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Jean-François Champollion Glossar

Stand: 18.01.2016 | Archiv

PersonenWerdegang
Champollion, Jean-François
(23.12.1790-4.3.1832)
Französischer Sprachwissenschaftler, Orientalist, Ägyptologe; legt mit der Entzifferung der Hieroglyphenschrift (1822) sowie Arbeiten zu Wortschatz und Grammatik des Ägyptischen den Grundstein für die wissenschaftliche Ägyptologie. Er beginnt als Jugendlicher mit dem Selbststudium mehrerer orientalischer Sprachen, studiert von 1807 bis 1809 in Paris unter anderem Koptisch, das er für die Sprache Altägyptens hält. 1810 wird er Assistenzprofessor für Alte Geschichte und Geografie an der neu gegründeten Universität in Grenoble. Ab 1820 beschäftigt er sich intensiv mit dem Stein von Rosette und den Hieroglyphen. Die Analyse der Namenskartuschen von Ptolemaios (Stein von Rosette) und Kleopatra (Obelisk von Philae) ermöglicht die Decodierung. Champollion begreift die Hieroglyphenschrift als kombinierte Laut-, Bild und Begriffsschrift mit Ein- oder Mehrkonsonantenzeichen, Bildzeichen und Sinnklassenzeichen (Determinative). In einem Brief an den Ständigen Sekretär der Pariser "Académie des inscriptions et belles-lettres" präsentiert er seine zunächst heftig umstrittenen Forschungsergebnisse ("Lettre à M. Dacier relative à l’alphabet des hiéroglyphes phonétiques"). 1824 erscheint als Erweiterung die Schrift "Précis du système hiéroglyphique". 1826 wird Champollion Leiter der ägyptischen Sammlung des Louvre, 1827 erscheint die Abhandlung "Aperçu des résultats historiques de la découverte de l'alphabet hiéroglyphique égyptien". Von August 1828 bis Dezember 1829 führt er eine von ihm geplante Nilexpedition. 1830 übernimmt er den ihm gewidmeten Lehrstuhl für Ägyptologie am Collège de France. Im Nachlass erscheinen u.a. eine "Grammaire Egyptienne (1836) und das "Dictionnaire Egyptien" (1841).
Lepsius, Karl Richard
(23.12.1810-10.7.1884)
Deutscher Ägyptologe, Sprachforscher und Bibliothekar, Begründer der Ägyptologie im deutschsprachigen Raum. Er vollendet die von Champollion begonnene Entzifferung der Hieroglyphen und bringt die methodische Erforschung der ägyptischen Sprache voran. Von 1842 bis 1845 leitet er eine preußische Expedition nach Ägypten, die zurückgebrachten Fundstücke bilden den Grundstock der ägyptischen Abteilung des Neuen Museums in Berlin.
Epiphanes Eucharistos
(210-180 v. Chr.)
Ägyptischer Pharao, von 205 bis 180 v. Chr. König von Ägypten aus der Dynastie der Ptolemäer, in seiner Regierungszeit entsteht der Stein von Rosette, der die Entzifferung der Hieroglyphen ermöglicht. Die Ptolemäer, eine makedonisch-griechischen Dynastie, gehen auf Ptolemaios, einen Feldherrn Alexanders des Großen zurück. Sie herrschen von 332 bis 30 v. Chr. über Ägypten.
Schlichtegroll, Adolf Heinrich Friedrich von
(8.12.1765-4.12.1822)
Deutscher Philologe, Numismatiker, Archäologe und Universalgelehrter; ab 1807 Generalsekretär und ab 1812 Präsident der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, verfasst unter anderem die erste Biografie Mozarts.
Young, Thomas
(13.6.1773-10.5.1829)
Englischer Universalgelehrter, Augenarzt, Physiker, Sprachforscher und Erfinder; legt bahnbrechende Arbeiten zur Funktion des menschlichen Sehapparats (Nah-Akkomodation, Dreifarbentheorie) und zur Wellennatur des Lichts vor und konstruiert einen Tonaufzeichnungsapparat (Kymograph). Seine sprachwissenschaftlichen Studien tragen wesentlich zur Entzifferung des Demotischen und der Hieroglyphen bei.
