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Sigmund Freud Das Thema

Stand: 20.02.2014 | Archiv

Sigmund Freud, Begründer der Psychoanalyse | Bild: picture-alliance/dpa

Hätte sich Sigmund Freud jemals selbst auf die berühmte, mit Kissen und Perserteppich ausstaffierte Couch begeben, was würde eine Analyse zu Tage gefördert haben? Wie er gegenüber C. G. Jung einmal äußerte, neigte er zur Zwanghaftigkeit. Aber vermutlich wäre sein Lebenswerk ohne diese Veranlagung nicht denkbar, genau wie die Ausbildung seiner verschiedenen Talente. Als der Klassenprimus mit 17 Jahren sein Studium begann, konnte er Latein, Griechisch und Hebräisch, sprach Englisch und Französisch und probierte sich in Italienisch und Spanisch.

Äußerlich ruhig, innen bewegt

Abgesehen von einem frühkindlichen Erlebnis - das Geschäft des Vaters geht pleite - und der Emigration als Greis 1938, verläuft das Leben von Sigmund Freud äußerlich in ruhigen Bahnen. Der hochbegabte Schüler entscheidet sich für ein Medizinstudium und widmet sich nach einem Ausflug in die Zoologie der Gehirnanatomie und ab 1885 der Neuropathologie. Ein Jahr später lässt sich der habilitierte Freud als Arzt nieder und heiratet Martha Bernays, mit der er sechs Kinder hat. Nach vierjähriger Warte- und Verlobungszeit scheint Martha für Freud ein echter Glücksfall und die große Liebe gewesen zu sein:

"Sie hat den Glauben an meinen eigenen Wert mir erhöht und mir meine Arbeitskraft geschenkt, als ich ihrer am dringendsten bedurfte"

. Sigmund Freud

Carl Gustav Jung

Fünf Jahre nach der Hochzeit bezieht der junge Arzt die Praxis in der Berggasse 19 in Wien, in der er bis 1938 seine Patienten empfängt. Im Jahr 1909 unterbricht eine Reise in die USA mit C. G. Jung und Sandor Ferenczi den ruhigen Alltag - der den Rahmen gab für ein ungeheuer produktives Leben. Die 19 Bände seiner Gesammelten Werke umfassen fast 9.000 Seiten, mehr als 130 Patienten und die Selbstanalyse lieferten dazu den Stoff.

Anna O. und die Anfänge

Eine der ersten Patientinnen Freuds war Bertha Pappenheim, Tochter einer wohlhabenden jüdischen Familie in Wien. Sie litt an einer Reihe von Symptomen (Erinnerungsverlust, Sprachstörungen, Nervenschmerzen u.a.), die ihr Hausarzt Josef Breuer mit der damaligen Modekrankheit Hysterie erklärte. Breuer zog den Neuropathologen Freud hinzu und veröffentlichte zehn Jahre später gemeinsam mit ihm in den "Studien über Hysterie" Bertha Pappenheims Fall unter dem Namen Anna O. Beide Ärzte erklärten darin die Patientin als vollständig geheilt. Der Erfolg war vor allem Bertha Pappenheims Mitarbeit zu verdanken, die sich die Ängste in einer "Sprechtherapie" von der Seele redete - so dass Freud später sagte, sie sei die "eigentliche Begründerin des psychoanalytischen Verfahrens". Mitte der 1880er Jahre lernt Freud Jean-Martin Charcot kennen, den "Napoleon der Hysterie", der den jungen Mediziner mit den Methoden der Hypnose und Suggestion vertraut macht und ihm vermittelt, dass der Krankheit Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegen. Beide Verfahren bildeten eine wichtige Grundlage für Freuds Therapie, eine weitere kam in einer Sommernacht des Jahres 1895 hinzu.

