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Das Thema Hirten, Bettler, Prinzen

Was wir mögen und was nicht, was wir als anständig oder unanständig werten, was wir für wahr oder falsch halten, woran wir glauben, wie wir die Welt sehen und wie wir ihr begegnen, kurzum, all das, was unserer Persönlichkeit ausmacht, ist auf vielfältige Weise verwoben mit kulturellen Prägungen. Sie begleiten und leiten unser Fühlen, Denken und Handeln, ohne dass wir uns dessen stets bewusst wären.

Stand: 29.04.2012

Kinder mit Federschmuck | Bild: picture-alliance/dpa

Enkulturation heißt ein Begriff aus der Soziologie und Ethnologie, und gemeint ist damit das Hineinwachsen in eine Kultur, sprich in alle Lernprozesse und Lernvorgänge, die ein Kind machen muss, um Mitglied seiner Kulturgemeinschaft zu werden. Das geschieht von Geburt an durch die Art der Ernährung, Pflege und Zuwendung, wodurch bereits dem Säugling Einstellungen, Haltungen und Wertorientierungen vermittelt werden. Alle weiteren Entwicklungs- und Lernprozesse bauen auf diesen basalen Erfahrungen auf, die sich mit dem Erwerb von Sprache, der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten und in der aktiven Auseinandersetzung mit der Umgebung zu kulturellen Mustern und damit zu Selbstbewusstsein und kultureller Identität ausdifferenzieren.

Kultur - Eine Vielfalt von Faktoren

Erziehungsstil, Geschlechterrollen, der Umgang mit Wahrheit, Logik, mit Ängsten und Fremdem, Sprache, Kleidung, Essen, Religion, Traditionen, Rituale, historische und politische Kontexte, Medien und vieles mehr sind Bestandteile dieser kulturellen Prägung, die sowohl individuell als auch kollektiv gefärbt sein kann. Je vielschichtiger eine Gesellschaft ist, desto mehr verschiedene kulturelle und subkulturelle Lebensstile, Vorstellungen und Orientierungen fließen in diese Prägung ein, weshalb sie im Zeitalter von Globalisierung und Migration kaum an ein Land, an eine Nation gebunden ist.

Mit den Augen der anderen: Die Vielfalt der Kulturen entdecken

Kinderarbeit in Ägypten: Ein Junge liefert Eier aus.

Unsere Welt ist reich an Kulturen, die sich trotz Globalisierung und Migration in vielen Merkmalen unterscheiden. Was aber wissen wir wirklich vom Leben der anderen? Was vom Alltag in einem kongolesischem Dorf, was vom Aufwachsen der Kinder in den Armenvierteln Kairos? Andere Kulturen unvoreingenommen, vorurteilslos und unter Verzicht auf stereotype Charakterisierungen in ihrer Vielfalt wahrzunehmen, fällt nicht leicht, nur allzu häufig geht uns durch unsere Kulturbrille der Blick fürs Wesentliche verloren, und nur allzu gerne erklären wir unsere eigenen, zum Teil unbewusst verinnerlichten Kulturwerte zum Maßstab aller Dinge.

In der Auseinandersetzung zwischen Vertrautem und Fremdem tut der Perspektivwechsel darum Not. Jenseits von exotischen Reisen mit dem Traumschiff, von Dschungelcamps oder Nachrichtenbildern über Hunger, Elend, Krieg und Katastrophen den Blickwinkel des „Fremden“ einzunehmen, erweitert nicht nur den globalen Horizont, die so erlangte Wahrnehmung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Spiegel des anderen, trägt auch dazu bei, sich der eigenen kulturellen Identität bewusst zu werden, Vorurteile zu hinterfragen und nicht zuletzt die Probleme dieser Welt in ihren Zusammenhängen neu zu betrachten.

Erziehung - In jeder Kultur anders

Merkmale von Kulturen lassen sich zum Beispiel in der Erziehung entdecken und vergleichen. Welche Rechte und Pflichten Kinder haben und welche Werte ihnen über Rituale, Sitten und Gebräche vermittelt werden, verrät viel über die Kultur, in die sie hineinwachsen und mit der sie aufwachsen. Denn überall auf der Welt ist es Eltern ein Anliegen, ihren Nachkommen dabei zu helfen, einen Platz in der Gemeinschaft zu finden.