BegriffeErklärung
Abu SimbelÄgyptische Ortschaft südwestlich von Assuan an der Grenze zum Sudan, bekannt durch Tempelanlagen, die unter Pharao Ramses II. im 13. Jahrhundert v. Chr. errichtet wurden.
BalsamSchmerzstillende Heilsalbe aus Baumharz und ätherischen Ölen; im übertragenen Sinn: Linderung für körperlichen und seelischen Schmerz, Tröstung, Wohltat.
Demotisch (Schrift und Sprache)Von 700 v. Chr. bis 400 n. Chr. in Ägypten gebräuchliche Alltags-, Handels- und Verwaltungssprache und -schrift (griech. "demotika" = volkstümlich), die neben der Hieroglyphenschrift und der hieratischen Schrift verwendet wurde. Das gesprochene und geschriebene Demotisch geriet ab dem vierten nachchristlichen Jahrhundert in Vergessenheit und konnte erst im 19. Jahrhundert wieder entziffert werden.
Deutzeichen / DeterminativIn Schriftsystemen verwendetes Zeichen, das keine eigene Bedeutung hat und nur der näheren Kennzeichnung einer Sinnklasse, das heißt der Zugehörigkeit zu einem kategorialen Umfeld dient. So steht etwa das Deutzeichen "Frau" hinter Frauennamen, Frauenberufen, weiblichen Verwandtschaftsbezeichnungen usw., um den weiblichen Kontext (Sinnklasse) zu signalisieren.
Etrusker, etruskischRömische Bezeichnung (lat. Etrusci, Tusci) für ein antikes Volk, das zwischen 800 und 100 v. Chr. im Gebiet der heutigen Toskana, Umbriens und Latiums siedelte und nach der Eroberung durch die Römer (300 bis 90 v. Chr.) seine Eigenständigkeit verlor.
Hieratische SchriftEine aus den Hieroglyphen entwickelte, vereinfachte Gebrauchsschrift, die in Ägypten vom dritten vorchristlichen Jahrtausend bis ins dritte nachchristliche Jahrhundert verwendet wurde. Aus ihr entwickelt sich als weiter vereinfachte Schnellschrift die demotische Schrift. Die Bezeichnung hieratisch geht auf den Gebrauch für kultische und sakrale Zwecke zurück (von griech. "hieratikos" = priesterlich und "hieros" = heilig).
Hieroglyphen"Heilige eingemeißelte Zeichen"(von griech. "hieros" = heilig und "glyphein" = einritzen, einmeißeln): Ägyptisches Schriftsystem, das als "Priesterschrift" von etwa 3000 v. Chr. bis 400 n. Chr. vorwiegend im sakralen, kultischen und repräsentativen Bereich gebräuchlich war. Die Hieroglyphenschrift kombiniert phonografische, ideografische und determinative (klassifikatorische) Zeichenfunktionen. Eine Hieroglyphe kann daher a) als Lautzeichen (Phonogramm) für einen, zwei oder drei Konsonanten stehen (Vokale werden nicht geschrieben), b) als Symbol oder Bild- bzw. Begriffszeichen (Ideogramm) für eine Sache oder einen Begriff stehen, wobei das Bild genau den dargestellten Gegenstand bedeutet, c) als Deutzeichen (Determinativ) für eine Sinnklasse, das heißt die Zugehörigkeit eines Wortes oder Namens zu einem umfassenden Begriffsfeld, beispielsweise "männlich", "weiblich", "göttlich", "zeitlich" usw. stehen. Die Schriftrichtung ist beliebig und wird durch bildhafte Indikatoren vorgegeben.
