Bayern 2 - radioWissen


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Das Erwachen der Sexualität

Von: Simon Demmelhuber / Sendung: Prisca Straub

Stand: 22.07.2015 | Archiv

PsychologieMS, RS, Gy

Es war einmal - von wegen! Märchen sind immer topaktuell. Sie kennen unsere Ängste, Wünsche, Hoffnungen besser als wir selbst. Und sie wissen, wie weh Erwachsenwerden tun kann und wozu wir manchmal eine Dornenhecke um uns brauchen.

Niemand muss uns beibringen, wie es geht. Es passiert einfach, jede Nacht: Wir träumen. In den Bildern und Symbolen dieser nächtlichen Welt begegnen wir uns selbst, unserem Unbewussten, unseren Ängsten, Sehnsüchten, Hoffnungen, Wünschen, Begierden, dem Schönen und dem Schrecklichen in uns. Dabei fragt der Traum nicht lang, ob wir verstehen, was er uns sagen will.

Der Stoff, aus dem wir gemacht sind

Märchen funktionieren ganz ähnlich. Auch sie spinnen in traumnahen Bildern und Symbolen, was uns im Innersten zusammenhält oder auseinanderzureißen droht. Sie handeln von Konflikten und Katastrophen, von Gefährdung und Rettung, Fluch und Erlösung, Auszug und Heimkehr. Sie erzählen von Ungeheuern, die es zu besiegen und Aufgaben, die es zu meistern gilt. Sie berichten von verborgenen Schätzen und der Chance, sie zu heben. Hinter allen Motiven und Masken geht es zuletzt jedoch immer nur um das, worum sich alles dreht: Das Suchen und Finden der Liebe sowie die Herausforderungen, den Schmerz und den Lohn des Erwachsenwerdens. So ist jeder Märchenstoff unser eigener Stoff, und seine Akteure, seine Prinzen und Prinzessinnen, Zauberer, Hexen, Könige, Drachen und Teufel sind nur Projektionsgestalten der seelischen Kräfte und Kämpfe in uns.

Kraftfutter für die Seele

Doch anders als der Traum, endet jedes Märchen im Glück. Egal wie aussichtslos, bedrohlich, verworren und verwickelt die Sache sich anlässt: Kein Märchen ohne Happy End. Das ist kein feiges Ausbüxen vor der Realität, kein künstliches Schönpinseln der Welt. Im Gegenteil, es ist genau das, worauf es ankommt: Die frohe Botschaft vom Gelingen des Lebens. Allen Grausamkeiten, Gefährdungen, Ängsten und Schrecken zum Trotz ist ein guter Ausgang möglich, sagt das Märchen. Trotz allen Leids und Kummers stehen dem, der sich seinen Ängsten und Aufgaben stellt, gute Kräfte hilfreich zur Seite. Das gibt uns Zutrauen, Trost und Zuversicht, nur die Gewissheit einer fairen Chance, eines möglichen Siegs lässt uns den Kampf wagen und aushalten. Wäre alles von Anfang an aussichtslos und das schlechte Ende gewiss, hätten wir keinen Anreiz, uns überhaupt auf den Weg zu machen.

Verstehen und Heilen

Märchen machen Mut. Sie sprechen die Sprache des Unbewussten und damit auch zum Unbewussten. Sie geben ein Versprechen, das sich am rationalen Bewusstsein vorbei direkt unserem Unbewussten mitteilt und das Chaos unserer inneren Konflikte und Spannungen dämpft. Dieses Potenzial, das Märchenerzähler und Märchenhörer aller Zeiten schon immer genutzt haben, nutzt auch die Tiefenpsychologie. Zum einen als Möglichkeit, bestimmte Seelenzustände und innerseelische Prozesse modellhaft zu beschreiben, aber auch als Fundgrube für therapeutische Lösungsansätze. Ein Paradebeispiel dafür, wie uns das Märchen hilft, Krisen nicht nur zu verstehen, sondern auch zu bewältigen, liefert die Geschichte von "Dornröschen".

