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Das Thema St. Petersburg

Stand: 09.12.2010 | Archiv

Der Mariinski-Palast auf dem Isaaksplatz in St. Petersburg | Bild: picture-alliance/dpa

Peter der Große wollte das sumpfige Gelände an der Newa zur russischen Hauptstadt ausbauen, weil ihm Moskau zu weit im Osten lag. Petersburg sollte das Tor zum Westen werden, Peter der Große hatte große Pläne. So befahl er im Mai 1703, die Stadt nach seinen Wünschen zu erbauen. Was teuer war und viele Zehntausende Arbeiter - Leibeigene - das Leben kostete. Der Sumpf musste trockengelegt werden bzw. unzählige Holzpflöcke waren in den Boden einzurammen, damit Häuser, Paläste und Kirchen im Newa-Delta stabil blieben. Deshalb war die Entscheidung Peters I. bei den meisten Russen auch umstritten. Es dauerte noch bis ins 19. Jahrhundert, als Petersburg endlich als "Fenster zum Westen" anerkannt wurde. "Venedig des Nordens" wird die Stadt heute auch genannt.

Künstler schwärmen von der Stadt

Viele Musiker und Dichter haben Petersburg in ihrer Kunst verewigt. Dmitrij Bortjanski hat in seinem Choral "Ich bete an die Macht der Liebe" Petersburger Atmosphäre vertont. Der russische Dichter Alexander Puschkin schwärmte von der "Schöpfung Peters", "in dem granitenen Gesteine, der Newa königliche Macht". Nikolai Gogols Erzählung "Newskij Prospekt" verewigte literarisch die Lebensfreude auf der Flaniermeile und Prachtstraße Petersburg, heute noch das, was die Champs-Elysée in Paris, die Fifth Avenue in New York und die Straße Unter den Linden in Berlin darstellen: Lebensnerv, Verkehrsachse der Stadt, an ihrer breitesten Stelle 60 Meter breit, an einer Brücke noch 25 Meter die schlankeste Stelle. Hier erstrahlen heute die teuersten Läden und die feinsten Hotels der Stadt. Ebenso wie die zahlreichen großen Theater und Opernhäuser.

Einladung zur Kunst

Die Eremitage

Musiker wie Michail Glinka, Mussorgski, Tschaikowski, Rimski-Korsakow und Strawinsky komponierten in Petersburg, bevor sie in die Ferne zogen oder weltberühmt wurden. Die russische Nationaloper "Ruslan und Ludmila" von Glinka ist ein Beispiel unter vielen. Das Herzstück der Petersburger Kultur ist das weltberühmte Kunstmuseum auf dem Schlossplatz, die "Eremitage". Über 2,7 Millionen Kunstwerke lagern in den Depots und Kellern des labyrinthisch angelegten Museums aus fünf Gebäuden, etwa 65.000 davon werden den Besuchern gezeigt. Eine reiche Kunstsammlung aus Gemälden, Statuen und Münzen von der Antike bis zur klassischen Moderne. Vor 150 Jahren entstand die "Eremitage" für die Öffentlichkeit. Allerdings hieß damals Öffentlichkeit nicht das gleiche wie heute: zugelassen waren nur Adlige und wichtige VIPs. Die Kunstwerke hatten Zaren wie Katharina die Große und viele reiche Privatpersonen gesammelt. So können heute Besucher die Gemälde von da Vinci, Tizian, El Greco bestaunen wie auch die Modernen Picasso, Gauguin, Van Gogh.

Auf den Straßen Petersburg

Reich an Kirchenarchitektur ist die russische Stadt an der Newa. Kasaner Kathedrale, Isaaks-Kathedrale, Peter-Paul-Kathedrale, klassizistische Prachtbauten, innen Mutter-Gottes-Ikonen. Petersburg bewahrte sich sein klassisches Stadtbild aus dem 18. und 19.Jahrhundert. Nur im Norden finden Besucher auch gläserne Appartementhäuser und hypermoderne Bürogebäude. Auch die russische Oktoberrevolution 1917 hat vor Petersburg nicht Halt gemacht. Überall in der Stadt haben die Kommunisten die Schauplätze ihrer Taten zu Denkmälern verewigt. Wo früher die Kommunistische Partei wohnte, ist heute ein Museum, an anderen Häusern weisen Schautafeln auf die Söhne der Revolution hin. Auch der Kreuzer "Aurora", dessen Bugkanonenschuss nach der Legende die Oktoberrevolution eröffnet haben soll, liegt noch am Ufer des Newa-Flusses vertäut.

Tragische Geschichte

1914, zu Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wurde Petersburg Petrograd genannt: der Zar wollte keinen deutschklingenden Namen in den politischen Wirren Europas. Die Kommunisten tauften Petrograd nach dem Tode Lenins 1924 dann in Leningrad um. Und 1991 wurde, nach dem Zerfall der Sowjetunion, wiederum das Volk befragt: Das Abstimmungsergebnis zeigte, die Bevölkerung votierte für den ursprünglichen Namen Petersburg. Die schwierigsten Tage, 900 Tage, erlebte Petersburg, als die deutschen Wehrmachtstruppen versuchten, die Stadt auszuhungern. 1941 bis 1944 war die russische Stadt die Hölle auf Erden. Schostakowitsch hat in seiner "Leningrader Sinfonie" den Überlebenswillen der Menschen in der Ruinenstadt vertont. Auf dem Marsfeld, einem weiten offenen Gelände in der Nähe des Flusses, zeugt ein Denkmal mit einer ewigen Flamme von diesen tragischen Jahren.

Die Außenbezirke von Petersburg

Vorortzüge der Metro mit ihren Waggons aus den 50er Jahren bringen die Touristen aus Petersburg hinaus, in Außenbezirke, die mit ihren Plattenbauten noch sehr an die Sowjetzeit erinnern. Oberleitungsbusse und Sammeltaxis, die marschrutki, erlauben, die Weite der Stadt zu erleben. So kann der Tourist auch die bekannten Gemeinschaftswohnungen  die "Kommulkas" besichtigen, und das Museum, das der Dichterin Anna Achmatowa gewidmet ist, die hier von 1926 bis 1938 lebte. In einem Zimmer mit ihrem dritten Mann, Punin, nach der Scheidung mit den Exfrauen ihrer Männer im Raum nebenan. Alles steht noch im Original im Museum, Möbel und Fotoalben, die Bedrücktheit und Enge ist in den Fasern der Sofas zu spüren. Anna Achmatowas Gedichte und Prosa waren unter Stalin-Zeiten verboten.

Die Schönheit des "Venedig des Nordens"

Zurück zum heutigen Petersburg, das im Sommer zu den "Weißen Nächten" auf dem Newskij Prospekt einlädt. An solchen Sommerabenden wird es nicht richtig dunkel, und die Petersburger feiern draußen, bis spät in die Nacht hinein ist Musik zu hören, Partystimmung vor der Kulisse des Newa-Ufers. Hier treffen sich viele Nationalitäten, aus Russland, Europa, der Welt.


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