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Der lange Weg zum Ich

Grenzen setzen Der lange Weg zum Ich

Stand: 25.07.2018

Weinender Junge | Bild: colourbox.com

Neun Monate eins mit der Mutter. Dann die Geburt: Aus eins wird zwei. Mit dieser Ur-Spaltung beginnt die Arbeit der Selbstwerdung. Aus etwas Abgetrenntem muss wieder ein Ganzes werden: Ein eigenständiges, seiner selbst bewusstes Ich, das sich behaupten, für sich sorgen und einstehen kann; ein Individuum, das durch stabile Grenzen gesichert ist und im Schutz dieser Grenzen ungefährdet Beziehungen mit anderen aufbauen kann.

Ich bin ich und Du bist Du

Die Fähigkeit, das Eigene vom Fremden abzugrenzen und die Selbstfürsorge sowie den nötigen Selbstschutz zu gestalten, fällt nicht vom Himmel. Sie muss durch die allmähliche Entfaltung eigener Vorstellungen, Meinungen, Haltungen, Normen, Werte und Handlungsweisen erlernt und eingeübt werden. Der fließende Kompetenzaufbau, in dessen Verlauf sich das Kind und später der Jugendliche von den Normen, Wertvorstellungen, Wünschen, Geboten und Verboten der Eltern löst, ist ein zwiespältiger Prozess: Er ist lustvoll in der Wahrnehmung vermehrter Selbstwirksamkeit und Autonomie; er ist aber auch bedrohlich durch die Konflikte, Spannungen, Verlustängste und Ungewissheiten, die ihn begleiten.

Lust und Neugier, Angst und Verstörung

Um dieses Wechselbad der Gefühle erfolgreich durchzustehen, braucht es den Mut, sich abzugrenzen; den Mut, aus der Einheit mit den Eltern herauszuwachsen, Erwartungen zu enttäuschen, Autoritäten herauszufordern, Angebote auszuschlagen und im besten Sinn eigenwillig zu werden! Das setzt ein stützendes, wohlwollendes Umfeld voraus, das dieses anfangs trotzige, später bewusst provozierende Streben nach mehr Autonomie, Selbstartikulation und Selbstbestimmung nicht erstickt, sondern anleitend fördert. Kurz: es braucht einen "Spielraum der Toleranz", der dem Kind ermöglicht, ohne Verlustängste, ohne Schuldgefühle, Einschüchterung oder Erpressung mit Bindungs- und Liebesentzug stark und autonom zu werden, eigene Ansprüche zu formulieren und sich zu erproben. Nur so lernen Kinder und Jugendliche, dass Abgrenzung etwas Erlaubtes, Wichtiges und Richtiges und nicht etwas Verbotenes, Tragisches, Qualvolles, Schuldhaftes ist. Wem diese Erfahrung verwehrt bleibt, wird sich auch als Erwachsene schwer damit tun, den eigenen Platz im Leben zu finden und zu behaupten.

Wie du mir, so ich dir

Aber Kinder müssen nicht nur lernen, die eigenen Grenzen auszutesten und aufrecht zu erhalten. Sie müssen auch begreifen, dass die von ihnen eingeforderten Rechte und artikulierten Bedürfnisse ungeschmälert allen Menschen zustehen. Mit anderen Worten: Die Fähigkeit, anderen wirksame Grenzen zu setzen, erfährt in der Fähigkeit, die von anderen gesetzten Grenzen anzuerkennen und einzuhalten, ihre unverzichtbare Ergänzung. Ohne Bereitschaft, Rücksicht zu nehmen, Respekt zu zeigen, kompromissfähig zu werden und im Sinn eines funktionierenden Miteinanders auch einmal zurückzustecken, bleibt die soziale Reifung unvollständig. Wer stets nur auf die eigenen Grenzen pocht und den eigenen Vorteil durchboxt, wer seine Impulse nicht kontrollieren und dosieren kann, ist noch lange kein eigenständiges, bei aller Abgrenzung dennoch gemeinschafts- und beziehungsfähiges Individuum, sondern nur ein Egoist.

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