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Das Thema Blick gen Osten: Hitlers Vision

Der Kaiser träumte noch von einem Platz an der Sonne für Deutschland, von Kolonien in Afrika und der Südsee. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg ging Hitlers Blick Richtung Osten. Dort sah er die Zukunft für die germanische Rasse. Gefährdet sah Hitler seine aggressiven Raumpläne vor allem durch das "internationale Judentum".

Stand: 22.07.2019 | Archiv

Der Platz an der Sonne - das Kaiserreich

Das Ende des Ersten Weltkriegs empfanden weite Teile der deutschen Öffentlichkeit als Katastrophe. Große Gebiete des deutschen Kaiserreichs waren durch den Versailler Friedensvertrag verloren, und die darin lebenden deutschen Bevölkerungsteile lebten nun nicht mehr in Deutschland.

Doch zu verdauen war nicht nur der wider alle Erwartung verlorene Krieg, sondern auch das Aus für den imperialistischen Traum von einem Platz an der Sonne für Deutschland. Das Kaiserreich Wilhelms II. hatte viele Energien darauf verwendet, zu den europäischen Kolonialmächten England und Frankreich aufzuschließen. Deutschlands Größe sollte sich in Afrika wie in der Südsee fortsetzen, die überseeische Expansion des Reichs sollte für den deutschen Anspruch auf Weltpolitik stehen.

Ellbogenraum für die germanische Rasse - die Alldeutschen

Doch schon im Kaiserreich hatten diese imperialistischen Vorstellungen, die auf ein Ausgreifen über die ganze Welt abzielten, Konkurrenz bekommen. In den 1890er Jahren wuchs die Propaganda eines völkisch orientierten Flügels der "Alldeutschen Bewegung". Dort wurde kritisiert, dass die Kolonial- und Handelspolitik des Reichs das deutsche Volkstum nur zerstreuen würden, ohne das deutsche Territorium selbst dabei zu erweitern. Im Januar 1894 erschien etwa ein Artikel im einschlägigen Verbandsorgan, den "Alldeutschen Blättern", in dem es heißt:

"Der alte Drang nach Osten soll wieder lebendig werden. Nach Osten und Südosten müssen wir Ellbogenraum gewinnen, um der germanischen Rasse diejenigen Lebensbedingungen zu sichern, deren sie zur vollen Entfaltung ihrer Kräfte bedarf."

Lebensraum im Osten - Hitler

1939: Parade der Wehrmacht in Prag

Ellbogenraum im Osten für die germanische Rasse - im Kaiserreich ein noch eher unzeitgemäßer Gedanke. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges tauchte er allerdings plötzlich wieder auf in einem Buch, das 1924/25 erschien. In "Mein Kampf" beschrieb Adolf Hitler seine politischen Visionen:

"Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zu der Bodenpolitik der Zukunft."

Auch Hitlers Blick ging also in den Osten, das heißt Richtung Russland, seit einigen Jahren, im Zuge der bolschewistischen Revolution, die Sowjetunion. Riesige Räume, glaubte Hitler, würden dort auf die Besiedlung durch die germanische Rasse warten. Mitten in einem Europa von Industriestaaten träumte Hitler von einem bäuerlichen germanischen Großreich, denn das Zukunftsziel müsse …

"… in der emsigen Arbeit des deutschen Pfluges liegen, dem das Schwert nur den Boden zu geben hat."

Adolf Hitler

Die Vorstellung vom Lebensraum im Osten war eines der Kernelemente der NS-Ideologie, und sie war der wichtigste ideologische Wegweiser zum Angriff auf Polen am 1. September 1939. Befeuert wurde das Lebensraum-Konzept von sozialdarwinistischen Vorstellungen, wie sie bereits im Begriff "Ellbogenraum" der Alldeutschen angeklungen waren. Eine friedliche Verständigung unter den Völkern wurde demnach für unnatürlich gehalten. Im Kampf um Ressourcen würde sich stets die stärkere Rasse oder Nation durchsetzen. Auch Hitler sah im unablässigen Kampf der Völker und Rassen um Lebensraum ein Grundgesetz der Geschichte.

Antisemitismus

Hitlers Visionen wurden dabei durch einen besonderen Kitt zusammengehalten: dem Antisemitismus. Schon in "Mein Kampf" erging sich Hitler in Vernichtungsdrohungen gegen die Juden. Mit seinen Gewaltphantasien verband er eine Art von Erlösungsutopie: Alles Schlechte auf der Welt wäre beseitigt, wenn nur die Juden entfernt wären. Denn das Weltjudentum, so Hitler, stecke hinter den internationalen Finanzmärkten ebenso wie hinter der bolschewistischen Revolution in Russland. Seltsamerweise stehen bei Hitler also Juden für beide sich eigentlich ausschließende politische Systeme der Zeit - für Kapitalismus und Sozialismus. Der Jude als Feindbild konnte somit hinter allen Mächten stehen, die Deutschlands Drang nach einem bäuerlichen Leben im Osten behindern könnten: für die kapitalistischen Nachbarn im Westen, England, Frankreich und auch die USA und den sozialistischen Nachbarn im Osten, die Sowjetunion.

Keine dieser Vorstellungen hatte Hitler selbst erfunden. Aber er, die NSDAP und die SA brachten sie in der Weimarer Zeit von den Wirtshäusern und Salons der Politschwadroneure auf die Straße, wo sie massentauglich wurden.


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