Spindelstich und Prinzenkuss

Sie beginnt mit einem König und einer Königin, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Kind. Aber die Ehe bleibt unfruchtbar. Zumindest solange, bis sich die Königin eines Tages allein und ohne König ins Bad begibt. Dort prophezeit ihr ein Frosch die Geburt einer Tochter, noch bevor das Jahr um ist. Der Frosch hält Wort. Die Königin bringt eine wunderhübsche Prinzessin zur Welt, die sofort zum Augapfel ihres Vaters wird. Bei der festlichen Taufe passiert ein Missgeschick. Von den dreizehn weisen Frauen des Königreichs sind nur zwölf geladen, weil es nur zwölf goldene Teller gibt. Das bringt die Fee Nummer 13 mächtige in Rage. Als eben die elfte ihrer Kolleginnen das Taufkind mit guten Wünschen bedacht hat, stürzt die Ungeladene in den Festsaal und verflucht die Königstochter: Sie soll sich an ihrem fünfzehnten Geburtstag an einer Spindel stechen und sterben. Zum Glück ist noch eine weise Frau übrig. Den Fluch kann sie zwar nicht mehr aufheben, aber immerhin mildern: Statt zu sterben soll die Prinzessin hundert Jahre schlafen. Der König will sein Kind natürlich vor dem Unglück bewahren und glaubt, er könne das Unheil verhindern, indem er einfach alle Spindeln im ganzen Reich vernichten lässt. Aber ein Fluch ist ein Fluch: Ausgerechnet am fünfzehnten Geburtstag der Prinzessin versagt die väterliche Fürsorge, ausgerechnet am gefährlichsten Tag ihres Lebens ist die Königstocher allein und kann ihrer aufgestauten Neugier freien Lauf lassen. Da gibt es doch einen Turm im Schloss, den sie noch nie betreten hat. Sie steigt eine enge Treppe hoch und steht schließlich ganz oben an der Tür eines verschlossenen Stübchens. Zum Glück steckt der Schlüssel im Schloss! Sie dreht ihn, die Tür springt auf. In der Kammer sitzt eine Frau, die Flachs spinnt. Dornröschen ist entzückt, ganz bezaubert von der auf und ab hüpfenden, wild tanzenden Spindel. Dass sie unbedingt aufpassen muss und dass ihr Gefahr droht, weiß das Mädchen nicht. Der Vater wollte seine Prinzessin nicht beunruhigen, er glaubte den Fluch durch das Spindelverbot gebändigt. Darum hat er seine Tochter auch nicht über die Sache mit der Spindel aufgeklärt. So kommt es, wie es kommen muss: Dornröschen wird gestochen, blutet, schläft ein. Mit ihr fallen die Eltern, das gesamte Gesinde, alle Tiere und sogar die Elemente in einen tiefen, hundertjährigen Schlaf. Um das Schloss wächst nun eine dichte Dornenhecke. Die Gerüchte von der schlafenden Schönen dahinter locken viele junge Männer an, die vergeblich ihr Glück versuchen. Keiner gelangt in Dornröschens geheime Kammer, sie verbluten alle jämmerlich an den Dornen, die das Schloss umgeben. Als nach einhundert Jahren erneut ein Prinz zu ihr vordringen will, ist auf einmal alles anders: Die Hecke öffnet sich, der Fluch hat seine Kraft verloren. Dornröschen erwacht, sieht den Prinzen, küsst ihn und überall im Schloss regt sich wieder das Leben. Natürlich wird Hochzeit gefeiert, und natürlich leben sie vergnügt bis an ihr Ende.

