern ermöglicht die Landesgartenschau Würzburg auf fast 2.000 Quadratmetern einen optisch anarchischen Gegenentwurf zu planvoll gestalteten Schaugärten und Zierbeeten. In Eigenleistung hat eine Handvoll Menschen Schaufeln und Harken in die Hände genommen, Bruchsteine aufgeschichtet, gebrauchte Paletten für Hochbeete zurechtgezimmert. "Stadtgärtner" lautet der bewusst doppeldeutige Vereinsname, den sie sich gegeben haben. Elmar Müller ist der Vorsitzende.

"Bei uns ist das ein Prozessgarten, ohne Plan, ohne Alles. Also wir wollen den Leuten ja Mut machen, zuhause was zu machen. Das ist ein Mitmachgarten und wenn wir hier was ernten, das werden wir auch essen und an die Leute verteilen. Wir werden hier kochen, wir haben auch eine Küche, einen Kühlschrank, einen Lehmbackofen, einen Grill."

Elmar Müller, Vorsitzender der 'Stadtgärtner'

Ganz im Sinne der Urban Gardening-Bewegung hat sich in Würzburg eine bunt zusammengewürfelte Truppe dem Ziel verschrieben, alte Kulturtechniken auszugraben um ohne großen Aufwand auf Balkonen, Hinterhöfen oder auch öffentlichen Grünstreifen Gemüse, Kräuter und Früchte in Ökoqualität zu ernten: Die Lust daran hat Büromenschen genauso erfasst wie Studenten.

Wie Bäume miteinander und mit uns sprechen

3.500 neue Bäume wurden auf dem Landesgartenschaugelände gesetzt: Sie sollen auch bei höheren Durchschnittstemperaturen und weniger Niederschlag noch gedeihen. Deswegen ist keine der alten, angestammten Arten dabei. Wie sehr Städte aber gerade in Zeiten des Klimawandels auf Bäume angewiesen sind, will Christian Hartmann wissenschaftlich fundiert vor Augen führen, ein Geologe der an der Universität Würzburg auf dem Gebiet der Klimatologie promoviert.

"Wir sprechen in Klimatologie von einem gewissen Hitzeinseleffekt der Stadt, eben durch zusätzliche Bebauung, das weniger Vorhandensein von Grün. Dass man hier eben im Sommer und an Hitzetagen im Innenstadtbereich deutlich höhere Temperaturen erzielt als im Umland. Wir sind hier bei einer Hausnummer von 2 bis 3 Grad Celsius und wir möchten das für Würzburg genau feststellen: An welchen Stellen ist es besonders warm und um welchen Betrag genau im Verhältnis zum Umland."

Christian Hartmann, Geologe an der Uni Würzburg

Die Informationen laufen am Gartenschaugelände auf einem Monitor zusammen und hier will Hartmann auch erstmals für alle sichtbar belegen, welche Kühlleistung Bäume erbringen können. Sieben ausgewachsene Exemplare an sieben ausgesuchten Standorten im Stadtgebiet  sind deshalb so verkabelt, wie ein Patient beim EKG. Sonden sind in den Wurzelbereich eingelassen, Sensoren erfassen den Saftfluss im Stamm, Temperaturfühler erstrecken sich bis in die Krone und alles wird laufend digital erfasst.

"Also wir messen einmal, wie viel Flüssigkeit braucht der Baum , wieviel verdunstet durch das Blattwerk und darüber kann man über Energiebilanzmodelle ausrechnen, wieviel Kühlleistung der Baum hat. Wir haben  auf der Landesgartenschau an unserer Stellwand für den Laien, damit das etwas einfacher zu verstehen, das auch nicht in unseren Forschungseinheiten gemessen, sondern die Kühlleistung in Kühlschränken, dass sich das der Otto-Normalverbraucher leichter vorstellen kann."

Christian Hartmann, Geologe an der Uni Würzburg

Und auch der Beitrag der Bäume zur Luftreinhaltung wird optisch einprägsam dargestellt: Dazu wird millimetergenau erfasst, um wieviel der Baum dicker wird.  

"Dieser Stammzuwachs ist letztendlich eine Fixierung von Kohlenstoff. Also man könnte sagen, wir haben einen normalen Durschnitts-Pkw und wenn ich mit dem Auto 200 Kilometer fahre, dann entspricht das in etwa der Kohlenstofffixierung, die der Baum in einer Woche oder einem Monat eben geleistet hat. Wenn der Baum genug Kohlenstoff binden kann, ist das natürlich auch gut für unsere Umwelt. Dadurch wird auch genug  Sauerstoff freigesetzt und je mehr Biomasse der Baum speichert, desto weniger ist in der Atmosphäre drin."

