Bayern 2 - radioWissen


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In die Wüste geschickt

Von: Jens Berger / Sendung: Rolf Cantzen

Stand: 19.06.2013 | Archiv

ReligionRS, Gy

Ob im Sportverein, auf dem Schulhof, in der Nachbarschaft oder in der großen Politik - immer finden sich Einer oder Mehrere, die man zu Sündenböcken erklären kann. Aber was hat man davon? Und woher kommt dieses Verhalten?

Der Mensch hat triebhafte Impulse, neigt dadurch auch zu Gewalt. Allerdings sind ihm im Lauf der Zeit und in der Überlagerung durch kulturelle Entwicklung instinkthafte Regelmechanismen verloren gegangen, die in tierischen Gruppen innere Konflikte im Zaum halten. Einfacher gesagt: Der Mensch ist nicht mehr "instinktgesichert".

Weg mit dem "bösen Ballast!"

Um also ein "gutes", friedliches Mitglied einer Gruppe zu sein, muss man unterdrückte, triebhafte Gewalt irgendwohin ableiten. Unter diesem Druck überträgt man diese "böse" Belastung oft auf Andere, auf einen Sündenbock.

Und das funktioniert psychologisch tatsächlich - nicht nur beim Einzelnen, sondern auch bei der Sündenabgabe einer ganzen Gruppe. Diese wird durch die Projektion ihrer negativen Anteile auf den Sündenbock in ihrem Zusammenhalt massiv gestärkt und empfindet eine zusätzliche Aufwertung. Damit sind also sogar gleich zwei Ziele erreicht.

Die Schritte zum Sündenbock

Meist beginnt es mit Krisen (tatsächlichen oder imaginierten), mit Naturkatastrophen, Unglücksfällen oder der inneren Zerrissenheit einer Gesellschaft. Wenn dann noch Gerüchte und Vorurteile gegenüber einer Minderheit hinzukommen, die eher wehrlos, unsicher und vor allem irgendwie "anders" ist, ist der Sündenbock schnell gefunden. Für diesen stellt sich die Lage natürlich weniger erfreulich dar. Und vom gehänselten Mitschüler bis zu Hexenverfolgung und Antisemitismus reicht ein lückenloses Spektrum der Diskriminierung.

Wer sind heute Sündenböcke? Wie kann man erkennen, ob jemand oder eine Gruppe von Menschen als Sündenbock missbraucht wird? Und was macht es für einen Sündenbock so schwer, sich aus eigener Kraft aus seiner Rolle zu befreien? Ist die westliche Gesellschaft dabei, den Islam als neuen Sündenbock zu fixieren?

Den Bock zum Lamm machen

Schon früh hat die Menschheit wohl erkannt, dass es von allgemeinem Nutzen ist, statt Minderheiten oder feindliche Völker zu Sündenböcken zu erklären ein symbolisches Ritual einzuführen, das die gesammelten "bösen" Anteile und die Sünden entfernt - zum Beispiel auf dem Rücken eines in die Wüste getriebenen Ziegenbockes, der anschließend als Retter verehrt wird.


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