Bayern 2 - radioWissen


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Von ganzem Herzen Ich

Von: Simon Demmelhuber / Sendung: Anja Mauruschat

Stand: 03.12.2013 | Archiv

Psychologie / Ethik und PhilosophieGy

Schon mal das eigene Spiegelbild geküsst? Heute schon den eigenen Namen gegoogelt? Vielleicht ein bisschen übertrieben bei der Darstellung eigener Leistungen? Wenn ja: Ist das noch normal, oder schon narzisstische 'Ich-Vergötterung'?

Übersteigerte Selbstbewunderung und Selbstverliebtheit können das Leben anderer zur Hölle machen. Nachdem Narzissmus lange als rein männliches Phänomen galt, weiß man heute, dass auch Frauen anfällig sind für pathologische Grandiositätsvorstellungen.

Vielleicht ist alles ganz einfach: Narzissten sind eitel, überheblich, eingebildet, selbstverliebt, egozentrisch und damit basta! Sie halten sich für etwas Besseres, heischen Bewunderung, reden am liebsten über sich selbst, prahlen ungeniert. Sie übertreiben eigene Erfolge, schmälern die anderer Menschen und lassen nichts neben sich gelten. Kurz: Narzissten sind peinlich, anstrengend, unausstehlich, eine echte Plage eben.

Vielleicht ist die Sache aber auch ein bisschen komplizierter, als sie auf Anhieb erscheint. Wer es im Leben zu etwas bringen möchte, wer in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur ganz oben mitmischen möchte, braucht ein massives Ego. Durchsetzungsvermögen, erhöhte Leistungsbereitschaft, Selbstbewusstsein und Eigenmarketing gelten als Ausweis von Persönlichkeits- und Führungsstärke. Nur 'Luschen' stellen ihr Licht unter den Scheffel. Leistungsträger kennen ihren Wert und schreien "hier", wenn der Kuchen verteilt wird.

Ein schillernder Begriff mit unscharfen Rändern

Ja, was denn nun: Gibt es etwa einen guten, gesellschaftlich anerkannten und einen schlechten, allseits geächteten Narzissmus? Oder ist alles nur eine Frage der Dosierung? Und was meint "narzisstisch" eigentlich?

  • Ist ein kontrollwütiger Chef narzisstisch, weil er nichts delegiert, stets das letzte Wort beansprucht, keinen neben sich aufkommen lässt, kräftig austeilt, aber nichts einstecken kann?
  • Ist ein Kleinkind narzisstisch, wenn es sich eine Brüllattacke hineinsteigert und seiner Wut freien Lauf lässt, weil ihm die Erfüllung eines Wunsches versagt bleibt?
  • Ist ein junges Mädchen narzisstisch, weil es fortwährend sein Aussehen im Spiegel prüft, und sich für nichts als Kleider und Schminke begeistert?
  • Ist Paris Hilton, die ein T-Shirt mit einem Foto von sich selbst zur Schau trägt, die IT-Girl-Variante des mythologischen Narziss?
  • Wie steht es mit den Leuten, die bei "Deutschland sucht den Superstar" absolut Unsägliches darbieten und trotzdem von ihrem Können überzeugt sind?
  • Sind ein medial angefachter Ich-Kult oder die zunehmende Ich-Bezogenheit vieler Lebensmodelle tatsächlich Anzeichen einer "narzisstischen Verseuchung" der Gesellschaft?

Der schmale Grat zwischen Selbstentfaltung und Selbstvergötterung

Ganz so einfach ist offensichtlich also nicht, das Etikett narzisstisch zu vergeben. In jedem von uns steckt hin und wieder ein kleiner Narziss, und das ist auch nicht unbedingt schlecht. Die Entdeckung und Behauptung des eigenen Selbst ist ein unverzichtbarer Entwicklungsschritt. Mangelnde Ich-Stabilität und fehlende Eigenliebe führen häufig zu schweren seelischen Erkrankungen. Und steht nicht das Gebot "liebe den Nächsten wie dich selbst" sogar in der Bibel? Keine Frage: Das eigene Ich zu bejahen, achtsam mit sich umzugehen, Zutrauen in die eigene Leistung zu haben und nach einem gebührenden Platz in der Gesellschaft zu streben, ist ebenso "normal", wie das Bedürfnis, gemocht und anerkannt zu werden. Bedrohlich wird es jedoch offensichtlich da, wo die Balance nicht mehr stimmt, wo es nur noch darum geht, sich selbst, aber nicht zugleich auch andere zu lieben.


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