Christian Hartmann, Geologe an der Uni Würzburg

Tiny Houses – die Antwort auf Verdichtung und Flächenfraß?

Das Tiny House von Schreinermeister Alexander Ilg

Ist das Leben in Städten in Zukunft auf Gedeih und  Verderb an Verdichtung und Flächenfraß gekoppelt? Immer größer, immer höher hinaus? "Genieße das Land, doch besitze es nicht. Sei mit Entschlossenheit, was Du bist. Vereinfache Dein Leben. Tu, was Du wirklich liebst", schrieb bereits vor 150 Jahren der amerikanische Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau. 

Schreinermeister Alexander Ilg hat diesen Appell auf seine Weise umgesetzt. Der 55-Jährige vom Deggenhausertal  am Bodensee entwirft und baut sogenannte Tiny Houses, transportable Fertighäuser, die so "tiny", also so klein sind, dass sie auf einen Sattelschlepper passen – aber modernsten Komfort an Bord haben und hochwertig verarbeitet sind.

"Wenn heute eine Familie ein Haus baut, dann muss es immer Küche, Ess- und Wohnzimmer und was weiß ich sein. Für eine Weile, in der man Familie ist, für zehn Jahre, ist das o.k., aber dann braucht man ein kleines Haus. Oder ganz viele sind ja nur double income no kids – man muss sich reduzieren, weil Wohnraum kann man  sich heute nicht mehr leisten. Wenn ich denke, bei uns am See, das ist so teuer, dass die Leute gar kein Haus mehr drauf bauen können und das ist überall so. Da muss man sich reduzieren und dann bin ich auch viel mobiler. So ein Häusle bau ich auf, stelle es hier zum Beispiel auf die Landesgartenschau und in acht Monaten hole ich es ab oder irgendjemand will es kaufen und dann kommt es irgendwo hin."

Alexander Ilg, Schreinermeister

Ein Haus auf 15 Quadratmetern

Das Tiny House wird angeliefert

Sein Musterhaus ist das kleinste, das auf dem Schaugelände im Bereich der so genannten Zukunftsgärten steht und für Zen-Meditation und Yogakurse bereits ausgebucht ist. 15 Quadratmeter sorgsam geschliffenes Eichenparkett laden ein, ganz im Hier und Jetzt wunschlos glücklich zu sein. Eine komplett verglaste Giebelwand lässt den überdachten Lebensraum mit der Natur verschmelzen. Sein allererstes "Tiny House" hat Alexander Ilg bereits 1992 nach Japan verschifft – und aus den Augen verloren. Von einem anderen weiß er genau, welchen Weg es seit 1998 von Friedrichshafen aus genommen hat.

"Das wurde als erstes nach Österreich verkauft. Derjenige hat es dann mitgenommen in die Schweiz. Dann hat er eine Familie gegründet und hat es dann verkauft an eine Physiotherapeutin nach Deutschland wieder. Die hat dann irgendwann ihren Sohn zu sich aufgenommen, dann wurde es aufgeständert nach oben und untendrunter wurde noch mal ein kleines gebaut. Das ist jetzt insgesamt in seinem Lebenszyklus fünf Mal versetzt worden, hat fünf unterschiedlichen Zwecken gedient und alle waren total glücklich, dass sie nachher nicht auch so einen riesen Klotz am Fuß haben. Sondern dann ist es wieder verkauft worden, aufgeladen und mitgenommen und weg. Das find ich total spannend."

Alexander Ilg, Schreinermeister

Ein komplett neuer Stadtteil

Aber nur wer sich freiwillig und nicht notgedrungen auf eine kleinere Wohnfläche beschränkt, wird darin auch zufrieden leben können. Wie Winzlinge wirken die Tiny Houses auf dem Gartenschaugelände im Vergleich zu dem, was jenseits des Zaunes in die Höhe wächst. Hier ist zu erleben, wie ein komplett neuer Stadtteil entsteht. Wer wird sich Wohnen hier leisten können? Das will Hans-Joachim Bartsch als städtischer Immobilienmanager über die Vergabe der Grundstücke steuern : etwa an das Studentenwerk oder ein Stiftung zur Seniorenbetreuung.

