Bayern 2 - radioWissen


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Download-Center Einsatz im Unterricht

Stand: 17.02.2014 | Archiv

Vorarbeit

  • Lernziele: Die Industrielle Revolution leitete einen grundlegenden Wandel in allen Lebensbereichen ein, der das wirtschaftliche, soziale und politische Gefüge Deutschlands nachhaltig veränderte, aber auch eine Reihe schwer wiegender Probleme aufwarf. Die Schülerinnen und Schüler werden zunächst mit Periodisierungsmodellen sowie mit den Gründen für die verzögerte Industrialisierung und den Voraussetzungen des raschen Aufschwungs ab der Jahrhundertmitte vertraut. In einem weiteren Schritt begreifen sie den Industrialisierungsprozess als komplexes Wechselspiel unterschiedlichster politischer, technischer und finanzieller Faktoren. Ein zentraler Punkt ist die Bedeutung des Eisenbahnbaus: Die rasante Erweiterung des Streckennetzes bewirkte neben vermehrten Transportkapazitäten und gesteigerter Mobilität einen immensen Bedarf an flankierenden Gütern wie Stahl, Kohle und Maschinen, der zu einer Steigerung der industriellen Produktionen insgesamt führte. In der Konfrontation mit der "Sozialen Frage" erkennen die Schülerinnen und Schülern, dass der Wandel von der Agrar- zum Industriegesellschaft mit seinen ungelösten Problemen auch Kräfte hervorrief, die den Gang der deutschen Geschichte des späten 19. und 20. Jahrhunderts erheblich beeinflussten: Die revolutionären Veränderungen der Produktionsweise erforderten neue Antworten auf die Frage nach sozialer Gerechtigkeit, dem Schutz von Arbeit und der Stellung des Einzelnen zum Staat. In den industriellen Ballungszentren wuchs mit der Arbeiterschaft eine neue Klasse heran, die den Kräften des Wandels zunächst hilflos ausgeliefert war, sich aber dann mächtige Organe und Instrumente der politischen Teilhabe schuf. Darüber hinaus lernen die Schülerinnen und Schüler erste Ansätze zur Beantwortung der "sozialen Frage" durch Unternehmer und Kirchen kennen.

Die Sendung im Unterricht

  • Hinführung zum Thema: Bildimpuls: Die Lehrkraft legt ein typisches Bild aus der Frühzeit der Industrialisierung (Fabrikhallen, Eisenabstich, Walzwerk, Eisenbahnbau auf den Beamer. (Geeignete Vorlagen finden sich im Internet oder in den Geschichtsbüchern.) Die Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert, das Bild zu kommentieren und vor allem zeitlich einzuordnen. Die Lehrkraft schreibt nun den Schlüsselbegriff "Industrielle Revolution" auf die Tafel und trägt das vorhandene Vorwissen der Klasse in Stichpunkten zusammen.

Nacharbeit

Nachbearbeitung: Vorschläge für Leitfragen zum Radiobeitrag, Arbeitsaufträge und Gruppenarbeiten
1. Was bedeutet der Begriff "Industrielle Revolution"?
Industrielle Revolution bedeutet die rasche Veränderung der technologischen, ökonomischen und sozialen Verhältnisse zu Beginn und in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

  • Kennzeichnend ist der rasante Übergang vom Agrar- zum Industriestaat.
  • Mechanisierte und industrielle Fertigungsweisen prägen die Arbeit.
  • Neue Kraft-, Antriebs- und Produktionsmaschinen lösen die bislang dominierende Handarbeit ab.
  • Die Maschinenkraft ermöglicht eine Steigerung der Arbeitsleistung und Produktion.

2. Warum kommt die Industrielle Revolution in Deutschland erst mit dem Deutschen Zollverein zum Tragen?

  • Deutschland ist ökonomisch, geographisch und politisch zersplittert.
  • Innerdeutsche Zollschranken, feudale Abhängigkeitsverhältnisse, fehlende Gewerbefreiheit und eine Vielzahl unterschiedlicher Währungen erschweren den Handel.

