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Das Thema Nikolaus in Geschichte und Legende

Mit dem heiligen Nikolaus verhält es sich recht seltsam. Es gibt kaum jemanden, der nicht ein Bild vor Augen hätte, wenn dieser Name Erwähnung findet. Am bekanntesten ist sicher sein roter Anzug, in dem er dann auch gerne zum sogenannten Weihnachtsmann mutiert, der in der Weihnachtszeit in keiner Einkaufsstraße fehlen darf.

Stand: 04.01.2011 | Archiv

Nikolausstatue in Myrna | Bild: picture-alliance/dpa

Die Legenden, die sich um ihn ranken und von seiner Hilfsbereitschaft und vor allem seinem sozialen Engagement berichten, sind dann schon weniger Menschen bekannt. Immerhin hat sich doch vielfach der Brauch erhalten, an seinem Festtag, am 6. Dezember, die Kinder zu beschenken. Seiner ungebrochenen Popularität, die heutzutage Werbestrategen in der vorweihnachtlichen Hochzeit des Kommerzes willkommenen Stoff liefert, steht das Faktum gegenüber, dass der historische Nikolaus von Myra im Dunkel der Geschichte nahezu verschwindet. Gesichertes Wissen gibt es über ihn kaum.

Ein ökumenischer Heiliger

Interessant ist auch, dass er im Katholizismus, in den orthodoxen Kirchen und sogar im Protestantismus gleichermaßen große Wertschätzung erfährt. Er hat in allen drei großen christlichen Kirchen die Schismen überlebt. Weder das Schisma von 1054 noch die Reformation konnten seiner Popularität in einer der Kirchen etwas anhaben. So entführten nur wenige Jahre nach der Trennung von Ost- und Westkirche Kaufleute aus dem römisch-katholischen Bari die vermeintlichen Gebeine des Heiligen aus dem orthodoxen Myra, das von muslimischen Überfällen bedroht war. Auch die Einschränkung der Heiligenverehrung in den protestantischen Kirchen machte vor Sankt Nikolaus halt. Das ungebrochene Brauchtum auch in evangelischen Familien und die zahlreichen nach ihm benannten reformatorischen Kirchen legen dafür ein beredtes Zeugnis ab.

Historische Erkenntnisse

Der Heilige Nikolaus ist der Schutzpatron der Seefahrer, Fischer und Handelsleute.

Was aber macht diesen Heiligen so anziehend bis in die heutige Zeit, dass er nicht nur bei Christen sondern auch bei manchen liberalen Moslems und auch Atheisten seinen Stellenwert behaupten konnte? Wir wollen zunächst einen Blick auf das historisch Wahrscheinliche werfen. Er ist wohl um 280/286 in Patara in Lykien geboren worden und ist zwischen 345 und 351 in Myra gestorben. Mit großer Sicherheit kann man annehmen, dass er tatsächlich in der Zeit des Kaisers Konstantin Bischof von Myra war. Sein damals ungewöhnlicher griechischer Name Nikolaos bedeutet "Sieg des Volkes (Gottes)" und lässt darauf schließen, dass schon seine Eltern Christen waren. Noch vor der Duldung des Christentums spricht sich so die Zuversicht der bereits zahlreichen Christen in Lykien aus. So trafen die gegen die Christen erlassenen Gesetze Diokletians aus dem Jahr 303 auf erheblichen Widerstand: Es gab nicht nur bereits eine weit höhere Zahl Christen dort als der Kaiser vermutete, sondern viele der Verwaltungsbeamten waren bereits Christen.

Wohltätig und beliebt

Sein sozialer und karitativer Einsatz wird so einhellig von den Legenden über ihn betont, dass man kaum daran zweifeln kann. Für seine hohe Bedeutung, die er sich wohl durch sein beispielhaft christliches Leben verdient hat, spricht jedenfalls, dass sich an seinem Gedenktag, seinem überlieferten Todestag am 6. Dezember jahrhundertelang die Bischöfe der Kirchenprovinz trafen. Noch bevor, etwa 200 Jahre nach seinem Tod, die offizielle Verehrung des heiligen Nikolaus einsetzte, war der Name Nikolaus bei christlichen Familien in Lykien im 5. Jahrhundert der beliebteste Vorname. Nikolaus muss also wohl tatsächlich eine besondere christliche Gestalt gewesen sein.

Das Erfolgsgeheimnis des heiligen Nikolaus

In der Gestalt des heiligen Nikolaus verdichtet sich der Kern christlichen Handelns. In den legendarischen Erzählungen, die sich um seine Person ranken, wird deutlich, was recht eigentlich christliches Handeln ausmacht. Wenn davon berichtet wird, wie er verhindert, dass ein Vater aus finanzieller Not heraus seine Töchter zur Prostitution hergeben musste, wenn er zu Unrecht Verurteilte rettet, wenn er einen Mord verhindert und wenn er eine Hungersnot verhindert, so wird deutlich wozu christliche Existenz – im wahrsten Sinne des Wortes - dient. So ist er nicht nur der Landespatron Russlands, Griechenlands und Lothringens, sondern auch der Schutzheilige der Schüler, der Heiratswilligen, der Seefahrer, der Kaufleute und – in echt jesuanischer Tradition – der Gefangenen und der Diebe. Dass davon in unserem westlichen Kulturkreis einiges verschüttet wurde, ist offensichtlich, doch deuten sich immer noch für den, der hinschauen will, die Konturen dieser faszinierenden legendenumwobenen Gestalt des Christentums an.


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