Bayern 2 - radioWissen


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Die Legende vom edlen Räuber

Von: Volker Eklkofer / Sendung: Christian Feldmann

Stand: 02.11.2015 | Archiv

Geschichte Gy

Die schlechte Nachricht zuerst: Ein historischer Robin Hood existierte wohl nicht, der Rächer aus dem Wald ist ein Phantom. Die gute Nachricht: Als Universalheld und Figur der Popkultur ist der Bogenschütze aktueller denn je.

Dauerpräsenz eines Geächteten - Robin Hood

Wir kennen ihn aus unzähligen Romanen, Filmen, Comics, Fernseh- und Zeichentrickserien: Robin Hood, den Rächer der Enterbten, den grünen Bogenschützen, den unerschrockenen Outlaw, der die Reichen bestiehlt und die Armen beschenkt. Hollywood-Größen wie Douglas Fairbanks, Sean Connery, Kevin Costner oder Russel Crowe verkörperten ihn als tapferen Kämpfer, der Komiker Mel Brooks veralberte ihn als Held in Strumpfhosen. In Deutschland hat sich der Spaßvogel Otto Waalkes am "Riecher der Verderbten" abgearbeitet.


Die heute geläufige Rahmenhandlung der Robin-Saga ist rasch erzählt. In England regiert der ruchlose Prinz John, während sein Bruder Richard Löwenherz im Heiligen Land kämpft. John ist ein Tyrann, der das Volk unterdrückt und ausbeutet. Als der angelsächsische Adelige Robin of Locksley vom Kreuzzug heimkehrt, muss er feststellen, dass finstere Normannen seine Güter konfisziert haben. Robin wird für vogelfrei erklärt, er flieht in den Sherwood Forest und übernimmt das Kommando über eine Gruppe Geächteter. Die "Merry Men" starten Raubzüge und verteilen die Beute an Arme. Immer wieder entwischt Robin, ein treffsicherer Bogenschütze, dem Sheriff von Nottingham und seinem Gehilfen Guy of Guisborne. Schließlich kommt König Richard Löwenherz nach England zurück, rehabilitiert die Rebellen und Robin heiratet seine Herzensdame Maid Marian.

Der globale Siegeszug eines Räubers

In allerlei Varianten wird die Geschichte von Robin Hood seit Jahrhunderten dargestellt. In England steigt der Rächer aus dem Wald zum Volkshelden Nummer Eins auf und über die Kontinente hinweg verbreitet sich sein Ruhm. Seine Taten werden nicht nur von Hollywood verfilmt, er fasst auch in Gesellschaft und Wirtschaft der Gegenwart Fuß. Journalisten und Publizisten führen ihn häufig ins Feld, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht. Wirtschaftsethiker bemühen ihn, um zu zeigen, wie man Moral mit ökonomischem Erfolg verbindet. Umweltorganisationen ("Robin Wood") machen sich gern das Image des edlen Kämpfers gegen die Obrigkeit zunutze. Als Werbefigur und Marke ist Robin bestens geeignet - die Palette reicht vom Möbelhandel ("Der Retter der kleinen Preise") bis zu Aktiengeschäften mit Robinhood-App. Auch Straßen sind nach ihm benannt und der Flughafen von Sheffield schmückt sich mit seinem Namen. Sogar ein feiger Verbrecher, der im Jahr 2000 Lebensmittel vergiftete, um den Nestlé-Konzern zu erpressen, gefiel sich in der Rolle des "Robin Food".

Die Suche nach den historischen Wurzeln

Bei der Allgegenwart des Helden vom Sherwood Forest verwundert es nicht, dass sich eine florierende Robin-Hood-Forschung etabliert hat. Auf der Suche nach dem realen Robin und seinem Wirkungsgebiet sichten Historiker und Literaturwissenschaftler mittelalterliche Quellen. Fündig geworden sind sie bislang nicht. Einige Experten vermuten, Robin sei ein verfemter Adeliger gewesen, andere betrachten ihn als armen Landwirt, andere verorten ihn irgendwo dazwischen als stolzen englischen Freibauern (Yeoman). Einigkeit zwischen den Denkschulen herrscht weitgehend über die Orte seiner Machenschaften: den Sherwood Forest nahe Nottingham in Mittelengland oder die weiter nördlich gelegene Waldregion von Barnsdale.


Wenngleich bislang keine handfesten Belege für Robins Existenz aufgetaucht sind - Vorbilder gibt es viele. So weiß man etwa von der Hinrichtung eines Robert of Wetherby in den 1220er Jahren und von der Verfolgung des Gauners Robert Hood durch den Sheriff von Yorkshire wenig später. Zudem geistern im 13. Jahrhundert mehrere "Robehoods" durch Gerichtsakten, was den Schluss nahe legt, "Robin Hood" könnte ein Sammelbegriff für Verbrecher verschiedener Couleur gewesen sein. Zu dieser Zeit sind schon allerlei Robin-Hood-Geschichten im Umlauf. Der Name verfügt anscheinend über Identifikationspotential, so dass Outlaws ihn als Pseudonym beziehungsweise Nom de guerre verwenden.


