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Das Thema Stationen einer Deutschlandreise

Stand: 20.02.2014 | Archiv

Das undatierte Bild zeigt in einer zeitgenössischen Darstellung den deutschen Dichter Heinrich Heine.  | Bild: picture-alliance/dpa

Am 21.10.1843 trat Heine von Paris aus seine Reise nach Hamburg an, um dort seine Mutter und weitere Verwandte zu besuchen, und um sich mit seinem Verleger Julius Campe zu besprechen. Am 29. Oktober traf er dort, nachdem er 13 Jahre nicht in Deutschland gewesen war, ein. Hannover, Bückeburg, Minden, der Teutoburger Wald, Unna, Hagen, Köln und Aachen markierten die Stationen seiner Anfang Dezember begonnen Rückreise, die ihn am 16. Dezember wieder nach Paris führte.

Entstehung des Werks

Die Arbeit an seinem "Wintermärchen" nahm er wohl schon während der Rückreise auf. Er konnte es dann in wenigen Wochen vollenden. Am 20. Februar 1844 schrieb er an Campe: "Habe seitdem ich zurück bin viel gearbeitet z.B. ein höchst humoristisches Reise-Epos, meine Fahrt nach Deutschland, ein Cyklus von 20 Gedichten. Meine Gedichte, die neuen, sind ein ganz neues Genre, versifizirte Reisebilder, und werden eine höhere Politik athmen als die bekannten politischen Stänkerreime."

Im "Wintermärchen" greift er die Stationen seiner Rückreise in umgekehrter Reihenfolge auf. Er schildert darin, entgegen dem romantischen Titel, der durch Shakespeares "A Winter's Tale" angeregt war, wenig beschaulich die Rückständigkeit Deutschlands. Deshalb drehte sich der anschließende Briefwechsel mit seinem Verleger in der Hauptsache um das Problem der Zensur.

Die Grundthemen

Der Rahmen seiner beißenden, sprachlich brillant vorgetragenen Satire ist durch den Blick von außen, aus Paris, der Hauptstadt des um vieles fortschrittlicheren Frankreich, vorgegeben. Hierhin war er 1831 ins Exil gegangen, um der in Deutschland herrschenden Zensur zu entgehen. Dort lebte er von da an bis zu seinem Tod, denn 1833 waren alle seine Bücher in Preußen und 1835 im gesamten Deutschen Bund verboten worden. Die konservativen Machthaber sahen in den Schriften der Dichter des "Jungen Deutschland" mit ihrer linksliberalen Einstellung Sitte und Anstand gefährdet. Dennoch ist seine tiefe gefühlsmäßige Bindung an Deutschland schon gleich zu Anfang des Werkes, in der zweiten und dritten Strophe, deutlich, wenn der Ich-Erzähler gerührt Herzklopfen und feuchte Augen bekommt. Aber diese Rührung kann nicht über das Reaktionäre, das Unterdrückende und das Ausbeuterische hinwegtäuschen, dass die politische und soziale Situation in Deutschland bestimmt. Diesem Deutschland setzt das lyrische Ich eine Zukunftsvision entgegen, in der Heines politische Haltung grundlegend enthalten ist:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.
Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Im Kern wird hier die Ausbeutung und Unterdrückung des Volkes, die von den mit den Herrschenden paktierenden Kirchen legitimiert wird, attackiert. Dabei ist aber nicht nur eine materielle Gleichstellung angezielt, ihm geht es um eine umfassende Befreiung des Menschen, um die Befriedigung der unmittelbaren materiellen und um die Befriedigung der geistigen und ästhetischen Bedürfnisse.

Verteidigung der Vernunft

Insgesamt greift Heine mit seinem Werk die Negierung der Vernunft im durch das Preußentum geprägten Deutschland an. Mit dem geschärften Blick von außen, von Frankreich aus, nimmt er die Zensur, einzelne Persönlichkeiten, Religion und Kirche, Tendenzpoesie und Deutschtümelei satirisch in den Blick. Er wird dafür von Linksintellektuellen und Liberalen gefeiert und von Konservativen beschimpft. Die ungeheure Popularität des Werkes und seine bis heute andauernde Rezeption ist vielleicht erklärlich durch seine noch immer aktuelle Einforderung der Vernunft und durch die geniale Komposition, die Versepos und Märchenstil, Traumerzählung und Wirklichkeitsdarstellung zusammenfügt.


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