Das Dornröschen-Prinzip

Der Psychotherapeut Mathias Jung liest dieses Märchen auf mehreren Ebenen: Als Erzählung vom Erwachen der weiblichen Sexualität, als Geschichte der Verletzung durch ein traumatisierendes sexuelles Erlebnis, als Beschreibung einer seelischen Erstarrung infolge dieser Verletzung und Modell für die verheerenden Folgen einer jede Lebendigkeit erstickenden elterlichen Fürsorge. Dieses überbehütete Kind, die sprichwörtliche Prinzessin, ist nicht auf das Erwachsenwerden und schon gar nicht auf das Hereinbrechen der Sexualität vorbereitet. Ihr Vater hat sie von allen möglicherweise leid- und schmerzvollen Erfahrungen ferngehalten. Aber die Sexualität ist eine mächtige Triebfeder. Sie lässt sich nur schlecht und um einen hohen Preis - den Verlust der Lebendigkeit - einsperren. Dornröschen muss genau diesen Preis bezahlen. Sie hat aufgrund ihrer Erziehung keine Chance zu einem entspannten, natürlichen sexuellen Reifungsprozess. Da ist irgendetwas gründlich schiefgelaufen. Ein offensichtlich verstörendes, schmerzhaftes sexuelles Erlebnis hat sie überfordert. Zum Schutz vor weiteren Verletzungen schaltet Dornröschen erst einmal auf seelischen Notbetrieb um: Ihre Psyche zieht sich hinter eine blickdichte Mauer, hinter Stacheln und Dornen zurück. Doch der Rückzug in den Schlaf der asexuellen Kindlichkeit ist nicht endgültig, sondern ein Übergangszustand. Sobald die Zeit reif und die verletzte Seele geheilt ist, sobald der richtige, liebesfähige Mann erscheint, endet der Schlaf und schwindet die Dornenhecke: Aus Dornröschen ist eine echte Rose und aus dem Mädchen eine Frau geworden.

Die Dornröschen-Frau

Aber nicht immer lösen sich die Symptome der seelischen Erstarrung und des Rückzugs mit dem Ende der Adoleszenzphase durch die heilende Wirkung der Zeit oder eine heilende Partnerschaft wie von selbst auf. Dann wird aus dem Dornröschen-Mädchen eine Dornröschen-Frau. Eine Frau, die gar keine sein will oder sein kann. Eine Frau, die lieben will aber nicht lieben kann. Auch sie lässt eine Dornenhecke um sich wachsen, setzt sich mit verbalen Stacheln zur Wehr, sticht, igelt sich ein, schottet sich ab, macht sich unsichtbar, unberührbar. Sie ist abweisend, verstockt, verschlossen. Und sie leidet. Sie ist zwar geschützt hinter ihren Dornen, gefeit gegen vermeintliche Gefahren von außen, aberniemand erblickt ihre Schönheit, niemand erkennt ihr inneres Wesen, berührt und weckt sie auf. Die Dornröschen-Frau ist einsam, sie möchte den Stachelpanzer abwerfen, möchte wachgeküsst werden. Aber wie?

Weck' den Prinzen in dir

Da muss der Prinz ran. Doch das ist gar nicht so einfach. Auf die Dauer schrecken die Stacheln auch den mutigsten Recken ab, und wer will schon in der Dornenhecke ausbluten? Wenn der Prinz also nicht von außen kommt, woher dann? Von innen natürlich! Dornröschen muss sich selbst befreien und erlösen. Sie muss ihren inneren Prinzen, seine Ausdauer, seinen Mut, seine Kraft und Entschlossenheit zu Hilfe rufen. Sie muss jene Energien in sich mobilisieren, die der Psychologe C. G Jung als Animus, als unbewusste männliche Seelenkräfte der Frau bezeichnet. Wenn es ihr mit Hilfe dieses inneren Ritters gelingt, die Ketten der Vergangenheit zu sprengen und ihre Verletzungen aufzuarbeiten, wenn es ihr gelingt, ihr Frausein und ihre Sexualität anzunehmen, kann die Dornröschen-Frau den Fluch überwinden. Dann schläft sie nicht mehr, dann ist sie aufgewacht und endlich ins Leben zurückgekehrt.


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