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Machtergreifung Kriegsende und Kriegsanfang

Hinter dem Angriff auf Polen vom September 1939 steckte die Logik vieler Jahre Planung. Konkrete Gestalt hatten Hitlers Visionen von einem Krieg um Lebensraum im Osten bekommen mit der Machtergreifung seit dem 30. Januar 1933.

Stand: 22.07.2019 | Archiv

Der Angriff auf Polen

"Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurück geschossen. Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!"

Am 1. September 1939 verkündete Adolf Hitler den Einmarsch in Polen - ohne Kriegserklärung. Es war der Überfall, mit dem der Zweite Weltkrieg begann.

Der Zweite Weltkrieg, dabei war der Erste Weltkrieg erst seit 1918, seit gut 20 Jahren, überstanden. Dieser letzte Krieg hieß noch nicht der Erste Weltkrieg, sondern nur "der Weltkrieg", und er war den Menschen noch sehr gut als "Urkatastrophe" in Erinnerung. Die zwei Jahrzehnte seit seinem Ende hatten die Weimarer Republik und dabei den Aufstieg Hitlers zum Führer der NSDAP gebracht und anschließend Hitlers Aufstieg zum Führer des "Dritten Reichs". Doch dass mit diesem 1. September nun tatsächlich der nächste, der Zweite Weltkrieg ausbrechen würde, hatte noch niemand ernsthaft auf der Rechnung. Hitler selbst nicht, seine Generäle nicht, und erst recht nicht die deutsche Bevölkerung.

Dennoch war der Angriff auf Polen nur der Auftakt zu viel weiter gesteckten Zielen Hitlers, die bereits seit vielen Jahren sein politisches Handeln bestimmt hatten. Wie viele andere politisch nationalkonservative Kräfte der Weimarer Zeit stand auch Hitler außenpolitisch für die Revision des Versailler Friedensvertrags. Den "Revisionisten" galt der Vertrag als Schande. Deutschland hatte große Gebietsverluste hinnehmen müssen, und nun lebten große Teile der deutschen Bevölkerung nicht mehr innerhalb der deutschen Grenzen. Über diese revisionistischen Ziele hinaus hatte Hitler allerdings schon in seinem 1924/25 erschienenen Buch "Mein Kampf" die Vision beschrieben, für das deutsche Volk Lebensraum im Osten zu gewinnen - in den weiten Gebieten Russlands bis zum Ural. Der Angriff auf Polen vom 1. September `39 lag also in der Logik von Ideen, die Hitler seit vielen Jahren verfolgten. Zu konkreten Plänen konnten sie spätestens seit dem 30. Januar 1933 werden, seit dem Tag, an dem Hitlers Machtergreifung begann.

Reichskanzler Hitler

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. Er wurde somit Chef einer Koalitionsregierung aus nationalkonservativen Kräften und seiner eigenen Partei, der NSDAP. Im Kabinett Hitler saßen - Hitler eingeschlossen - nur drei NSDAP-Mitglieder am Tisch. Auch um das Ausland zu beruhigen, hatte Präsident Hindenburg dafür gesorgt, dass es an den entscheidenden Stellen keine NSDAP-Mitglieder gab. Das Außenministerium besetzte der erfahrene Konstantin Freiherr von Neurath, Reichswehrminister wurde Werner von Blomberg.

Aber es zeigte sich schnell, dass eine entscheidende Wende in der Weimarer Republik stattgefunden hatte. Bereits wenige Tage nach seiner Ernennung gelang es Hitler, den Reichstag wieder auflösen zu lassen und Neuwahlen für den 5. März anzuberaumen. Er hoffte auf ein noch besseres Ergebnis. Doch obwohl die Konkurrenz anderer Parteien bereits durch Gewalt und Schikanen erheblich behindert wurde, brachten die Märzwahlen für die NSDAP ein enttäuschendes Ergebnis. Mit demokratischen Wahlen, mit den Spielregeln der Weimarer Republik, schien Hitler also nicht mehr weiter zu kommen. Seine Reaktion war das berüchtigte Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933. Durch dieses Gesetz konnte er künftig ohne den Reichstag regieren. Hitler erklärte damals vor den Abgeordneten:

"Es würde dem Sinn der nationalen Erhebung widersprechen und dem beabsichtigten Zweck nicht genügen, wollte die Regierung sich für ihre Maßnahmen von Fall zu Fall die Genehmigung des Reichstags erhandeln und erbitten. Die Regierung will sich nicht von Fall zu Fall beim Reichstag durchbetteln."

Das restliche Jahr 1933 brachte die Gleichschaltung der Länder, der großen Verbände und Interessenvertretungen, das Ende der freien Gewerkschaften und vor allem das Ende der alten Parteien. Sie wurden verboten, oder lösten sich unter Druck und Zwang selbst auf. Übrig blieb am Ende allein die NSDAP.

Erste Opfer und Verbündete

Auf den ersten Blick sieht es aus, als hätten Piraten ein hilfloses Staatsschiff gekapert. Aber die Verhältnisse auf dem gekaperten Schiff lagen sehr unterschiedlich. Verfolgt oder sogar umgebracht wurden Kommunisten und Sozialisten, die anderen demokratischen Parteien wurden aus der politischen Landschaft vertrieben. Aber viele der alten traditionellen Eliten aus dem Kaiserreich Wilhelms II. weinten der Weimarer Demokratie keine Träne nach. Diese Eliten waren nach wie vor stark vertreten in der Außenpolitik, natürlich beim Militär und in der Wirtschaft. Hier sahen die führenden Köpfe in Hitlers Kanzlerschaft auch eine Chance. Sie hofften, mit ihm sei zu erreichen, wozu die Republik nicht in der Lage war - einen machtvollen Neuanfang für Deutschland nach dem verlorenen Weltkrieg.


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