3. Warum wird die Dampfmaschine "als treibende Kraft der Industrialisierungsspirale" bezeichnet?
Maschinen steigern die Arbeitskraft und die Produktion.

  • Es wird mehr Kohle gefördert und mehr Eisen produziert. Damit steht immer mehr Ausgangsmaterial für Maschinen-, Gleis- und Fabrikanlagenbau zur Verfügung.
  • Dampflokomotiven transportieren die Rohstoffe. Hüttenwerke und Fabriken werden über große Entfernungen mit Brennstoffen versorgt, die Rohstoffpreise sinken.
  • Mit der wachsenden Zahl von Maschinen weitet sich die industrielle Produktion auch auf anderen Wirtschaftsgebieten aus. Der Erz- und Kohlebergbau blüht auf. Erhöhte Fördermengen tragen zu einer Ausweitung der Produktion und des Handels bei.
  • Vermehrtes Angebot und vermehrte Nachfrage schieben einen Kreislauf an, der die Wirtschaft insgesamt ankurbelt.

4. Welche politischen und sozialen Folgeerscheinungen gehen mit der "Industriellen Revolution" einher?

  • Dampfgetriebene Kraftmaschinen verändern die Arbeitswelt. Die wirtschaftliche Produktion steigt sprunghaft, der Handel gedeiht, die industrielle Fertigung von Gütern verdrängt herkömmliche Arbeitsweisen, Großstädte und Industriereviere entstehen.
  • Wesentliche Folgen der Industriellen Revolution sind schwerwiegende soziale und politische Verwerfungen in Gesellschaft und Staat. Die Soziale Frage wird immer dringlicher. Arbeiter- und Kinderelend, Ausbeutung und völlige Abhängigkeit des neu entstehenden Industrieproletariats stellen Kirche, Politik und Unternehmertum vor epochale Herausforderungen.

5. Welche wesentlichen Probleme prägen die Soziale Frage des 19. Jahrhunderts?

  • Abhängigkeit: Sowohl die grund- und besitzlosen Arbeitermassen als auch scheinbar selbständige Handwerker sind von Arbeitgebern und Unternehmern abhängig. Ein Überangebot an Arbeitskräften macht sie zusätzlich schutzlos. Soziale Unterstützungen hängen von der Bereitschaft des Arbeitgebers ab; staatliche Garantien und Arbeiterschutzgesetze im heutigen Sinn sind unbekannt. Arbeiter haben weder das Recht auf Streik, noch dürfen sie sich am Arbeitsplatz politisch betätigen.
  • Arbeitsbedingungen: Die Arbeit in den Fabriken belastet die Gesundheit durch Hitze oder Kälte, Lärm und Dreck sowie lange Arbeitszeiten. Fehlende Schutzvorrichtungen an den Maschinen haben hohe Unfallgefahren und -häufigkeiten zur Folge.
  • Arbeitszeiten: Die Regelarbeitszeit schwankt zwischen 72 und 96 Wochenarbeitsstunden (14-Stunden-Tag).
  • Fehlende soziale Sicherungssysteme: Versicherungen für Arbeiter und ihre Angehörigen fehlen. Wer krank wird oder einen Arbeitsunfall erleidet, hat keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung; die Hinterbliebenen verstorbener Arbeiter werden nicht versorgt. Die Arbeiter genießen keinerlei Kündigungsschutz. Schwangere Frauen haben keinen Anspruch auf Mutterschutz.
  • Kinderarbeit: Kinder arbeiten bereits ab dem zwölften oder dreizehnten Lebensjahr in den Fabriken. Sie werden entweder als Hilfsarbeiter eingesetzt. Ihre Arbeitszeit beträgt zwischen acht und zwölf Stunden; eine Ruhepause steht ihnen nur am Sonntag zu. Viele von ihnen sterben früh an Entkräftung, auszehrenden Krankheiten (Schwindsucht) oder den Folgen eines Arbeitsunfalls.
  • Wohnungsnot: Der Wohnungsbau kann mit der Bevölkerungsexplosion in den industriellen Zentren nicht Schritt halten. Statt wie früher in eigenen Kotten, leben Arbeiter und ihre Familien jetzt zusammengepfercht und dicht gedrängt auf ungenügendem, überteuertem Wohnraum. Die hygienischen Bedingungen sind äußerst schlecht und begünstigen zusammen mit körperlicher Erschöpfung und medizinischer Unterversorgung die Ausbreitung ansteckender Krankheiten.

