Bayern 2 - Sozusagen!


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Hörer fragen Sozusagen! Sag's mit Würde, aber ohne 'würde'

Was 'würden' Sie sagen: floskelhaft, formal oder einfach nur freundlich-höflich? Geschmackssache? Über Sinn und Unsinn des Wörtchens 'würde' in Fragesätzen und seine Rolle im Konjunktiv.

Von: Werner Müller, BR-Sprachpfleger

Stand: 07.05.2018

Hörer fragen Sozusagen! | Bild: BR

Beobachtung eines Hörers:

Mir ist aufgefallen, dass sich immer mehr Politiker, Journalisten und auch andere Zeitgenossen, Männer wie Frauen, einer Floskel befleißigen, die mir unvollständig oder auch komplett sinnfrei erscheint: 'Ich würde mir wünschen, dass …'. Unvollständig deshalb, weil diese Formulierung ja auf eine grammatische Implikation hinweisen soll: 'Wenn ich das wüsste, würde ich mir wünschen, dass …'; für sich allein stehend, stellt die sprechende Person streng genommen in Frage, dass sie einen Wunsch hat.

Kommentar von BR-Sprachpfleger Werner Müller

Wer sich mit dem deutschen Konjunktiv beschäftigt, muss mit Ungereimtheiten rechnen. Eine dieser Ungereimtheiten hat der Hörer aufgespürt und bestreitet ihr eine sinnvolle Existenz. Er beruft sich dabei auf grammatisches Recht:  Die Verbform würde, sagt der Hörer, signalisiert eine Handlung, die nicht eintreten kann, weil sie eine Bedingung voraussetzt, die nicht erfüllt ist:

  • Ich würde gerne kommen, wenn ich morgen Zeit hätte.
  • Ich würde gerne kommen, wenn ich nicht schon einen Termin hätte.

Dieses konditionale Satzgefüge finden wir in der Grammatik unter dem Stichwort Irrealis. Und mit der Verform 'würde kommen' wählt der Text eine übliche Umschreibung des Konjunktivs II, der zum Irrealis gehört, in unseren Ohren aber oft gestelzt klingt:

  • Ich käme sehr gerne morgen, wenn ich die Zeit dazu hätte.
  • Ich zöge ja sofort um, wenn ich hier eine passende Wohnung fände.

Der Hörer darf also mit einem gewissen Recht hinter der Verbform würde einen solchen Irrealis vermuten. Das muss ihn freilich nicht hindern, auch andere Aussageweisen mit dieser Verbform zu verbinden:

  • Da würde ich (auch) gern Urlaub machen (sobald ich genug gespart habe).
  • Am liebsten würde ich das alles aufschreiben. (Vielleicht findet sich die Zeit.)
  • Würde er mit dabei helfen? (frage ich mich).
  • Würdest du mir das Buch mal ausleihen? (Das machst du ganz sicher.)
  • Ich würde da gern noch was ergänzen. (Ihr habt doch nichts dagegen.)
  • Das könnte ich natürlich genauer erklären. (Sagt ruhig, ob ihr das hören wollt.)
  • Wer wollte das bestreiten? (Das dürfte ja wohl jeder so verstehen.)

Vom Irrealis zur gesprochenen Sprache

Diese Beispiele aus unserer Alltagssprache führen immer weiter weg vom strengen Irrealis hin zu einer modalen Ausdrucksweise, wie sie sich in den sogenannten Modalverben zeigt:
Niemand wollte / sollte / dürfte / würde / möchte / könnte / wird wohl bestreiten, dass …
Dabei löst sich auch die Form würde aus der Verbindung mit einer (irrealen) Bedingung und wird zum Signal formelhafter (modaler) Höflichkeit:

  • Würden Sie mir in dieser Sache zustimmen?
  • Ich würde dazu gerne noch etwas anmerken.
  • Ich würde sagen, dass er das nicht so gemeint hat.
  • Ich würde mir wünschen, dass er das korrigiert.

"Diese modale Ausdrucksweise kann man als nichtssagende Formel ablehnen, kann sie aber auch als freundliche Zuwendung empfinden. Wir haben zum Glück die Wahl."

(Werner Müller)


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