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Das Thema Das Tibetische Totenbuch

Das Tibetische Totenbuch ist eine Art Reiseführer für Sterbende. Es wurde insbesondere dafür geschaffen, während des Sterbeprozesses (von einem Meister oder einem spirituellen Freund) vorgelesen zu werden. Denn durch das Hören bestimmter tiefgründiger Lehren im Moment des Todes besteht nach buddhistischer Auffassung die Möglichkeit, Befreiung oder Erleuchtung zu erlangen.

Stand: 12.12.2012 | Archiv

Mönch beim Gebet | Bild: picture-alliance/dpa

Die Lehren des Tibetischen Totenbuchs sind selbst Teil eines größeren Lehrzyklus (Dzogchen-Tantras), der, vom indischen Meister Padmasambhava im 8. Jahrhundert nach Tibet gebracht, im vierzehnten Jahrhundert von dem tibetischen Seher Kanna Lingpa enthüllt wurde. Seit seiner ersten Übersetzung 1927 hat das Tibetische Totenbuch großes Interesse im Westen gefunden. Auf Tibetisch heißt es: "Bardo Tödrol Chenmo", was "Große Befreiung durch Hören im Bardo" bedeutet. Das Wort "Bardo" bezeichnet den Zustand zwischen Leben und Tod.

Der Tod als Chance

Aus buddhistischer Sicht gibt es keinen Grund, sich vor dem Tod zu fürchten. "Lü", das tibetische Wort für Körper bezeichnet "etwas, das man zurücklässt" - wie Gepäck. Es sei wesentlich, im Leben zu begreifen, dass der Körper eine Illusion ist - um ihn gut zurücklassen zu können. Im Buddhismus leitet der Tod lediglich ein neues Kapitel ein. Es ist von großer Bedeutung, wie man stirbt. Auf zwei Dinge kommt es vor allem an: Auf das, was wir im Leben getan haben und auf den Zustand unseres Geistes in jenem Augenblick des Todes. Denn im Todesmoment sind wir der Mensch, der wir heute sind und das hat Auswirkungen auf das, was nach buddhistischer Sicht weitergeht. Beim Verlassen des Körpers eröffnet sich eine "Lücke", es erscheint das so genannte Klare Licht oder die Grund-Lichtheit, was als die natürliche Strahlung der Weisheit unserer essentiellen Natur unseres Geistes erklärt wird. Dieses Klare Licht mit seiner besonderen Energie ist die Verbindung zum innersten, subtilen Bewusstsein.

Befreiung durch Erkenntnis des Klaren Lichts

Wer in der Lage ist, die Natur des Geistes zu begreifen, ist befreit. Die meisten Menschen werden in diesem Moment das Klare Licht nicht erkennen, weil sie sich nicht auf den Tod vorbereitet haben und keine Kenntnis von der innersten Natur unseres Geistes. Sie reagieren ihren alten Ängsten, Gewohnheiten und Wahrnehmungsmustern entsprechend. Wer jedoch in einer positiven Geisteshaltung stirbt, kann zumindest die Bedingungen für die nächste Geburt verbessern. Der Todesmoment birgt die Chance eine andere Bewusstseinsebene, ein heilsames Karma, zu erreichen, um zu einer glücklichen Wiedergeburt zu gelangen. Aus buddhistischer Sicht sind für den Sterbenden drei Faktoren notwendig: Die Summe seiner guten und schlechten Taten (das karmische Potential), die spirituelle Praxis, die er zu Lebzeiten ausgeübt hat und die Anwesenheit geistigen Beistands, möglichst ein spiritueller Lehrer, "Lama" genannt.

Der Karma-Samsara-Gedanke

Wer das Klare Licht nicht erkennt, kreist unaufhörlich in der Welt der ständigen Wiederkehr in Wiedergeburten, in Samsara. Wir denken und handeln in festgelegten Mustern, Gefühle wie Hass, Neid, Eifersucht und Gier steuern uns. Unser Geist ist nach buddhistischer Auffassung getrübt und verdunkelt, wir führen ein leidvolles Dasein. Weil es uns nicht gelingt, diese Muster zu durchbrechen und die essentielle Natur des Geistes wahrzunehmen, verbleiben wir in Samsara. "Nirvana" dagegen ist ein Zustand äußerster Klarheit und ein Synonym für vollkommene Freiheit. Als einer der zentralen Begriffe des Buddhismus wurde "Nirvana" oft falsch mit "Auslöschung" oder "Nichts" übersetzt. Tatsächlich bezeichnet Nirvana das, was mit gewöhnlicher Wahrnehmung nicht wahrgenommen werden kann.