HybrisAnmaßung, Selbstüberschätzung, Hochmut (von griech. "hybris" = Übermut, Hochmut)
KanopeFachbegriff der Ägyptologie, bezeichnet vasen- oder krugförmige, bisweilen mit Menschen- oder Tierkopfdeckeln verschlossene Gefäße, in denen die Eingeweide getrennt vom mumifizierten Leichnam beigesetzt wurden.
Kanopus-DekretIn griechischer und demotischer Sprache eingemeißeltes Priesterdekret aus dem Jahr 238 v. Chr. Es regelt Vereinbarungen zur Tempelorganisation und Fragen des Kultes und ist nach dem nahe Alexandria gelegenen Fundort "Kanopus" benannt.
Kopten, koptischDas Koptische ist die jüngste Entwicklungsstufe der ägyptischen Sprache. Sie entstand im ersten nachchristlichen Jahrhundert aus dem Demotischen und wird bis heute liturgisch verwendet. Die koptische Schrift ist eine seit dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert verwendete, aus dem Griechischen abgeleitete Lautschrift mit Vokalen und Konsonanten. Bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte hinein werden zunächst alle Ägypter als Kopten bezeichnet, später verengt sich die Bedeutung auf die christliche Kirche Ägyptens.
LithographieSteindrucktechnik (von griech. "lithos" = Stein und "graphein" = schreiben), ein um 1800 von Alois Senefelder (1771-1834) erfundenes Verfahren zur Herstellung preisgünstiger und präziser Massendruckerzeugnisse, das auf dem Prinzip der Abstoßung von Fett und Wasser basiert. Das Motiv wird mit fetthaltiger Farbe (Tusche, Kreide) auf eine glatt geschliffene Steinplatte aufgebracht. Nach verschiedenen Bearbeitungsschritten mit Gummi Arabicum und wässrigen Säuren nimmt nur das mit fetthaltiger Farbe aufgetragene Motiv die Druckfarbe an. Alle anderen Stellen des eingefeuchteten Steins stoßen die Druckfarbe ab.
ObeliskFreistehender, hoher und sich nach oben verjüngender Steinpfeiler mit pyramidenförmiger Spitze (von griech. "obeliskos" = Spieß, Spitzsäule), symbolisierte im alten Ägypten Strahlen und Macht des Sonnengottes, wobei der Umlauf des Säulenschattens für die tägliche Fahrt des Sonnengottes von Osten nach Westen stand.
PapyrusWichtigster, aus den Fasern der Papyruspflanze gewonnener Beschreibstoff der Antike und Vorläufer des Pergaments; auch allgemein die Bezeichnung für ein auf Papyrus geschriebenes Dokument.
PiktogrammBildzeichen, das Gegenstände vereinfacht (stilisiert, schematisiert) wiedergibt und dadurch Informationen (Hinweise, Warnungen, Anweisungen) vermittelt. Piktogramme sind nicht an eine Sprache gebunden und idealerweise selbsterklärend.
SteleHoher freistehender Pfeiler, der in der Antike als Grabmal, Grenzstein oder Inschriftenträger diente (von griech. "stele" = Säule).
Rosette, RosettaHafenstadt am westlichen Mündungsarm des Nils, Fundort des 1799 entdeckten Steins von Rosette.
Stein von Rosette, Rosettastein1799 bei Befestigungsarbeiten am Fort Julien bei Rosetta (Raschid) an der Nilmündung östlich von Alexandria von französischen Soldaten entdeckte Steintafel aus schwarzem Basalt. Eingemeißelt ist ein inhaltlich gleichlautendes Priesterdekret in zwei Sprachen und drei Schriften. Eine Textversion ist in griechischer Sprache und Schrift fixiert, zwei Textversionen sind in altägyptischer Sprache verfasst und sowohl in der demotischen Gebrauchsschrift wie auch in Hieroglyphenschrift festgehalten. 1801 kam der Stein als englische Kriegsbeute nach London und wird seither im British Museum aufbewahrt. Die Dreischriftlichkeit des zweisprachigen Dokuments half Thomas Young (1819) und Jean-François Champollion (1822) bei der Hieroglyphenentzifferung.

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