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Der Grenzberg

Die Zugspitze Der Grenzberg

Stand: 17.09.2018

 Zugspitzgipfel mit Schneefernerhaus und Münchner Haus, Luftaufnahme, | Bild: colourbox.com

Als die Grafschaft Werdenfels noch zum Hochstift Freising gehört, liegt sie als kleines Territorium eingepresst zwischen Bayern und Tirol und muss sich Gebietsansprüchen von beiden Seiten erwehren. Viele Menschen in der Zugspitzregion betreiben Alm- und Weidewirtschaft, sie nutzen den Wald, zudem wird gejagt. Im 18. Jahrhundert kommt es immer wieder zu Grenzkonflikten, Weide- und Wegerechtsstreitigkeiten. Kommissionen versuchen strittige Fragen zu klären, Feldmesser und Beamte erstellen Karten.

1803 fällt die Grafschaft Werdenfels an die Bayern, die 1806 Tirol besetzen und mit ihren Säkularisierungsbestrebungen 1809 einen Volksaufstand provozieren. Noch heute empören sich manche Tiroler über das Benehmen der "Boarn" zu dieser Zeit. In den blutigen Berg-Isel-Schlachten erringen die Tiroler einige Siege; letztlich werden sie geschlagen, ihr Anführer Andreas Hofer wird 1810 in Mantua erschossen.

Bayerisch-österreichische Rivalitäten

Verglichen mit Österreichs Bergen ist die Zuspitze eher klein. Sie ist mit ihren 2.962 Metern nicht einmal ein Dreitausender, während die höchste Erhebung unseres Nachbarlandes, der Großglockner, stolze 3.798 Meter aufweist. In Österreich wird augenzwinkernd erzählt, die Zugspitze sei ohnehin ein Präsent des österreichischen Kaisers Franz Josef für die bayerische Prinzessin Sisi - "damit's auch an richtigen Berg habt's". Tatsächlich verschenkt der Monarch 1854 ein Gipfelstück an Bayern.

Immerhin ist die Zugspitze der Grenzberg zwischen Bayern und Österreich. Da lohnt sich so mancher Wettstreit - vor allem wenn es darum geht, möglichst viele Touristen möglichst hoch auf den Berg hinaufzuschaffen. Freizeit, Spaß und Erholung sind eben ernste Angelegenheiten, die man nicht dem Nachbarn überlassen darf.

Der Bergbahn-Wettbewerb

"Mechanische Aufstiegshilfen" werden auf beiden Seiten schon im späten 19. Jahrhundert geplant. Bayerns Prinzregent Luitpold (1886-1912) steht dem Vorhaben skeptisch gegenüber. König Ludwig III. (1913-1918) gibt grünes Licht für eine "Garmischer Bahn", doch der Erste Weltkrieg verhindert zunächst den Bau. 1926 haben die Tiroler die Nase vorn: Eine von Ehrwald startende Seilbahn wird in Betrieb genommen; sie endet nur 160 Meter unter dem Gipfel der Zugspitze.

Nun ist der Ehrgeiz der Bayern geweckt: Sie wollen, dass "ihre" Touristen bequem den Gipfel erreichen, also die letzen Höhenmeter nicht mehr zu Fuß gehen müssen. Im Juni 1928 wird die Bayerische Zugspitzbahn AG gegründet, ihre Ingenieure treiben die Bauarbeiten bei Eis und Schnee voran. Schließlich geht 1930 eine Zahnradbahn von Garmisch aufs Zugspitzplatt in Betrieb, schon im Jahr darauf fährt eine Gipfelbahn vom Platt zum höchsten Punkt.

Horváths Kapitalismuskritik

Ein früher Augenzeuge kann der Bergbahnbegeisterung allerdings nicht viel abgewinnen: der österreichisch-ungarische Schriftsteller Ödön von Horváth (1901-1938). In den 1920er Jahren besucht er die Baustellen und spricht mit Beschäftigten. Er geht in die Wirtshäuser der Zugspitzregion und lauscht den Erzählungen der Einheimischen. Er erfährt von Hunger, Lohndumping und tödlichen Arbeitsunfällen. So entsteht 1926 das Volksstück "Die Bergbahn", in dem Horváth die Profitgier der Verantwortlichen anprangert. Der Gnadenlosigkeit der Herrschenden und der Natur, so sein düsteres Fazit, haben die Arbeiter nichts entgegenzusetzen.

Der Konkurrenzkampf geht weiter

1963 startet die Eibsee-Seilbahn von deutscher Seite und endet direkt auf dem Gipfel. 1964 kontern die Tiroler: Sie präsentieren eine neue Ehrwald-Seilbahn, die nun ebenfalls bis zum Gipfel geht. 1988 eröffnen die Bayern einen neuen Tunnelabschnitt für die Zahnradbahn - Skifahrer werden fortan direkt zu den Liften auf dem Platt transportiert. Als rasche Verbindung zwischen der Eibsee-Seilbahn und dem Skigebiet steht Wintersportlern seit 1992 eine Gletscherbahn zur Verfügung. Und 2017 legen die Bayern erneut vor: Eine neue Hightech-Seilbahn ersetzt das Eibsee-Gefährt von 1963; natürlich fahren die Gäste direkt bis zum Gipfel.

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