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Natur als Massenziel Wie der Naturtourismus die Natur zerstört

Der Boom hinaus ins Grüne hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Doch ausgerechnet der Naturtourismus zerstört jetzt die Natur. Erste Verbote zeigen, etwa die neue Bootsverordnung auf der Isar, dass ein kritischer Punkt erreicht ist.

Von: Georg Bayerle, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 04.07.2019

Seit ungefähr zwei Jahren bedeutet es für einen herausragenden Naturplatz beinahe den Untergang, wenn er von der Social-Media-Community entdeckt wird.

Zu viel des Guten

Andrang nimmt zu
Bilder von beliebten Fotospots im Gebirge erreichen über Instagram und Co. ein riesiges Publikum. Doch jeder Post lockt weitere Besucher an. Quer durch die Alpen erleben Orte einen Massenansturm, deren Folgen vor Ort kaum noch zu bewältigen sind.

Verkehr nimmt zu
Dem Deutschen Alpenverein ist die meist beachtliche Fahrzeug-Kilometerleistung seiner Mitglieder auf den Wegen zu und von den Bergen auch aus einer eigenen Mitgliederbefragung bewusst. Viel weiter als zu Appellen ist der größte Naturschutzverband Deutschlands bisher nicht gekommen.

Müll nimmt zu
Im Nationalpark Berchtesgaden haben die Ranger die Nase längst gestrichen voll. Sie dürfen den ganzen Freizeit-Müll wegräumen und kommen gar nicht mehr hinterher.

Störung nimmt zu
An der Isar südlich von München ist der ins Betonkorsett gezwängte Fluss stellenweise mit Millionenaufwand renaturiert worden. Die für Flussregenpfeifer und Tamariske angelegten Schotterinseln werden aber nicht von seltenen Lebewesen, sondern vom Freizeitvolk gekapert.

Die Folge sind Verbote

Spaß auf Kosten der Natur

An einem Sommersamstag 2018 wurden an der Einstiegsstelle Icking über 600 aufblasbare Gefährte zu Wasser gelassen, darunter Palmeninseln, Sex-Puppen, Bierkistenflöße. Der Landkreis Bad Tölz hat darauf mit einer Bootsverordnung reagiert. Jetzt gilt eine Promillegrenze, das Verbot von Glasflaschen und lauter Musik, eine jahreszeitliche Beschränkung, und es ist verboten, an Kiesinseln anzulanden.

Verbote treffen unterschiedslos alle

Die Folge sind also letzten Endes Verbote, die das Grundrecht auf die Bewegung in der freien Natur empfindlich beschneiden. Will die Gesellschaft dagegen das fundamentale Recht behalten, selbstbestimmt in der Natur unterwegs zu sein und vom Gemeingebrauch der Naturschätze zu profitieren, muss sie den eigenen Bewegungsanspruch an den notwendigen Umweltschutz anpassen, damit der über Jahrmillionen entstandene Naturschatz bewahrt wird.

Das heißt: Die heutige Gesellschaft muss in der Lage sein, Verhaltensweisen und Regeln zu entwickeln, die zukunftsfähig sind und die Freiheit des Erlebens erhalten. Sonst geht am Ende so viel kaputt, dass die verbliebenen Reste immer stärker geschützt werden müssen und die Lust an der Natur an sich selbst zugrunde geht.

Verfassungsmäßige Pflicht, pfleglich mit der Natur umzugehen

Die Erholung in der freien Natur, das ist in Bayern ein Grundrecht von Verfassungsrang. Im Artikel 141 der Bayerischen Verfassung heißt es, dass der Genuss der Naturschönheiten, das Betreten von Wald und Bergweide und das Befahren der Gewässer jedermann (und jeder Frau) gestattet ist. Der gleiche Artikel sagt aber auch, dass dabei jedermann verpflichtet ist, mit Natur und Landschaft pfleglich umzugehen.

  


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