Bayern 2 - radioWissen


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Stachliger Überlebenskünstler

Von: Christian Sepp / Sendung: Carola Zinner

Stand: 30.05.2019 | Archiv

Mensch, Natur und UmweltMS, RS, Gy

Seit Millionen Jahren setzt sich der Igel äußerst erfolgreich mit seinem Stachelfell gegen seine Feinde zur Wehr. So erfolgreich, dass das Tier erdgeschichtlich gesehen zu den ältesten Säugetierformen zählt.

Zur Geschichte des Igels

Vorfahren des Igels tauchten zum ersten Mal vor etwa 60 Millionen Jahren auf, kurz nach dem Aussterben der Dinosaurier. Dies belegen fossile Funde. Sein jetziges Aussehen hat der Igel seit ungefähr 15 Millionen Jahren. Bereits die Höhlenmalereien von Lascaux, die ältesten abbildenden Kunstwerke in der Menschheitsgeschichte, zeigen unter anderem einen Igel. In der Antike wurde die Haut des Igels zum Aufrauen von Wollwaren benutzt, im Mittelalter galt der Igel, neben Katzen und Rabenvögeln, als Verbündeter und Hausgeist von Hexen. Verbreitung findet der Igel in der gesamten Alten Welt, auf dem amerikanischen Kontinent und in Australien hingegen fehlt er. In West- und Mitteleuropa ist der sogenannte Braunbrustigel vorherrschend.

Schutz durch Stachelkleid

Durch die Stacheln, die seinen Rücken und die Flanken bedecken, unterscheidet sich der Igel von allen anderen einheimischen Tieren. Mit ihrer Hilfe kann er sich gegen seine Feinde zur Wehr setzen. Denn innerhalb von Sekunden vermag er, sich im Falle eines Angriffs mithilfe eines Ringmuskels, der am Rande des Stachelfells um den ganzen Körper verläuft, zusammenzuziehen und so mit den Stacheln die verletzlichen Körperteile zu schützen. In diesem zugerollten Zustand kann er bis zu 12 Stunden verharren. Bei den Stacheln handelt es sich um modifizierte, hohle Haare. Wie Haare können auch die Stacheln ausfallen und wieder nachwachsen. Ein ausgewachsener, gesunder Igel weist bis zu 7.000 Stacheln auf. Der Igel kommt übrigens schon mit Stacheln zur Welt. Allerdings sind die Stacheln bei Igelbabys durch eine dünne, mit Flüssigkeit gefüllte Haut verdeckt, damit sie das Weibchen bei der Geburt nicht verletzen. Erst wenn diese Haut trocknet, werden sie sichtbar. Ein Jungtier hat ungefähr 100 Stacheln, die erst noch weiß und weich sind. Erst nach einem Monat ähneln sie den Stacheln der erwachsenen Tiere.

Nachtaktiver Insektenfresser

Der Igel ist ein nachtaktiver Insektenfresser. Wenn die Dämmerung einsetzt, begibt er sich auf die Jagd. Er vertilgt Käfer, Falter, Spinnen und Asseln, aber auch Regenwürmer, Schnecken und Raupen. Daher wird er im Garten als nützlicher Helfer bei der Vertilgung von Schadinsekten geschätzt. Da der Igel gegen Gifte äußerst resistent ist, verzehrt er auch Schlangen, Wespen, Bienen und Hummeln ohne Schaden zu nehmen. Die nächtliche Lebensweise des Igels erfordert ein anderes Wahrnehmungsvermögen als ein tagaktives Tier. Daher setzen sie auf der Jagd ihren hervorragenden Geruchssinn und ihr ausgeprägtes Gehör, das bis weit in den Ultraschallbereich hineinreicht, ein. Auch ihr erstaunliches Gedächtnis, verbunden mit ihrer bemerkenswerten Lernfähigkeit, hilft ihnen bei der Nahrungssuche. Denn ihr Sehvermögen ist nur mäßig.

Fortpflanzung und Nachwuchs

Die Paarungszeit der Igel liegt zwischen Mai und August, die Tragezeit eines trächtigen Igelweibchens beträgt zwischen 30 und 48 Tagen. Ein Zweitwurf im selben Jahr ist äußerst selten. Durchschnittlich umfasst ein Wurf vier bis fünf Jungtiere, deren Augen und Ohren bei der Geburt noch geschlossen sind und sich erst nach 12 bis 24 Tagen öffnen. Die Igelmutter säugt ihre Kinder ungefähr sechs Wochen lang. Danach machen sie sich selbständig und suchen sich ein eigenes Jagdrevier. In dieser Zeit sind sie unerfahren und sehr verletzlich. Drei Viertel der Jungtiere überleben das erste Jahr nicht.

Winterschlaf

Zur Überbrückung der nahrungsarmen Zeit halten die Igel Winterschlaf. Bis tief in den Herbst hinein fressen sie sich Fettpolster an, die als Energievorrat dienen. Während des Winterschlafs rollen sich die Igel zusammen und fahren ihre Körperfunktionen herunter. So wird die Herztätigkeit von etwa 200 Schlägen pro Minute auf etwa acht Schläge pro Minute verringert, ebenso wird die Atmung stark reduziert und die Körpertemperatur sinkt von 36 Grad auf vier Grad. Daher wird der Winterschlaf auch "Der kleine Tod" genannt. Während dieser Zeit verliert ein Igel 20 Prozent bis 40 Prozent seines Körpergewichts.

Natürliche Feinde

Die wichtigsten natürlichen Feinde des Igels sind der Uhu und der Dachs. Der Uhu schafft es, mit seinen gepanzerten Krallen einen Igel so stark und so schnell zu verletzen, dass er sich nicht mehr rechtzeitig zusammenrollen kann. Auch der geschickte Dachs kann mit seinen Krallen die Abwehr des Igels überwinden. Auch Marder, Iltisse, Wildschweine und Füchse machen Jagd auf den Igel, erbeuten aber meist schwache und kranke Tiere. Schnappt ein Fuchs einen Igel, so versucht er, ihn ins Wasser zu werfen, oder er bespritzt ihn mit Urin, bis der Igel sich aufrollt.

Der Mensch als Bedrohung für den Igel

Der größte Feind des Igels ist jedoch der Mensch. Die Gifte, die der Mensch im Garten und in der Landwirtschaft einsetzt, nimmt der Igel über seine Nahrung auf, kann daran erkranken und sterben. Ebenso bedrohen Gartengeräte, wie Tellersensen und Laubsauger, aber auch Mähmaschinen, Netze und Schwimmbäder das Leben des stachligen Überlebenskünstlers. Zum Verhängnis wird dem Igel sein eigener Schutzmechanismus im Straßenverkehr. Nähert sich einem Igel, der eine Straße überquert, ein Auto, so rollt er sich zusammen und wird oft überfahren. Man schätzt, dass pro Jahr in Deutschland eine halbe bis eine Million Igel im Straßenverkehr sterben. Trifft es ein Muttertier, so sterben oft auch die hilflosen Jungtiere im Nest. Durch den Straßenbau werden aber auch oft ganze Populationen voneinander getrennt. Folge dieser "Verinselung" sind Krankheiten und Seuchen, aber auch Inzucht, die zu Genveränderungen führen kann, was oftmals das Ende einer ganzen Population bedeutet.


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