Bayern 2


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Souverän im Digitalen Von den Möglichkeiten der Entnetzung

Michael Reitz findet, die Welt ist zu vernetzt. Menschen laufen gegen Laternenpfähle, weil sie statt auf die Straße auf ihre Smartphones sehen, die Öffentlichkeit scheint eine gigantische Telefonzentrale zu sein. Der Autor fordert: wir müssen uns entnetzen. Nur wie?

Stand: 05.12.2017

Das Problem

Das Internet ist praktisch. Es spuckt innerhalb kürzester Zeit so gut wie jede Information aus, die man sich wünscht. Wissen ist jederzeit und an allen Orten, die über mobile Netzabdeckung verfügen, auf großen und kleinen Bildschirmen abrufbar. Doch nicht jedermann ist automatisch Vernetzungs- und damit auch Entnetzungsprofi. Denn nur wer sich mit und in der Netzwelt auskennt, weiß, wovon er spricht, wenn er Kritik am Online-Sein übt. Kritik an den Menschen, die beim kleinsten Laut aus dem Smartphone sofort auf "antworten" drücken wollen, und am System des Internets selbst, das so undurchschaubar und gleichzeitig oberflächlich erscheint.

Wer schon einmal versucht hat, sich von einem sozialen Netzwerk abzumelden, weiß: das Sich-aus-dem-Staub-Machen ist alles andere als einfach. Und das nicht nur, weil der "Profil löschen"-Button erst nach einiger Suche zu finden ist, sondern auch weil das (soziale) Netz einen nicht so leicht aus seinen Fängen lässt, wie manch einer sich das wünscht.

"Der Netzwerker brilliert dadurch, dass er scheinbar mühelos neue Verbindungen knüpft. Die Verknüpfung ist sein Existenzmodus: durch ihn strömen Informationen und Kontakte, die er ständig zu vermehren sucht. Dazu muss der Netzwerker selbst zum Medium der Verknüpfung werden."

Michael Reitz

Das Internet hat enorme Freiheitsräume geschaffen, die aber nur der nutzen kann, der die technischen Standards und sozialen Techniken akzeptiert, die damit verbunden sind. Der Nutzer muss angeschlossen sein, sonst bleiben ihm die Vorzüge des Internets verschlossen. Dazu gehört, sich einen Rhythmus diktieren zu lassen. Das Internet ist immer wach, Nachrichten können jederzeit verschickt und empfangen werden. Und jede Nachricht schreit "Beantworte mich!", egal ob mittags oder nachts um 3.

Das Internet ist ein gigantischer Raum, der seinen Nutzer nicht gewaltsam, aber bestimmt festhält.

Die Lösung?

Komplett abschalten, den Internetzugang abmelden, sich der Onlinewelt verweigern? Wer vom Netz geht, ist bald nicht mehr vorhanden, nicht mehr Teil einer Gemeinschaft, die sich durch allzeit abrufbares Wissen und Online-Kommunikation behauptet.

Ein Mittelweg scheint das Ideal der Entnetzung zu sein. Zeiten, zu denen das Smartphone ausgeschaltet, das Mailprogramm geschlossen, der innere Wolf, der Nachrichten sofort beantworten und Fragen sofort recherchieren will, ruhiggestellt ist. Die Erkenntnis, welche der vorhandenen Vernetzungen überflüssig ist, und ob diese den Nutzer steuern oder noch von ihm gesteuert werden können, ist der erste Schritt zur erfolgreichen Entnetzung. Welche Art der Internet-Nutzung raubt mir Lebenszeit, welche bringt mir Mehrwert? – das sind die Fragen, die ein Entnetzer sich stellen soll.

Zur digitalen Entnetzung braucht es Ruheräume, die die den zeitweiligen Ausstieg aus der dauernden Erreichbarkeit erlauben. Egal ob diese Orte physisch sind oder durch innere Ruhe selbst geschaffen, jedermann hat seine Nischen innerhalb des Netzes nötig, sein eigenes kleines privates Netz, in dem er sich wohlfühlt und nicht ständig das Gefühl hat, angesprochen zu sein.


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