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Von der Zarenherrschaft zur Diktatur des Proletariats Das Thema

Stand: 22.10.2010

In der Geschichte Russlands ist das Jahr 1917 ein ganz besonderes Jahr. Es beendete eine 500 Jahre anhaltende Zarenherrschaft. Und es ist gleichzeitig die Geburtsstunde der ehemaligen Sowjetunion. Von der Monarchie zur "Diktatur des Proletariats", das war ein beispielloses Experiment. Die Februarrevolution in Petrograd, dem heutigen Petersburg, damals die Hauptstadt Russlands, führte mitten im Ersten Weltkrieg zur Abdankung des autokratisch regierenden Zaren Nikolaus II. Die Oktoberrevolution ein halbes Jahr später brachte den radikalen Sozialisten und Marxisten Lenin und die Bolschewiken an die Macht. Was folgte, war ein drei Jahre langer Bürgerkrieg. Ein politisches System wurde etabliert, das den Russen nicht Gleichheit und Gerechtigkeit, sondern Terror und Unterdrückung und acht Millionen Menschen den Tod brachte.

Die Februarrevolution

Nikolaus II. hörte in seinem Hauptquartier in Mogilew von Unruhen in Petrograd. Da Soldaten den Kaiserzug umleiteten, gelang es dem Zaren nicht, die Hauptstadt zu erreichen. Diese "Zugepisode" läutet den Sturz des Zaren ein. Bereits wenige Tage danach tritt die Regierung zurück. Und schon neun Tage später muss der Zar abdanken. Die politische Handlungsfähigkeit der Zarenherrschaft war schon vorher stark eingeschränkt. Der Erste Weltkrieg brachte Russland keine militärischen Lorbeeren, die Wirtschaft lag danieder und die russische Bevölkerung hatte nichts mehr zu essen. Das starre autokratische Regime hatte versäumt, Reformen anzubieten.

Die liberale Übergangsregierung

Zunächst schrieb sich diese Regierung alles auf die Fahnen, was der Zar vernachlässigt hatte. Es sollte Amnestie geben für alle politisch Verfolgten, Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit. Darüber hinaus wurde die Wahl einer konstituierenden Versammlung vorbereitet, um das allgemeine, freie, demokratische und geheime Wahlrecht einzuführen. Zudem war das Gebot der Stunde, den Krieg mit dem Deutschen Reich zu beenden. Er hatte die russische Wirtschaft völlig überfordert, die zu jener Zeit vor allem auf der Agrarwirtschaft basierte und den Anforderungen eines "modernen Krieges" nicht gewachsen war. Aber die Liberalen unter dem 36-jährigen Ministerpräsidenten Alexander Kerenskij weigerten sich, Frieden mit dem Deutschen Reich zu schließen.

Lenin und die Bolschewiken

Kerenskijs großer Gegenspieler war Lenin. Im Frühjahr lebte Lenin noch im Exil in der Schweiz. Als geistiger Führer des radikalen Flügels der russischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die sich 1903 auf ihrem Parteitag in Menschewiki, "Minder- " und Bolschewiki, "Mehrheitler" geteilt hatte, wollte er unbedingt nach Petersburg zurück. Aber das war nur illegal möglich. Mit Duldung der Berliner Reichsregierung - das kriegführende Deutsche Reich war daran interessiert, Russland zu destabilisieren - konnte Lenin in einem verschlossenen Zug mit Gesinnungsgenossen von Zürich über Deutschland und Stockholm am 3. April nach Petersburg gelangen. Von einem Panzer aus schwang Lenin seine Reden – der triumphierende Heimkehrer. In den folgenden Monaten scharrte Lenin die Bolschewiken hinter sich: Arbeiter, Bauern, auch Soldaten, die nicht mehr kämpfen wollten und meuterten. In der Bolschewistischen Partei besaß Lenin sehr viel Macht und bestimmte fast allein den Kurs, während sich die liberal-bürgerlichen Kräfte entzweiten. Lenin wollte mit einem streng von ihm geführten Machtapparat Russland in einen sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat - zu einer "Diktatur des Proletariats" umwandeln. Sowjets, Räte von Soldaten, Arbeite und Bauern sollten die Geschicke des Landes steuern und bestimmen.

In seinen "Aprilthesen", seine berühmteste Schrift, legte Lenin sein politisches Programm vor. Allerdings waren auch die eigenen Reihen der "Räte" über den Sommer von 1917 hinweg nicht geschlossen. Im Juli misslang ein gewaltsamer Putschversuch. Erst die sich weiter verschlechternde Situation durch die russische Kriegführung trieb den Bolschewiken Arbeiter, Bauern und Soldaten in Scharen zu. Ihnen versprachen die bolschewistischen Führer populistisch das, was sie sich am meisten wünschten: den Soldaten den Frieden, den Bauern mehr Land und den Arbeitern die Kontrolle der Fabriken. Als Kerenskij Lenin ins Gefängnis bringen lassen wollte, versteckt sich Lenin außerhalb von Petrograd. Immer an seiner Seite: die Revolutionärin und als seine Sekretärin fungierende Ehefrau Nadeshda Krupskaja.

Die Oktoberrevolution

Dass Kerenskij und die liberalen Kräfte Fehler begangen - die versprochenen Reformen wurden verschleppt, - kam der Revolution Lenins zugute. Eine Konterrevolution durch Armeegeneräle drohte ebenfalls. Bauern, Arbeiter und Soldaten radikalisieren sich. Am 25. Oktober 1917 stürmten die Bolschewiken den Winterpalast mit Sitz der Minister und treffen auf keinen Widerstand. Einen Tag später ruft Lenin vor dem "Allrussischen Sowjetkongress" die proletarische Revolution aus. Der "Rat der Volkskommissare" bildet die neue Regierung.

Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk 1918 mit dem Deutschen Reich gibt Lenin und seiner Regierung Spielraum. Doch die Weltrevolution findet nicht statt. Vielmehr schlittert Russland in einen drei Jahre anhaltenden Bürgerkrieg. Die Rote Armee auf der einen Seite, Konservative, Liberale, die Weiße Armee auf der anderen Seite. Der Zar und seine Familie werden erschossen, vielleicht Lenins Rache für seinen vom Zarenregime hingerichteten Bruder? Das Land erlebt bittere Jahre. 1923 stirbt Lenin, aber Terror und Unterdrückung gehen weiter ...


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