Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Wandergewerbler, Seelenjäger und Hausierer Ambulantes Gewerbe in Bayern

Wandernde und reisende Kleingewerbler gibt es vermutlich schon so lang wie Handel getrieben wird. Also spätestens seit der Jungsteinzeit.

Von: Ulrich Zwack

Stand: 14.07.2021 | Archiv

Von da an wurde teilweise bis nach dem Zweiten Weltkrieg ein Gutteil des Regionalvertriebs von Hausierern und fliegenden Kleinhändlern besorgt. Sie kamen mit Kürben, Butten, Kretzen und Kraxen. Mit Rucksack oder Bauchladen. Mit Esel, Pferd und Muli. Mit vierrädrigen Ochsen-, zweirädrigen Hunde- oder einfachen Schubkarren. Im oberbayerischen Aichach und den Dörfern der Umgebung war zum Beispiel noch um 1970 der Hausierer Xari Greif eine feste Institution - eine Erscheinung wie aus einer anderen Welt.

"Des Wichtigste warn seine untern zwoa Hüat. Weil der hat im zwoatn Huat hata  sei Goid drinna ghabt. Des war sei Kasse. Und der hat in seim Rucksack hata a Holzkischtn a drin ghabt. Also des war a eckerter Rucksack, eigentlich von der Form. So a Art Kraxn, aber des war aus Stoff und innadrinna, da hata a Eier transportiert. Und er hat a Hosngummi ghabt, also die hat ma sonscht nirgends kriagt, den extra weichen weißi no, wie d' Mama immer kafft hat bei eam. Knöpf hata dabeighabt, der Handfadn, der ganz guade, auf dem Papperdeckl aufgfadelt. Und des hatma eigentlich sonscht nirgend kriagt. Und der is oa-, zwoamoi im Jahr bei uns vorbeikemma."

Aichacher Bürger über Xari Greif

Unter den Angehörigen der sogenannten Reiseberufe gab es die unterschiedlichsten Typen. Da war der klassische Wanderkrämer, der mit seinem Karren vor allem die ländliche Bevölkerung mit Holz- und Korbwaren, Stoffen, Bändern, Töpfen, Pfannen und vielen anderen Gebrauchsgegenständen versorgte. Da waren fliegende Händler, die auf Markt oder Jahrmarkt ihren Stand aufbauten. Der eine bot Geschirr feil; ein anderer Bürsten und Besen; wieder ein anderer gebrauchte Kleidung oder Schuhe. Genau genommen, gab es so gut wie nichts, was nicht per Karren, Kraxe oder Rucksack verscheppert wurde. Ewige Zeiten lang wurden sogar Drahtbrillen mit unterschiedlichen Gläserstärken im Bauchladen verhausiert. Es gab auch fahrende Wundärzte, die mitten auf dem Marktplatz vor der gaffenden Menge kranke Zähne rissen oder Star stachen; und Scharlatane, die lauthals Wunderarzneien gegen jedwede Gebrechen anpriesen. Solche früher völlig selbstverständliche Angebote werden dort immer rarer. So erinnert sich der Rechtsanwalt Wolfgang Zwack noch gut an seine Kindheit und Jugend während der 1950er und 60er Jahre in einem Münchner Mietshaus:

"Dann gab's natürlich noch die Scheren- und Messerschleifer. Die sin vielleicht zweimal im Jahr gekommen. Ich vermut, es warn Italiener. Die ham oben die Scheren und Messer, die hat ma ihnen in die Hand gedrückt, und die haben im Hof unten ham die an Schleifstein irgendwie elektrisch laufen lassen und dann sind die ganzen Sachen bestens geschliffen wieder gekommen. Zum Teil ham die auch Gusseisentöpfe, wenn die an Sprung hatten, die hams wieder geschweißt. Die warn tatsächlich a Segen."

Wolfgang Zwack

Kesselflicker sind inzwischen so gut wie ausgestorben. Eine Handvoll Scheren- und Messerschleifer gibt es indes nach wie vor. Zwar kommen sie heute nicht mehr ins Haus oder auf den Hof. Man muss sich jetzt schon selber zu ihnen bemühen. Aber herumreisen tun sie nach wie vor. Heiko Oklmann z.B., der sich selber der MesserMo nennt, reist von Jahrmarkt zu Jahrmarkt.

