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Das Thema Alltag im Lager

Stand: 20.01.2014 | Archiv

Zum Appell angetretene Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald | Bild: Sammlung Gedenkstätte Buchenwald

Den Alltag im KZ bestimmt die SS, die Kommandantur legt die Rangordnung fest. Im Rahmen der Häftlingshierarchie übernehmen Funktionshäftlinge, wie Kapos, Lager-, Block- und Stubenälteste bestimmte Ordnungsaufgaben.

Das Leben der Häftlinge im KZ Buchenwald

Zu den Privilegierten zählen auch Vorarbeiter, Pfleger und Schreiber. Die SS ernennt meist deutsche Gefangene zu Funktionshäftlingen, viele von ihnen - Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter - sind schon seit den frühen 1930er Jahren inhaftiert. Unter dem Kommandanten Hermann Pister (1885-1948), der 1941 den korrupten SS-Führer Karl Otto Koch (1897-1945) ablöst, entwickelt sich eine Lagerselbstverwaltung.

Einige bleiben Menschen, andere verrohen…

Ankunft eines Häftlingtransportes. Die Häftlinge marschieren auf dem Carachoweg in Richtung Lagertor. Links die Politische Abteilung.

Die Funktionshäftlinge haben eine komplexe Führungsaufgabe. Ihre "Untergebenen" sind politische Gefangene, Kriminelle oder wurden wie die Juden aus rassistischen Gründen eingesperrt. Es sind aktive Widerstandkämpfer aus ganz Europa darunter, andere Häftlinge landeten eher zufällig im KZ. Die einen sind einfache Soldaten, andere Offiziere oder harte Kommandokämpfer. Diese Menschen sind dem Tode nahe, es herrscht ein brutaler Kampf ums Überleben, Nationalitätenkonflikte sind an der Tagesordnung.

Kapos, Blockälteste etc. haben viel Macht. Sie sind an der Erstellung von Transportlisten beteiligt, können mitentscheiden, wer in die Außenlager zur Sklavenarbeit geschickt wird. Einige Funktionshäftlinge missbrauchen ihre Macht, andere retten Leben, indem sie beispielsweise Todeskandidaten durch Identitätstausch gegen schwer Erkrankte ohne Überlebenschance vor der Hinrichtung bewahren.

Kapos als Opfer und Täter - Der Fall Arthur Dietzsch

Arthur Dietzsch (1901-74) ist ein junger Offiziersanwärter der Reichswehr, als er 1923 vom Vorgehen gegen die linke Regierung in Sachsen erfährt. Er lässt Informationen über die geplante Reichsexekution durchsickern, wird festgenommen und zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Die Nationalsozialisten schicken Dietzsch nach Ablauf der Haftstrafe ins KZ. In Buchenwald arbeitet er als Pfleger, hilft bei Fleckfieberversuchen mit und wird zum Kapo ernannt. Mithäftlinge erleben ihn als brutalen Schläger, der in seinem Block auf strengste Disziplin achtet. Dietzsch bewahrt aber mehrere Franzosen und Briten vor der Hinrichtung, auch der christliche Gewerkschafter Eugen Kogon, später Verfasser des Buches "Der SS-Staat", verdankt ihm sein Leben.

Der Ex-Kapo Dietzsch wird 1946 erneut verhaftet und wegen seiner Taten in Buchenwald zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nach Fürsprache mehrerer Mitgefangener kommt er 1950 wieder frei. Stéphane Hessel (geb. 1917), der als Résistancekämpfer in Buchenwald einsaß und später UN-Diplomat wurde, nennt Dietzsch den "Typ eines Kapos, den man gleichzeitig fürchterlich und unentbehrlich findet".

Der Kampf der Kapos

In den meisten KZ sind "grüne" Häftlinge, also Kriminelle, als Kapos eingesetzt. In Buchenwald kommt es 1942/43 zum Machtkampf. Die "roten" politischen Gefangenen verdrängen gewaltsam die "grünen" Kapos und übernehmen die Lagerselbstverwaltung. Damit ist der Weg frei für den Aufbau einer illegalen Widerstandsbewegung, in der die Untergrund-Parteileitung der KPD den Ton angibt.


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