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Das Thema Die Hoffnung

Stand: 29.06.2012 | Archiv

Sporen des Schimmelpilzes | Bild: picture-alliance/dpa; Creativ Collection; Montage: BR

Der 7. Dezember 1941 leitet die durchschlagende Wende im Ringen um einen wirksamen Bakterienkiller ein.

Das Penicillin und die bakteriologische Rüstungsoffensive

An diesem Tag vernichten japanische Marineluftverbände die Pazifikflotte der Vereinigten Staaten in Pearl Harbour. Jetzt überschlagen sich die Ereignisse: Amerika steht im Krieg mit Japan und tritt am 1. Januar 1942 an der Seite Großbritanniens und der Sowjetunion in den Kampf gegen Deutschland und Italien ein. Der Zweite Weltkrieg ist ausgebrochen, das große Sterben beginnt.

Hoffnung für Millionen Soldaten

In dieser aufgeheizten Stimmung fallen Medienberichte über eine neue antibakterielle Wunderwaffe auf fruchtbaren Boden. Aussichten auf einen wirksamen Schutz gegen Wundinfektionen an der Front nährt vor allem die spektakuläre Heilung der 31-jährigen Anne Miller im März 1942. Sie hatte sich bei einer Entbindung mit Streptokokken infiziert, lag über einen Monat mit extrem hohem Fieber im Krankenhaus und schien rettungslos verloren. Ihr Arzt John Fulton sieht nur noch eine kleine, verzweifelt winzige Chance: Penicillin. Er schafft es, sich eine kleine Menge der obskuren experimentellen Substanz zu besorgen und seiner Patientin zu injizieren. Die Kur schlägt an. Bereits am folgenden Tag ist Anne Miller fieberfrei und wenige Tage später vollständig genesen.

Forschen für den Sieg über Hitler

Zur selben Zeit reist Florey nach Nordafrika, um beim Sturm auf Sizilien verwundete britische Soldaten erstmals systematisch mit Penicillin zu behandeln. Der überzeugende Feldversuch in den Militärlazaretten zerstreut die letzten Bedenken der Armeeführung. Spätestens jetzt haben die Alliierten die Bedeutung des natürlichen Antibiotikums erkannt und treiben seine Entwicklung entschlossen voran. Auslöser dieses Umdenkens sind jedoch nicht nur die immens gestiegenen Überlebenschancen nach Kriegsverwundungen. Mittlerweile hatten umfangreiche klinische Studien erwiesen, dass Penicillin auch mit den in der Armee notorischen Geschlechtskrankheiten spielend fertig wird und infizierte Soldaten nach einer Behandlung binnen kürzester Frist wieder einsatzbereit sind.

Fast so wichtig wie die Atombombe

1943 übernimmt das War Production Board, der amerikanische Regierungsausschuss für die Kriegswirtschaft, die Verantwortung für die Massenherstellung des Medikaments. Penicillin steht nun an zweiter Stelle aller strategischen, kriegswichtigen Projekte, die großtechnische Fertigung ausreichender Mengen hat oberste, "patriotische" Priorität. Das Ziel ist klar: Am längst geplanten D-Day muss genug Penicillin für die Wundbehandlung und als Standardtherapie gegen Syphilis verfügbar sein. Ein eigens aufgelegtes Regierungsprogramm bindet insgesamt 21 pharmazeutische Unternehmen in die konzertierten Anstrengungen ein und sorgt für die nötigen Mittel-, Material- und Personalzuweisungen.

Endlich auf der Zielgeraden

Den immer dringlicher nötigen Durchbruch erzielen die Penicillinvorkämpfer am Northern Regional Research Laboratory. Sie hatten früh begriffen, dass der bislang verwendete Pinselschimmel Penicillium notatum die Wirkstoffausbeute begrenzte und weltweit nach alternativen, ertragreicheren Stämmen gesucht. Fündig wurden sie zuletzt vor der eigenen Haustür, ausgerechnet auf dem Bauernmarkt in Peoria. Dort war ihnen ein Schimmel aufgefallen, der auf regional angebauten Honigmelonen gedieh. Der als Penicillium chrysogenum identifizierte Stamm erweist sich als Volltreffer: Er ist weniger kapriziös, lässt sich leichter kultivieren und produziert wesentlich mehr Wirkstoff als Flemings über Chain und Florey in die USA weiter gereichter Originalstamm.


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