"Hauptsächlich im Bayerischen. Wir machen ein paar Ausnahmen. Wir sin in Pforzheim. Pforzheimer Mess. Des is ganz a schöne Veranstaltung, mittn im Sommer. Danach sind wir in Bad Wimpfen zum Talmarkt, des is der älteste Markt Deutschlands, gfällt uns richtig gut. Ansonsten simmer in Ingolstadt, in München; in Fürth, Michaelis Kirchweih. Und dann halt in Bayreuth."

Heiko Oklmann alisa MesserMo

Früher gehörten natürlich auch noch Vertreter für allerlei Produkte zu festen Größen vor der Haustür: Der Vorwerkvertreter, der Vertreter für Hakaseife, die Avon-Beraterin.

"Vom Blindenbund kamen auch welche, die ham vor allem Naturprodukte verkauft, wie Wäscheklammern aus Holz, Bürsten mit Holzgriff und Naturborsten und so. So 2-3 mal im Jahr kamen auch die Teppichzigeuner. Die sind unten mitm großen Mercedes vorgefahren und mitm eleganten Anzug und kamen dann mit am Teppich hoch; und ham dann versucht, falsche Teppiche, Seidenteppiche, die in Wirklichkeit aus Viskose waren - und falsch geglänzt haben, teuer an den Mann zu bringen."

Wolfgang Zwack

Ein paar davon gibt es noch immer. Nur heißen der HaKa-Seifen- oder der Vorwerk-Staubsaugervertreter jetzt Berater. Und weil Spontanbesuche an der Haustür heute als verpönt gelten, kommen Beraterinnen und Berater nur mehr nach vorheriger Terminabsprache. Wandergewerbler im traditionellen Sinn gehören einer aussterbenden Spezies an. Nur wer auf zeitliche Veränderungen flexibel zu reagieren versteht, überlebt. Das war noch nie anders.

Auch der ehemalige fränkische Kräutermann Heinrich Fuchs hat schon immer nach dieser Devise gelebt und gehandelt. Ursprünglich ist er selber mit dem Zwerchsack in Augsburg Hausieren gegangen. Dann hat er gesehen, dass es sich für ihn noch mehr rentiert, wenn er die ebenfalls in Augsburg und München tätigen Kren- und Kräuterweibla aus seiner Heimat mit Nachschub an Meerrettich, Kräutern und Gewürzen beliefert - und nicht selber Türklinken putzt. Als 2010 in München auch das letzte seiner Krenweiberl mit 70 Jahren aufhörte, hatte sich Heinrich Fuchs längst neu orientiert und vom Vertrieb ganz auf Produktion umgestellt. Denn er hatte längst erkannt, dass sich für die Krenweiberl kein Nachwuchs mehr rekrutieren ließ.

"Heutzutach schaut a jede junge Frau, dass sie an guten Schulabschluss bekommt. Und dann, wenn die auf Arbeit geht, is sie besser bedient. Is versichert. Unsere Kräuterweible, die ham ja keine Versicherung reinbezahlt. Also des war a ganz spärliche Geschichte. Jetzt macht des keiner mehr und setzt sich in der Kälte naus. Die ham ihren Beruf und da sind sie abgesichert und wenn sie krank sind, sind sie krank."

Heinrich Fuchs, Kräutermann

Das Erfolgsrezept von Heinrich Fuchs war lebenslange Flexibilität. Dabei liefert er sogar immer noch frei Haus. Nur hat er beizeiten eingesehen, dass der Haustürlieferant von heute nicht mehr aus Fleisch und Blut ist, sondern digital und Online-Shop heißt. Darum kann jedermann die knapp 1000 Produkte ,die er in seinem Betrieb rund um Meerrettich, Gewürze, Kräuter und Gesundheitstees anbietet, auch bequem übers Internet beziehen. Und die Funktion des Zwerchsacks von ehedem hat jetzt halt der Lieferwagen von DHL übernommen.


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