Die vier Bardos

Bar bedeutet "dazwischen" und do heißt "aufgehängt" oder "geworfen". Es bezeichnet einen "Übergang" oder "Zwischenzustand", gewöhnlich den Zeitraum zwischen Tod und Wiedergeburt. Da die tibetisch-buddhistische Sicht von Leben und Tod allumfassend ist, finden Bardos kontinuierlich sowohl im Leben als auch im Tod statt.

Die vier Übergangsrealitäten

  • der natürliche Bardo dieses Lebens (von der Geburt bis hin zum Eintritt in den Sterbeprozess)
  • der schmerzvolle Bardo des Sterbens (bis zum Eintritt des Todes)
  • der lichtvolle Bardo der Dharmata (der Nachtodzustand)
  • der karmische Bardo des Werdens (wieder zur Existenz kommen)

Der lichtvolle Bardo der Dharmata

Sollte der Sterbende im Todesmoment die Grund-Lichtheit nicht erkannt haben, dann geht er in den nächsten Bardo über, den lichtvollen Bardo der Dharmata. Plötzlich wird er sich einer fließenden, vibrierenden Welt von Klang, Licht und Farbe bewusst. Das Tibetische Totenbuch beschreibt sie als "eine Luftspiegelung in der Ebene bei größter Sommerhitze". Diesen Erfahrungen werden Zeitspannen von Tagen zugeordnet, aber es kann auch nur ein flüchtiger Moment sein, nämlich wenn die Erscheinungen nicht als unmittelbarer Ausdruck des eigenen "Rigpa" erkannt werden.

Der Bardo des Werdens

Das nächste, was zu Bewusstsein kommt, ist im Bardo des Werdens eine Welt bevölkert von Albtraumwesen. Einige Beschreibungen des Bardo sprechen von einer Gerichtsszene, eine Art Lebensrückblick: Unser gutes Gewissen, ein weißes Lichtwesen, ist unser Verteidiger und das schlechte Gewissen, ein schwarzer Dämon klagt an. Letztlich sind wir selbst sowohl Richter als auch Angeklagter. Im Wechsel von Leiden und Freude, von Angst überwältigt, irren wir hilflos im düsteren Bardo umher.

Unsere negativen Emotionen können jedoch fallengelassen werden, wenn wir erkennen, dass alles, was dem Bewusstsein widerfährt, eine Spiegelung seiner selbst ist. Das, was wiedergeboren wird, hat eine Wandlung erfahren. Grundsätzlich ist Befreiung in allen Bardos möglich. Die Bardo-Lehren sollen helfen, diese Möglichkeiten zu entdecken und bestmöglich zu nutzen.

Der Weg zur Befreiung

Für jeden der Bardos existieren einzigartige Anweisungen und Meditationstechniken, die genau auf die jeweiligen Geisteszustände zugeschnitten sind. Im Buddhismus gibt es das Bild vom klaren Himmel, der immer vorhanden ist, auch wenn Wolken, die vergleichbar mit unserem subjektiven Verständnis der Wirklichkeit sind, ihn verdecken. Der wolkenlose Himmel ist ein Bild für die wahre, unverzerrte Wirklichkeit - für das, was unser Geist wirklich ist, unsere wahre Natur. Die Buddhisten gehen den Weg des Altruismus, handeln in Mitgefühl und Liebe zu anderen. Wenn das selbstgefällige, gierige Ich aufgegeben wird, - erst dann offenbart sich die innerste Natur, die so genannte "Buddha-Natur". Der einzelne erfährt dies als Klares Licht, wer darin verbleiben kann, erlangt unmittelbare Befreiung.


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