Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Moderne Boandlkramereien Knochengeschichten aus Bayern

Mit einem "Kerschgeist" sind die "Boandlkramer" von heute, die Archäologen, Anthropologen und Kriminalermittler gewiss nicht zu überlisten. Die Knochen-Detektive bedienen sich modernster Technologien, um Schädel und Gebeine, die im bayerischen Untergrund ruhen, zu erforschen.

Von: Regina Fanderl; Online-Fassung: Ulrike Ecker

Stand: 15.11.2015 | Archiv

60.000 Gebeine, in schmucklosen Pappschachteln verpackt, lagern in der Bayerischen Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie in München, und ständig kommen neue hinzu. Die Knochenfunde stammen aus dem bayerisch-alpenländischen Raum und reichen von der Mittelsteinzeit bis zur Neuzeit.

"Die Wirbelsäule ist ein Knochen, der den Rücken hinunterläuft. An ihrem oberen Ende sitzt der Kopf, am unteren Ende sitze ich."

(Ein Münchner Volksschüler; aus: Unfreiwilliger Humor, Ernst Heimeran, München, 1935)

Wer das "Ich" ist, das da unten sitzt oder saß, das ist eine der vielen Fragen, die sich die Anthropologen bei ihrer Knochen-Arbeit stellen und auf die sie mithilfe eines immer ausgefeilteren wissenschaftlichen Instrumentariums immer präzisere Antworten finden.

Wie und wo haben unsere Vorfahren gelebt? Sind sie eines natürlichen Todes gestorben, wurden sie durch eine Seuche hinweggerafft oder gar ermordet? Durch moderne Analysemethoden fügen sich immer mehr Teile des Knochen-Puzzles zusammen.

Knochenfragmente - stumme Zeugen des Spanischen Erbfolgekrieges?

"Hier haben wir eine Skelettserie, bayerische Soldaten, die gestorben sind bei Matrei am Brenner, aber ohne Spuren, dass sie gefallen sind. Junge Männer, erst 15 Jahre alt, lauter Einzelteile, die in Kiesbetten lagen. Die Zähne werden reingeklebt, dann können wir arbeiten. Wir haben es hier möglicherweise mit einer Seuche oder einem Ernährungsmangel zu tun. Wer sind die 20? Wir haben Uniformteile, vielleicht finden wir das Regiment."

(Dr. George McGlynn, Anthropologe im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege).

Die Untersuchungen liefern aber nicht nur Erkenntnisse über die Vergangenheit, sondern erlauben auch Schlüsse auf künftige Entwicklungen.

Vom "caput quadratum" zum "text-neck"

"Maria mit der Birnenschnitte" - Albrecht Dürer 1512

Vielleicht werden zukünftige Skelett-Forscher darüber rätseln, woher die orthopädische Fehlhaltung ganzer Generationen um das Jahr 2000 A.C. stammt. Wie die Paläoanatomie heute von den Gerippen vorzeitlicher Krieger auf die Kampftechniken von Römern und Germanen schließen kann, wird sie eines Tages womöglich den "text-neck" erklären; ein Syndrom, das sich frei mit "SMS-Buckel" oder, auf bayerisch, mit "WhatsApp-Gnack" übersetzen ließe, hervorgerufen durch das pausenlose Starren mit gesenktem Kopf auf kleine Bildschirme.

Es kann auch hilfreich sein, nicht nur im Boden, sondern auch in der Kunstgeschichte zu graben. Albrecht Dürers Gemälde "Maria mit der Birnenschnitte" aus dem Jahr 1512 zeigt ein offensichtlich rachitisches Jesuskind mit dem dafür typischen caput quadratum, dem Quadratschädel. Wegen des Kalzium- und Vitamin-D-Mangels wächst das Gehirn schneller als die Knochen, was zu einer Verformung des Kopfes führt. Dürers Bild deckt sich mit den Erkenntnissen der Knochen-Forscher, dass Rachitis einst weit verbreitet war.

Mord oder Totschlag?

16. Juli 1990: Der Sarg mit der Leiche Walter Sedlmayrs wird aus der Wohnung gebracht.

So grausam war der Mord an Schauspieler Walter Sedlmayr, dass die Rechtsmedizin von einer regelrechten Hinrichtung sprach. Die Brutalität der Tat, die schweren Verletzungen des Schädels, ließen auf großen Hass, auf ein Beziehungsmotiv schließen. Die Staatsanwaltschaft ordnete an, den Schädel zu asservieren.

Woher stammen die Bayern?

Orte, an denen historische Knochen gefunden werden oder zu vermuten sind, gelten per se als Bodendenkmal. Im Idealfall kommen erst die Archäologen des Denkmalschutzes und dann die Bagger des Bauherrn - und nicht umgekehrt.
Etwa 30.000 Bodendenkmäler sind in Bayern verzeichnet. Und dennoch ist ein Rätsel noch immer nicht gelöst: Woher stammen wir, die Bajuwaren?

Die Autorin - Kurzporträt

Regina Fanderl

Regina Fanderl arbeitet seit 1980 für den Bayerischen Rundfunk. Ihr journalistischer Schwerpunkt liegt auf allem Bairischen: Geschichte, Kultur, Land, Sprache und Musik.

Sie hat als Reporterin für die Oberbayern- und Bayernredaktion gearbeitet und berichtet als Korrespondentin aus dem schönen Chiemgau, wo sie aufgewachsen ist.

„Je älter ich werde, umso bewusster wird mir bei meinen vielen Wander-und Bergtouren, dass auf diesen alten Wegen und Steigen schon seit Tausenden von Jahren Menschen unterwegs waren. Da wird einem sehr schnell die eigene Vergänglichkeit bewusst. Aber je mehr man sich damit beschäftigt, um so leichter fällt dann auch der Umgang mit dem, was einmal von uns übrig bleibt.“


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