Ein Beispiel: Bei den Naturvölkern auf Papua-Neuguinea

Waika-Indianer in Venezuela - ein anderes Naturvolk

Hier, im Volk der Iatmul, haben es Jungen, so könnte man meinen, gut getroffen. Die Ureinwohner auf Papua-Neuguinea leben von der Jagd, dem Gartenbau und dem Sammeln von Früchten. Arbeiten, die von den Mädchen eines Dorfes bereits mit 12 Jahren voll mitgetragen werden, während der männliche Nachwuchs frei von jeglicher Pflicht zu sein scheint. Vielleicht helfen die Jungen mal mit „im Gartenbau, ahmen mal nach, wie man eine Steinaxt macht oder einen Bogen fertigt, aber all das, ohne dass die Pflicht besteht, es genau zu machen.“ Stattdessen „spielen sie unaufhörlich. Nicht nur körperlich, aktiv mit den Händen, sondern auch geistig“, fasst Prof. Volker Heeschen, Ethnologe an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität seine Beobachtungen aus langjähriger Feldforschung zusammen. Was allerdings auf den ersten Blick als sorglose Kindheit erscheint, erhält auf den zweiten seinen tieferen Sinn, der ganz in der Tradition der Iatmul steht. Denn im gemeinsamen Spiel sollen sich die Jungen im Wir-Gefühl, im Zusammenhalt und Füreinander einstehen üben, all das Eigenschaften, mit dem sie später, als erwachsene Männer ihr Dorf beschützen können, in einem Land, das kriegerische Auseinandersetzungen unter seinen Stammesgesellschaften nur allzu gut kennt.

Eigenständigkeit, Eigenverantwortung, Solidarität

... sind Werte, die für die Naturvölker Papuas ganz oben auf der Skala stehen, übrigens auch in der Erziehung der Mädchen. Bei den Iatmuls würden Eltern nicht auf die Idee kommen, über die Jagdbeute ihrer Tochter eigenmächtig zu verfügen, selbst dann nicht, wenn sie die Einzige wäre, die zum täglichen Mahl der Familie beisteuerte. Sie allein verteilt ihre Gaben und übernimmt damit, wie die Erwachsenen, Verantwortung für die Gemeinschaft. So erfahren die Kinder des Regenwaldes im täglichen Geben und Nehmen den Wert der sozialen Beziehung, des Teilens und der gegenseitigen Hilfe, in einer Gemeinschaft, die sie von Klein auf als Persönlichkeit achtet und die sie für ihr ganzes Leben in ihrer Identität stärkt.

Neugier wecken: Interkulturelles Lernen im Unterricht

Unterricht an einer internationalen Schule

Neugier ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, sich mit fremden Kulturen auseinanderzusetzen und auf dieser Grundlage auch jenen Lebensformen gegenüber Offenheit und Toleranz zu entwickeln, die mit den eigenen Orientierungen unvereinbar scheinen, vorausgesetzt sie achten die Menschenwürde und -rechte. Kinder und Jugendliche begegnen heutzutage schon sehr früh Menschen anderer Herkunft und Weltanschauung und damit kultureller und sprachlicher Vielfalt. Gleichzeitig sind sie noch damit beschäftigt, ihre eigene (kulturelle) Identität auszuformen. Pädagogisches Handeln kann hier ansetzen und sie dazu anregen, sich im Bewusstsein der eigenen Kultur für eine kulturelle Vielfalt zu öffnen, verstanden als Bereicherung des einen durch das andere. Einen Zugang zu anderen Lebensformen finden Heranwachsende über ihresgleichen. Ihre Neugierde zu wecken gelingt darum am besten, wenn sie den Alltag von Mädchen und Jungen in anderen Kulturkreisen kennen lernen und so Anhaltspunkte finden können, die hier vorfindbaren Werte und Orientierungen mit ihren eigenen Erfahrungen und Lebensentwürfen zu vergleichen.


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