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Reformation um die Ecke gedacht Wie Beichten auf evangelisch geht

Katholiken feiern sieben Sakramente, von Gott gestiftete heilige Handlungen. Evangelische Christen nur zwei: Taufe und Abendmahl. Dass die Beichte in der evangelischen Kirche überhaupt keine Rolle spielt, ist aber ein Gerücht. Sie war für Martin Luther enorm wichtig - und auch heute hält die evangelische Kirche an ihr fest.

Von: Barbara C. Schneider

Stand: 02.11.2016

Beichtstuhl (Symbolbild) | Bild: colourbox.com

Ein Freitag in der evangelischen Kircheneintrittsstelle in München. Ein helles Ladenlokal mit großen Schaufenstern, das zum Eintreten motivieren soll und zum Gespräch über Glaubensdinge. Mit Pfarrer Sebastian Kühnen.

"Ich habe ganz häufig hier in der Eintrittsstelle Leute sitzen, die dann erzählt haben: Naja, damals als es um Erstkommunion, Firmung ging, da musste ich ja zur Beichte gehen und dann habe ich irgendwelche Sachen erfunden, weil ich gar nicht wusste, was ich da sagen kann"

Pfarrer Sebastian Kühnen Eintrittsstelle der evangelischen Landeskirche.

Buße ist ein sperriger Begriff. Die Beichte eine Handlung, die irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Und für manchen Katholiken sind schlechte Erfahrungen mit der Beichte ein Grund auszutreten, für andere sogar ein Grund,  in die evangelische Kircheneintrittsstelle zu kommen und die Konfession zu wechseln.

Luther hat viele Sakramente abgeschafft - die Beichte nicht

Dass die evangelische Kirche allerdings die Beichte abgeschafft hat, ist ein hartnäckiges Gerücht. Denn die Kritik des Reformators richtete sich vor allem gegen den Ablasshandel als einen Misssbrauch der Bußpraxis. Zu beichten war für Martin Luther dagegen enorm wichtig, sagt der evangelische Pfarrer Andreas Ebert aus München.

"Luther selbst hat die Beichte außerordentlich geschätzt und gesagt, die persönliche, die Beichte unter vier Augen möchte er sich unter keinem Preis nehmen lassen"

Pfarrer Andreas Ebert.

Das war auch in der jungen evangelischen Kirche so. Kaum jemand weiß heute noch, dass es auch in evangelischen Kirchen bis vor etwa 150 Jahren Beichtstühle gab, in Hessen, Franken, Sachsen aber auch in Brandenburg. Die Historikerin Jutta Reisinger-Weber hat bei ihren Recherchen etliche entdeckt.

"Teilweise sind das einfache Stühle, die mit einer Kniebank ausgestattet sind, auf denen der Pfarrer gesessen hat. Hier in Hessen und in der Gegend nach Franken zu haben wir sogenannte Beichtkammern oder Beichtstühle die geschlossen sind, es sind vergitterte Gestühle, auf denen man auf der Bank mit dem Pfarrer gesessen hat oder man hat durch ein Schiebegitter davorgestanden als Beichtender und hat entweder gekniet oder gestanden und der Pfarrer hat dann gesessen"

Jutta Reisinger-Weber, Kirchenhistorikerin.

Beichtstühle sind aus den evangelischen Kirchen heute verschwunden. Und doch spielen Beichte und Buße in der evangelischen Kirche nach wie vor eine Rolle.

Moderne Beicht-Rituale mit Steinen und Zetteln

Auf dem Land gibt es bis heute Beichtgottesdienste in der Passionszeit. Es gibt die Konfirmandenbeichte, bei der heute mit modernen Ritualen Beichte erfahrbar gemacht werden soll. In manchen Gemeinden legen die Konfirmanden Steine für das, was sie belastet, vor den Altar. Anderenorts werden Zettel mit persönlichen Schuldbekenntnissen verbrannt. Eins ist Andreas Ebert von Spirituellen Zentrum St. Martin in München dabei wichtig: Immer geht es bei der Buße auch um den Gegenpol - die Vergebung.

"Buße das Wort ist ein ganz blödes Wort im Deutschen, wir denken dann gleich an Verkehrsbuße und an Strafe und so, das Wort, das im Neuen Testament steht, heißt wörtlich übersetzt, Neuorientierung, Neuausrichtung, Umdenken. Es geht also einfach um einen Perspektivwechsel. Nicht mehr auf die eigenen Schuld zu schauen, auf die eigenen Abgründe, auf die Schattenthemen, sondern sich zu öffnen für Gottes Liebe und Gottes Gnade und für die empfänglich zu sein. Das ist eigentlich etwas, was Buße heißt"

Pfarrer Andreas Ebert.

So sieht es auch Sebastian Kühnen von der evangelischen Kircheneintrittsstelle: Buße hat in der evangelischen Kirche nichts damit zu tun, ein Büßerhemd anzuziehen.

Schuldgefühle kennen keine Konfession

Beichte auf evangelisch sei heute oftmals ein Gesprächsangebot, sagt Sebastian Kühnen. Zum Seelsorger kommen immer wieder Menschen, um mit ihm über Schuld oder Verstrickungen zu sprechen. Und die kennt jeder aus der eigenen Lebensgeschichte.

"Wir behandeln das Thema Buße und Beichte in der evangelischen Kirche als ein seelsorgerisches Thema, wo wir über bestimmte auch schuldhafte Zusammenhänge ins Gespräch kommen. Aber weniger in diesem Sinne: Auf die Knie! Und jetzt büß mal schön, robbe mal auf den Knien die Treppe hoch und bete tausend Vater Unser. Das ist ein Seelsorge-Vorgang, wo im Gespräch deutlich wird: Hier geht es um das Thema Schuld, hier geht es um etwas, was mich so belastet in meinem Leben, dass ich da einen Zuspruch brauche, damit ich mit diesem schuldhaften Zusammenhang klarkomme"

Pfarrer Sebastian Kühnen.

Zwar hat Luther sich vom Ablass und dem Zwang zur Beichte theologisch verabschiedet. Aber jeder evangelische Christ kann so viel beichten, wie er will. Dazu braucht er übrigens nicht einmal einen Pfarrer. Gemäß dem reformatorischen Grundsatz vom Priestertum aller Gläubigen kann jeder jedem zum  Beichtvater werden.


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