7. Welche sozialen und politischen Ansätze versuchen, die Soziale Frage zu lösen?

  • Unternehmer wie Krupp und Harkort führen Elemente der betrieblichen Fürsorge ein. Sie bauen Wohnungen, initiieren Sterbe- und Unfallkassen, sorgen für verbilliget Lebensmittel.
  • Die Kirche prangert soziale Missstände an und fordert Lösungen.
  • Die Arbeiter organisieren sich allmählich selbst in Vereinen, Gewerkschaften und Parteien.

Arbeitsblätter

Arbeitsblatt 1: "Was geschah wann? - Eckdaten zur Geschichte der Industrialisierung". Anhand einer selbst zu füllenden Zeittafel fassen die Schülerinnen und Schüler wichtige Daten und Ereignisse der Industrialisierung zusammen. Arbeitsblatt 2: "Steinkohle und Roheisen - Energie und Rohstoff für die Industrialisierung". Das Arbeitsblatt erläutert den wechselseitigen Zusammenhang der industriellen Leitsektoren Kohle, Eisen (Stahl) und Eisenbahnbau. Arbeitsblatt 3: "Kohle, Eisen, Stahl und Schienen - Die Leitsektoren der industriellen Revolution". Das Arbeitsblatt vertieft das Verständnis für die Verflechtung und gegenseitige Abhängigkeit der Leitsektoren Maschinenbau, Eisen- und Stahlindustrie, Bergbau und Eisenbahn. Arbeitsblatt 4: "Ausbeutung und Arbeiterelend - Die Schattenseite der Industrialisierung". Die Schüler erarbeiten wesentliche Faktoren der Verelendung des Industrieproletariats. Arbeitsblatt 5: "Wohnungsnot, Hygienemängel, Verwahrlosung - Das harte Los des Industrieproletariats". Das Arbeitsblatt illustriert zentrale Aspekte der sozialen Frage. Arbeitsblatt 6: "Ein Tropfen auf dem heißen Stein - Versuche zur Lösung der sozialen Frage". Die Schüler erarbeiten einen Überblick über die von Alfred Krupp eingeführten Wohlfahrtsmaßnahmen und werden zu einer kritischen Hinterfragung des Sozialprogramms aufgefordert.

Lehrplanbezug

Lehrplan für die bayerische Mittelschule
8. Jahrgangsstufe
Geschichte / Sozialkunde / Erdkunde, 8.2 Industrielle Revolution und nationale Einheit, 8.2.1 Merkmale der industriellen Revolution - von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft - soziale Frage und Lösungsversuche

Lehrplan für die bayerische Realschule
9. Jahrgangsstufe
Geschichte, 9.1 Industrialisierung und Wandel des europäischen Staatensystems: Industrialisierung (wirtschaftliche und technische Entwicklung, Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Menschen: Arbeiterschaft und Großbürgertum, die "soziale Frage" und Versuche ihrer Lösung

Lehrplan für das bayerische Gymnasium
8. Jahrgangsstufe
Geschichte, 8.2 Politik, Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland 1850 bis 1914: Merkmale der Industrialisierung, soziale Frage und Sozialismus, Sozialgesetzgebung, Wandel in Gesellschaft und Wirtschaft. 8.4 Jahrgangsstufenbezogene exemplarische Vertiefungen: Veränderungen in den zu Beginn des 19. Jahrhunderts neu zu Bayern gekommenen Regionen, Urbanisierung im 19. und frühen 20. Jahrhundert, z. B. München in der Prinzregentenzeit; Nürnbergs Entwicklung während der Industrialisierung; Augsburg auf dem Weg zu einem modernen Wirtschafts- und Industriezentrum, Entwicklung des ländlichen Raums im Zeitalter der Industrialisierung an bayerischen Beispielen, Natur und Umwelt in der Industriegesellschaft


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