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Japans Hauptstadt Das Thema

Stand: 30.10.2010 | Archiv

Alle wissen, was zu tun ist

Faszinierend: an einem beliebigen Samstagnachmittag tummeln sich unendlich viele Menschen am Hachikoplatz im Einkaufsviertel Tokios. Während auf den überdimensionalen Bildschirmen an den Hochhäusern Werbespots ablaufen, stehen alle vor der roten Ampel. Als Grün kommt, bewegen sich die Massen von allen vier Seiten auf die Mitte der Kreuzung zu. Aber keiner stößt mit dem anderen zusammen. Jedem gelingt es, meist ohne den anderen zu berühren, sich durch- und vorbeizuschlängeln, auf die andere Seite der Straße. Bald ist die Kreuzung wieder frei und die nächste Menschentraube staut sich vor der roten Ampel.

Edo und die größte Stadt der Welt

Einst war Tokio ein unbedeutendes Fischerdorf, genannt Edo, auf Deutsch "Flusstür". In der Kanto-Ebene an der Pazifikküste Zentralhonshus liegt Tokio auf einer der vier Hauptinseln Japans. Erst 1868, nach Beendigung der Militärherrschaft des Tokugawa-Shogunats wurde Tokio offiziell die Hauptstadt des Landes. Heute zählt sie 8,4 Millionen Einwohner, im Umkreis leben 37 Millionen. Nicht nur in den Hochhauszentren, auch in Mehr- und Einfamilienhäusern dazwischen. Das größte Problem der Stadt: es muss erdbebensicher gebaut werden.

Die Verwaltung der Millionenmetropole

Tokio hat 23 Stadtbezirke, die kus. Da Japan ein zentralistischer Stadt ist, gibt er feste Aufgaben an die 47 Präfekturen innerhalb des Landes weiter. Bei diesen Aufgaben sind die Präfekturen allerdings weisungsgebunden gegenüber der Zentralregierung und werden auch vom Zentralstaat finanziert. Die Präfektur Tokio koordiniert die Verwaltung der 23 Stadtbezirke. Zum Beispiel die Wasserversorgung: aus den Flüssen Tama, Tone und Ara werden allein für die 23 Stadtbezirke über 6 Millionen Kubikmeter Wasser gespeist, und das pro Tag! In den 11 Reinigungsanlagen wird mithilfe von Chlor das Tokioter Wasser hergestellt. Chlor ist verantwortlich für den nicht angenehmen Geschmack dieses Wassers. Eine andere Aufgabe ist die staatliche Gesundheitsversorgung und die Bereitstellung karitativer Einrichtungen. Zum Beispiel für Menschen, die ihre Wohnung verloren haben. 3800 Obdachlose sind bei der riesigen Einwohnermenge nicht sehr viel, allerdings ist die Dunkelziffer sehr viel höher. In den 90er Jahren gerieten viele Menschen nach dem Wirtschaftscrash der sogenannten "Bubble-economy", vornehmlich aus den Bereichen Informationstechnologie und Internet, in Not: ohne Wohnung keine Arbeit und ohne Arbeit keine Wohnung. Mit Pappkartons und blauen Plastikplanen campierten sie in Parks und in der Nähe von U-Bahn-Eingängen oder wurden in eines der Übergangslager für Obdachlose eingewiesen. Lange Zeit bestand in Japan eine breite Mittelschicht und nur wenige an der oberen und unteren Grenze der Gesellschaft. Inzwischen aber wird die Kluft zwischen arm und reich immer größer. Vor allem in Tokio sind die Miet- und Eigentumspreise am höchsten in Japan, Sozialwohnungen gibt es nicht. Die durchschnittliche Tokioter Familie lebt am Stadtrand, beide Eltern sind berufstätig und fahren mit der S- und U-Bahn in die Innenstadt zur Arbeit.

Die U-Bahn in Tokio

Immerhin 80 Prozent der Arbeitnehmer. Schließlich ist der Parkplatz im Stadtzentrum mit umgerechnet etwa 6 Euro für eine halbe Stunde zu teuer. Und traditionellerweise zahlt in Japan der Arbeitgeber die U-Bahn-Karte. In den Zügen treffen arm und reich aufeinander. Wer reich ist, kann es auch zeigen, denn Neiddiskussionen gibt es in Japan nicht. Und die Kriminalität ist in Japan so niedrig wie nirgendwo sonst auf der Welt. 2,9 Milliarden Fahrgäste transportiert das Bahn-System im Großraum Tokio jährlich. Regionale Linien verbinden die verschiedenen Regionen rund um die Hauptstadt, das Tokio Metro Network, ein 300 Kilometer langer Verbund, ist zuständig für die Züge innerhalb der 23 kus. Elf private Linien, die zu Kaufhausketten gehören, und zwei städtische Linien transportieren täglich 7,8 Millionen Menschen. All diese Züge, ihre Aufenthalte in den verschiedenen Bahnhöfen, Verspätungen und unvorhergesehene Fahrplanänderungen erfasst ein zentral gesteuerter Computer. Er gibt notwendige Veränderungen auch an alle Züge weiter, ebenso das Kommando, gleichzeitig und vollautomatisch. So ist es in diesem System möglich, 48 Züge mit einer Länge von 220 Metern gleichzeitig eine Runde von 34,5 Kilometern um das Stadtzentrum fahren zu lassen. Diese Yamanote-Linie gilt als ein Wahrzeichen Tokios. Wenn etwas bei einem der Züge passiert, dann werden alle Züge gleichzeitig gestoppt. Das ist dann notwendig, wenn sich jemand an den Türen verletzt oder auf die Gleise fällt oder springt. Im letzten Jahr waren das 200 Personen, das heißt zweimal in drei Tagen findet ein solches Unglück statt. Schwarzfahrer sind in Tokio unbekannt. Dafür sorgt das Schrankensystem, bei dem die Fahrgäste das Ticket einschieben oder die wieder aufladbare Karte auf das entsprechende Lesegerät halten.

Tokio und der Müll

Ein anderes Problem einer Riesenmetropole ist die Müllentsorgung, denn pro Tag produziert jeder der 37 Millionen Bürger 1000 Gramm Müll. Der Abfall wird getrennt und zu einer der 20 Müllverbrennungsanlagen gebracht. 2007 wurde ein Gesetz wirksam, nachdem die Hersteller von Lunchboxen nicht verkaufte O-Bentos selbst entsorgen müssen. O-Bentos sind Behältnisse für ein japanisches Mittagessen zum Mitnehmen mit kleinen voneinander abgetrennten Abteilungen, damit die verschiedenen Speisen nicht vermischt werden. Auf solche Behälter hat sich die Recyclingfirma Agri Gaia spezialisiert. Menschliche Hände trennen die Inhaltsstoffe zu fast 100 Prozent. Dadurch lässt sich zum Beispiel hochwertiges Tierfutter wiederherstellen. Doch der normale Müll vor den Haustüren stellt immer noch ein Problem dar. Seit einigen Jahren haben sich Krähen daran gemacht, die durchsichtigen Müllsäcke aufzupicken. So versucht ein Millionenprojekt, die Dschungelkrähen einzufangen und Strategien zu entwickeln, den Müll vor ihnen zu schützen.


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