"Das heißt wir werden Studenten haben, wir werden Senioren haben. Wir werden Eigentumswohnungen haben, wir werden Mietwohnungen haben, wir werden sozial geförderte Wohnungen haben und wir haben eine alte Hangarhalle. Diese Hangarhalle, wo früher mal Flugzeuge drin standen, wird ein Einkaufszentrum, das auch demnächst eröffnen wird und wir werden nach der Landesgartenschau  dann ab 2019 in den östlichen Quartieren Richtung Gerbrunn weiter machen."

Hans-Joachim Bartsch, städtischer Immobilienmanager

Metamorphose des Geländes am Hubland                                     

Der Garten der Stille

Vom Kartoffelacker zum Flugfeld, vom Kasernengelände zu einem Wohngebiet, das unmittelbar an einen Wissenschaftsstandort grenzt: Die Universität Würzburg, das bayerische Zentrum für angewandte Energieforschung, und fast in Sichtweite ein Neubaukomplex der FH, der Hochschule für angewandte Wissenschaften. Die großen Themenfelder dieser Landesgartenschau spiegeln die Metamorphose des Geländes am Hubland wider.

Eine Landesgartenschau im Zeichen des Schmetterlings

Vom 12. April bis zum 7. Oktober steht es nun im Zeichen des Schmetterlings. Ein stilisierter Falter prägt das Logo dieser Landesgartenschau. Denn wie kein anderes Lebewesen kann der Schmetterling viele Erscheinungsformen annehmen.  Wo anfangen, wo aufhören, fragt sich Bettina Alsheimer, Biologin beim Bund Naturschutz in Würzburg.

"Wir fangen mal beim Ei an, aus dem sich die Raupe entwickelt, die sich in verschiedenen Häutungen immer wieder vergrößert und auch da schon ihr Erscheinungsbild ändert bis zu der Puppe, die letzte Häutung. Da denkt man das ist Stillstand, aber gleichzeitig passiert ja in der Puppe die schlechthin größte Verwandlung hin zum Falter. Aus der Puppe schlüpft der Falter, der in seinem Lebenszyklus dann sich wieder verpaart, wieder Eier ablegt und dann beginnt der Kreislauf von Neuem."

Bettina Alsheimer, Biologin beim Bund Naturschutz in Würzburg

Einer von rund 200 Ausstellern auf dieser Landesgartenschau im Zeichen des Schmetterlings ist der Bund Naturschutz und er widmet sich dem Falter auf besondere Weise: In einer begehbaren Voliere werden sich heimische Arten bestaunen lassen. Dafür sorgen Ehrenamtliche wie Wolfgang Piepers und ernten dafür in Fachkreisen jetzt schon Bewunderung.  

Schmetterlinge sterben, weil sie keine Nahrung finden

Schmetterlingspuppen, als Blätter getarnt

Und bis auf das Ei, das mit bloßem Auge nicht zu sehen ist, zeigt der Bund Naturschutz auch die anderen Entwicklungsstadien des Schmetterlings: gegen gefräßige Feinde raffiniert getarnte Puppen und dann auch schillernde Raupen. Sie lassen sich beim Fressen zusehen und dabei will der Bund Naturschutz eines deutlich machen: In der freien Natur droht den Schmetterlingen die Nahrung auszugehen, so wie den anderen Insektenarten auch: Seit 1989 wird die Zahl der Insekten wissenschaftlich erfasst, bis heute ist sie um 79 Prozent zurückgegangen.

"Das ist in unseren heutigen ausgeräumten Gärten oft nicht der Fall, dass die Raupen Futterpflanzen finden oder auch in der Landwirtschaft bei uns zu viel Glyphosat ausgebracht wird, sodass an den Feldrändern kein Unkraut wachsen kann, das wieder Nahrung für Raupen ist, dann können wir auch keine Schmetterlinge haben. Und die Schmetterlinge sind bestäubende Insekten, das muss man wirklich berücksichtigen, dass sie auch dazu beitragen, unsere Kulturpflanzen zu bestäuben und tatsächlich werden drei Viertel unserer Kulturpflanzen von Insekten bestäubt und insofern ist es auch Teil unserer Nahrungsgrundlage."

Bettina Alsheimer, Biologin beim Bund Naturschutz in Würzburg

Was blüht uns morgen?  Wie kann Urbanisierung im Einklang mit Ökologie gelingen?  Die Grundfrage dieser Landesgartenschau in Würzburg beantwortet der Bund Naturschutz mit einem augenzwinkernden Rückgriff in die Geschichte des Geländes: Beete mit speziellen Blühmischungen werden zur Landebahn für Insekten.


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