Deutung im Traum

In der Nacht auf den 24. Juli träumte Freud von einer Patientin, der es in Wirklichkeit wie im Traum sehr schlecht ging, doch träumte es Freud, ein anderer Arzt trüge die Schuld daran, weil er der Patientin eine verschmutzte Spritze gesetzt habe. Nach dem Aufwachen dämmerte es ihm, welche Funktion dieser Traum von "Irmas Injektion" übernehmen sollte: Er sollte Freud freisprechen von der Schuld am schlechten Gesundheitszustand der Patientin. Im Traum erfüllte sich sein Wunsch einer Heilung, er war "der Hüter des Schlafs". Verarbeitet hat Freud seine Erkenntnis in dem Buch "Die Traumdeutung", das er zu den wichtigsten seiner Karriere zählte. Er entwickelt darin die Vorstellung, dass die Grenzen des Bewusstseins keineswegs die Grenzen des Psychischen sind. Die Traumdeutung war für Freud der Königsweg ins Unbewusste, in ein "Es", das sich aus Vererbung und frühkindlichen Erfahrungen bildet.

Das "Drei-Instanzen-Modell"

Freuds Analysen zeigten, wie mächtig das "Es" im Untergrund wirkte: primitiv, irrational, nicht wertend, ohne Moral. Die Sexualität und archaische Triebe sind demnach seine treibenden Kräfte selbst in der verfeinerten Gefühlswelt des "Fin de siècle". Stellen eine ungünstige Familiensituation oder böse Erfahrungen die Weichen falsch, liegen "Es" und "Ich" im permanenten Clinch. Aufgabe der Analyse ist es, dem Menschen seine komplizierte Mehrschichtigkeit akzeptabel zu machen. Tröstlich war dabei, dass Freud den Patienten Erklärungsmuster lieferte, manche jahrtausende alt (Stichwort Ödipus) - und dass dem Bürger endlich ein Arzt die intimsten Vorgänge aus der Seele sprach. Dass sich keine seiner Beobachtungen einer wissenschaftlichen Prüfung unterziehen lässt, ist ein wesentlicher Punkt heutiger Freud-Kritik. Statt empirische Nachweise zu erbringen, sei die Freudsche Methode ein pseudoliterarisches Selbst-Deutungssystem, so bemängeln vor allem Psychologen. Auch die Entdeckung des Unbewussten müsse nicht eigentlich Freud, sondern den Empirikern des 19. Jahrhunderts gedankt werden, so ein weiterer Vorwurf. Unbestritten aber bleiben viele Verdienste Freuds - als Gesprächstherapeut, Tabubrecher und Wegbereiter zahlreicher großer Denker des 20. Jahrhunderts.

Emigration und Ende

Im Jahr 1922 wird bei Freud Speisehöhlenkrebs diagnostiziert. Teile des Kiefers und des Gaumens werden entfernt und durch eine Prothese ersetzt. Bis zu seinem Tod muss er sich mehr als 30 Operationen unterziehen. Trotz seiner Krankheit werden die 20er Jahre zu einer der produktivsten Phasen in Freuds Leben. Mit "Jenseits des Lustprinzips", "Das Ich und das Es" und "Das Unbehagen in der Kultur" entstehen drei seiner wichtigsten Werke - im letzteren vollzieht sich seine Hinwendung zur Kulturphilosophie. Darin vergleicht der Psycho-Pionier Freud seine Analysen mit der Arbeit eines Altertumsforschers:

"Wie der Archäologe aus stehen gebliebenen Mauerresten die Wandlungen des Gebäudes aufbaut, aus Vertiefungen im Boden die Anzahl und Stellung von Säulen bestimmt, genauso geht der Analytiker vor, wenn er seine Schlüsse aus Erinnerungsbrocken, Assoziationen und aktiven Äußerungen des Analysierten zieht."

Sigmund Freud

Als in Nazideutschland im April 1933 die Bücher unliebsamer Autoren verbrannt werden, darunter auch die des Juden Freud, kann er noch scherzen: "Was für Fortschritte wir machen! Im Mittelalter hätten sie mich verbrannt, heutzutage begnügen sie sich damit, meine Bücher zu verbrennen." Nach dem "Anschluss" Österreichs an das Deutsche Reich sieht sich der über 80-Jährige gezwungen zu gehen. Gemeinsam mit seiner Tochter Anna emigriert er nach London. Vier seiner fünf Schwestern bleiben in Wien und werden später in Konzentrationslagern ermordet. Sigmund Freud stirbt am 23. September 1939, sein letzter Tagebucheintrag lautet "Kriegspanik".


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