Fest steht: Die Robin-Hood-Story ist eng mit der Geschichte Englands im 13. Jahrhundert verbunden, die Sagengestalt agiert vor historisch wahrem Hintergrund. Als König Johann Ohneland (1167-1216), dem der Adel 1215 die Magna Charta Libertatum abgerungen hat, stirbt, ist England durch Kriege und Unruhen erschüttert. Auf dem Land toben Adelsfehden, vom König ernannte Verwaltungsbeamte, die Sheriffs, führen ein korruptes Eigenleben und drangsalieren die Bevölkerung. Johanns Nachfolger setzen Wandergerichte ein, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Oft werden drakonische Strafen verhängt. Beschuldigte fliehen in die Wälder und halten sich als Wilderer und Räuber über Wasser. Für Legendenbildung ist diese Chaoszeit ein idealer Nährboden.

Die Verbreitung des Robin-Hood-Kults

Nachdem sich die Robin-Legende zunächst in mündlicher Form entwickelt, wird sie im 14./15. Jahrhundert mittels Balladen transportiert. Der frühe Robin Hood ist noch kein adeliger Umverteiler mit vollendeten Manieren, sondern ein rauer Wegelagerer, ein Brutalo, der vor Mord nicht zurückschreckt, Köpfe abschneidet und in die eigene Tasche wirtschaftet. Die um 1450 entstandene Ballade "A Gest of Robyn Hode" eines unbekannten Dichters beschreibt das Leben des Gesetzlosen in acht Episoden und gilt als bedeutendste Quelle des Robin-Mythos. Der Held handelt trickreich, kalkuliert eiskalt und gelangt zu Reichtum. Kämpfe gegen die Normannen finden nicht statt, eine Geliebte Marian fehlt.


Im 15./16. Jahrhundert ist es in England Brauch, Robin Hood bei Maifeierlichkeiten zu spielen. Nun tauchen Weggefährten wie Bruder Tuck und Frauen wie Marian auf. Und während in der beginnenden Neuzeit frische Leitbilder gesucht werden, verändert sich auch die Gestalt des Robin Hood. Er wandelt sich allmählich zum Menschenfreund und Gönner. Im Theater der Renaissance wird er schließlich als zu Unrecht enterbter Adeliger präsentiert. In Shakespeares Komödie "As You Like It" ("Wie es euch gefällt“) findet ein junger Edelmann bei Geächteten im Wald Zuflucht, verliebt sich in eine ebenfalls dorthin geflohene Herzogstochter und gewinnt den Respekt der Gesetzlosen durch seine Siege im sportlichen Wettkampf.

Die Wandlungsfähigkeit einer Heldengestalt

Zu Zeiten der Französischen Revolution kommt der Sozialrebell Robin aus dem Wald, beraubt Reiche und gibt die Beute den Armen. Mit dem Aufkommen des Nationalismus im 19. Jahrhundert mutiert er zum aufrechten Patrioten. Sir Walter Scott (1771-1832), der große alte Mann der schottischen Literatur und Liebhaber romantischer Balladen, belebt den Mythos vom edlen Outlaw neu. Im Roman "Ivanhoe" (1819) koppelt er die Figur des "Locksley" mit König Richard Löwenherz (1157-1199) und lässt sie gegen normannische Besatzer kämpfen. Damit ist der Robin Hood unserer Tage, der noble Räuber und Streiter gegen feige Okkupatoren, endgültig eingeführt.


Einige Jahrzehnte nach Walter Scott, während der Industrialisierung, steht der stets fleißige und arbeitsame Robin Hood des Amerikaners Howard Pyke (1853-1911) für eine strikt protestantische Arbeitsmoral ("The Merry Adventures of Robin Hood", 1882). Und 1938 - längst hat sich Hollywood des grünen Bogenschützen bemächtigt - wird Robin Hood in "König der Vagabunden" als Antifaschist in Position gebracht.

Robin Hood - der Held für jedermann

Robin Hood, so zeigt sich im Laufe der Jahrhunderte, ist eine ideale Identifikationsfigur und eine ebenso politische wie literarische Gestalt. In Robin Hood verkörpern sich, wie Judith Klinger, Potsdamer Mediävistin und Expertin der Sendung betont, Träume etwa von sozialer Gerechtigkeit, vom Leben in der Natur, von Gemeinschaft und vom "heroischen Widerstand" - gegen was auch immer. Robin ist so wirkungsmächtig, weil er den Menschen dabei hilft, Luftschlösser zu bauen und in Gedanken einer ungerechten Gesellschaft voller Zwänge zu entfliehen.


Mal erscheint Robin als räuberischer Individualist, mal als lustiger Abenteurer, mal als enterbter Adeliger. Er ist Ritter, Geschäftsmann, Höfling, Patriot und Sozialrevolutionär. Manchmal lehnt er sich gegen die Gesellschaft auf, manchmal ist er systemstabilisierend. Meistens bleibt er treuer Royalist, ist aber dennoch fester Bestandteil des sozialpolitischen Vokabulars der Linken. Und gelegentlich wirkt er wie ein Modernisierungsverlierer, der diejenigen, die ihn überrundet haben, ungeniert ihres Besitzes beraubt. Von Epoche zu Epoche wird Robin Hood neu interpretiert und wer - je nach Theaterstück, Roman oder Film - den Mann aus dem Sherwood Forest genauer betrachtet, erblickt den jeweiligen Zeitgeist.


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