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Die Kletterfelsen am Kaitersberg Debatte um das Betretungsverbot im „Glasscherbenviertel“

Sperrungen von Klettergebieten sind in Bayern nichts Neues. Oft brüten seltene Vogelarten in den Wänden. Die Folge: Das Klettern wird ganz oder in bestimmten Monaten verboten. Große Debatten über dieses Thema wirken aus der Zeit gefallen, denn die Kletterszene hat sich vielerorts bestens damit arrangiert. Im Bayerischen Wald aber, genauer gesagt am Kaitersberg, tobte eine Leserbriefschlacht in der Lokalzeitung und in den Sozialen Medien.

Von: Kilian Neuwert

Stand: 18.05.2019

Debatte um das Betretungsverbot im „Glasscherbenviertel“ | Bild: BR; Kilian Neuwert

Kontrovers diskutiert wurde die Sperrung eines beliebten Gebietes, wohl auch deshalb, weil hier nicht Vögel, sondern der Luchs Auslöser war. Im Rucksackradio haben wir über diesen Konflikt berichtet. Gut vier Jahre ist das nun her. Mittlerweile stellt sich aber die Frage, ob es das nun für immer war mit der Kletterei an dem dort so beliebten Massiv, dem „Glasscherbenviertel“.

Bruno und sein Bruder Christian Hartl zählen zu denen, die vor Jahrzenten das moderne Sportklettern an die heimischen Felsen gebracht haben.

Bruno Hartl ist noch immer empört, wenn er an die Sperrung des einst beliebten Klettergebiets am Kaitersberg im Bayerischen Wald denkt. Heute kommt er nur als Wanderer herauf an den schroffen Kamm seines Hausberges. Von dort ging es einst durch hohes Gras und Blockwerk bergab zum sogenannten Glasscherbenviertel an der Südseite des Kaitersbergs. Doch das ist Geschichte. Bruno und sein Bruder Christian Hartl zählen zu denen, die vor Jahrzenten das moderne Sportklettern an die heimischen Felsen gebracht haben. Sie haben schwere Routen erstbegangen und ehrenamtlich für die Naturfreunde Kletterer ausgebildet. Doch mit dem Glasscherbenviertel haben die örtlichen Bergsportvereine das beste Übungsgelände verloren. Lage und Schwierigkeit sind hier optimal für Anfänger, für Familien und vor allem für Kinder. Der Zustieg ist kurz, die Länge der Routen und die Absicherung sind ideal, und man kann den Bereich als Trainer gut überblicken.

Der Wegweiser ist ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

Wer die Empörung Hartls verstehen will, muss sich ein wenig in den Bayerwald-Kletterer hineinfühlen: Leichte Routen sind rar in der Region. Die meisten der nahen Gneistürme sind steil. Für Kurse müssen die Teilnehmer nun weit fahren. Ohnehin wurde viel gesperrt in der jüngeren Vergangenheit. Im Falle des Glasscherbenviertels ist das rund vier Jahre her. Es liegt ganz am Rand eines kleinen Gebiets, das mit einem behördlichen Betretungsverbot belegt ist.

Das Klettergebiet liegt direkt unter einem vielbegangenen Wanderweg. Die Kletterer wundert, dass sich der Luchs daran nicht stört.

Grund ist der Luchs. Seit 2016 zieht eine Luchsin dort ihre Jungen groß, auch heuer ist das wieder zu erwarten. Karl-Heinz Schindlatz ist Kreisvorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz in Cham. Er und seine Mitstreiter setzen sich für den Luchs ein. Sie wollen, dass die seltenen Tiere wieder heimisch werden. Dem Glasscherbenviertel messen sie große Bedeutung zu: Das Gelände sei ideal für die Aufzucht von Jungtieren, sagt Schindlatz. Der LBV verweist in diesem Zusammenhang auf Erkenntnisse, die laufend mithilfe von Wildkameras gewonnen werden.

Die Kletterei im Glasscherbenviertel war leicht, der Zustieg kurz. Gerade für Familien oder Kurse war es ideal.

Bruno Hartl fühlt sich da als Kletterer abgehängt. Er und seine Mitstreiter sehen in den Daten keinen Beleg dafür, dass die Jungtiere exakt im Glasscherbenviertel aufwachsen. Bis heute kann er außerdem nicht verstehen, warum ausgerechnet dieser Bereich gesperrt wurde, denn im gesamten Bayerischen Wald gibt es vieler solcher Aufzuchtplätze, auch an der tschechischen Grenze, wo sich überhaupt keine Leute aufhalten. Dort wäre der Luchs sogar noch viel ungestörter.

Vor rund vier Jahren tobte in den Leserbriefspalten der Zeitungen und in Sozialen Medien eine heftige Debatte um die Sperrung.

Das Klettergebiet am Kaitersberg liegt dagegen direkt unter einem vielbegangenen Wanderweg. Hartl verweist in diesem Zusammenhang auf Erkenntnisse des Jägers Heinrich Moser, der manchem als Kritiker der Luchsansiedlung gilt. Jedenfalls, so Hartl, waren die Luchse schon da, als noch geklettert wurde, und sie haben sich daran nicht gestört. Im Gegenteil – es gibt Luchse am kleinen Arbersee und im Langlaufzentrum Scheiben, also überall da, wo der meiste Betrieb im Bayerischen Wald auch ist. Die Luchse stört das anscheinend überhaupt nicht. Die Artenschützer vom LBV lassen diese Darstellung nur bedingt gelten: Dort wo der Luchs seine Jungen aufziehe, heißt es, sei der Luchs extrem sensibel für Störungen. An der Sperrung ist aus Sicht des LBV deshalb nicht zu rütteln.

Artenschützer wollen den Luchs wieder in der Region ansiedeln. Aus ihrer Sicht ist das Gelände ideal für die Aufzucht von Jungtieren.

Vier Jahre nach einer heftigen Debatte um die Sperrung wirkt es nun so, als ginge sie in die Verlängerung. Auch wenn das zuständige Landratsamt bekräftigt, dass die Regelung nicht zwangsläufig für die Ewigkeit gelten muss. Die Kletterer um Bruno Hartl würden sich zumindest einen Kompromiss wünschen, zum Beispiel eine befristete Sperrung während der Aufzuchtzeit. Damit die Kletterer oder jungen Leute, die draußen aufwachsen, lernen die Natur zu schützen. Denn wer sich nicht draußen bewegt, der hat für das Ganze kein Verständnis.

Karte: Der Kaitersberg

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Karte: Der Kaitersberg


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