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Allgäu Museum in Kempten Das wohl älteste unversehrte Hühnerei der Welt

Ostern ohne bunte Eier im Osternest – unvorstellbar. In Kempten gibt es ein Ei, das ist nicht bemalt und trotzdem eine Besonderheit: Es ist geschätzte 500 Jahre alt und damit das vielleicht älteste unversehrte Hühnerei der Welt.

Von: Viktoria Wagensommer

Stand: 23.03.2018 | Archiv

Das wohl älteste unversehrte Hühnerei der Welt im Allgäu Museum in Kempten | Bild: Roger Mayrock Kulturamt Kempten

Seit das vielleicht älteste Hühnerei der Welt im Winter 1996/1997 gefunden wurde, ist es im Allgäu Museum zu sehen.

"Es ist ein relativ zartes, von der Größe her nicht besonders eindrucksvolles, weißes Hühnerei. Es hat sich als rohes Hühnerei herausgestellt, mit eingetrocknetem Dotter, weshalb es heute auch etwas schräg steht, weil eben der Dotter an einer Seite unten zusammengetrocknet ist."

Birgit Kata, Historikerin und Archäologin

Die Historikerin und Archäologin Birgit Kata hat zu dem Ei in der Vitrine eine ganz besondere Beziehung. Sie selbst hat es gefunden: In einem Fachwerk-Haus in der Nähe der Kemptener St. Mang-Kirche, im Haus 8 des sogenannten Mühlberg-Ensembles. Die Archäologin hat damals vor gut zwanzig Jahren angeregt, auch die Zwischenboden zu durchsuchen.

"Es war sehr kalt, wir mussten auch die Fenster offenlassen, weil es eine sehr staubige Angelegenheit war. Und wir haben uns dann Tücher vor den Mund gebunden und mit Staubschutzmasken gearbeitet und wir haben gemerkt, dass sehr viele Funde eingebettet waren. Wir sind also sehr behutsam vorgegangen und auch sehr langsam. Und irgendwann war dann plötzlich ein intaktes Hühnerei ein Fundgut. Wir haben uns damals noch gewundert und es nicht für so alt gehalten, bis wir gemerkt haben, dass die Fundschichten geschlossen sind, so dass man davon ausgehen muss, dass es aus dem späten 15. oder frühen 16. Jahrhundert stammt."

Birgit Kata, Historikerin und Archäologin

Das Ei war eine Art Glücksbringer

Das rohe Ei hat nach und nach seinen Inhalt durch die Schale hindurch abgegeben und die Dinkelspelzen um das Ei herum haben die Feuchtigkeit so gleichmäßig aufgenommen, dass es sich über rund 500 Jahre erhalten konnte. Weil in den Zwischenböden noch weitere Lebensmittelreste zum Vorschein gekommen sind, dachten die Historiker zuerst an eine etwas ausgefallene Art der Vorratshaltung in der Stubendecke. Doch dann stellte sich heraus: Das Ei sollte eine Art Glücksbringer für das Haus sein. Das gab es auch andernorts.

"Im ganzen Alpenraum gibt's den Brauch des Gründonnerstag- oder Karfreitagseis. Das ist ein weißes Hühnerei, das an den beiden Tagen gelegt worden ist. Und das wird in der Kirche geweiht und das hat man dann in Hohlräume in Häusern reingetan, um das Haus vor Überschwemmungen zu schützen."

Birgit Kata, Historikerin und Archäologin

Tatsächlich kamen auf das Haus gefährliche Zeiten zu. In einem Winter im 17. Jahrhundert wurden bei Tauwetter im Frühjahr große Eisplatten den Fluss hinuntergespült, und das auf einmal und mit großer Wucht.

"Vielleicht hat dieses Ei dafür gesorgt, dass das Haus 8 des Mühlberg-Ensembles diesen Eisgang überstanden hat."

Birgit Kata, Historikerin und Archäologin

Froh waren damals die Künstler, die darin gelebt haben. Sie hätten alle ihre Instrumente und vielleicht sogar ihr Leben verloren, wenn das Haus mitgerissen worden wäre.

Wahrscheinlich das älteste unversehrte Hühnerei der Welt

Das Hühnerei ist der berühmteste Fund. Es ist das wahrscheinlich älteste komplett erhaltene Hühnerei Deutschlands. Im Frühjahr 2014 war es anlässlich bei einer Ausstellung in der Bayerischen Landesausstellung in Regensburg zu sehen. Für den Transport dahin wurde das Ei in Kempten bruchsicher verpackt. Außerdem hatte es sowohl beim Hin- als auch beim Rückweg Museumsmitarbeiter als aufmerksame Begleiter bei sich. Birgit Kata hat sich an den Rummel um das alte Ei langsam gewöhnt. Sie wundert sich nicht mehr wenn immer ausgerechnet im Frühjahr Anfragen dazu kommen:

"Weil sich ja auch Ostern nähert. Wir freuen uns, dass das Kemptener Ei da so berühmt wird."

Birgit Kata, Historikerin und Archäologin

Das kleine unauffällige Ei fasziniert die Menschen eben. Es ist so zerbrechlich und ist trotzdem ohne einen Riss zu bekommen über 500 Jahre alt geworden.


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