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Kommentar Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen

"Ein System der Angst" - das steht im Zwischenbericht des unabhängigen Sonderermittlers. Und: Jetzt endlich will man aufdecken, erinnern und auch anerkennen. Das System der Angst ist zu Ende. Ein Kommentar von Matthias Morgenroth.

Von: Matthias Morgenroth

Stand: 13.10.2016

Symbolbild: Domspatzen Regensburg verfremdet | Bild: picture-alliance/dpa/David Ebener

Es sei ein System der Angst gewesen, das bei den Regensburger Domspatzen geherrscht habe, so der unabhängige Sonderermittler, der Regensburger Anwalt Ulrich Weber - und das über Jahrzehnte.

System der Angst - das kennt man auch aus den Aufarbeitungen in anderen katholischen Schulen und von deren Missbrauchsfällen. Als habe man in diesen oft um sich kreisenden kirchlichen Einrichtungen besonders lange an einer Un-Kultur festhalten wollen, die - das darf man nicht vergessen - über Jahrhunderte die christliche Verkündigung auch begleitet hat: Sich vom System zu befreien, das auf Höllenangst und Gottesfurcht aufbaut, ist die theologische Aufgabe des 20. Jahrhunderts gewesen. So wundert es wenig, dass es noch dunkle Kapitel aus den Schulen aufzuarbeiten gibt, die diesem Denken verpflichtet sind.

Echter Aufklärungswillen

Und jetzt diese Bilder und Worte: Der Regensburger Bischof Voderholzer und Vertreter der Opfer aus dem Ehemaligenkreis der Regensburger Domspatzen treten gemeinsam vor die Presse - nach langen Monaten, in denen man der Öffentlichkeit nichts sagte. Das war ein Auftritt, der von Respekt geprägt war - und von echtem Aufklärungswillen. Es soll Anerkennungszahlungen für die Opfer geben: Zwischen 5.000 und 20.000 Euro will das Regensburger Bistum pro Fall lockermachen. Auch in dem Titel liegt Respekt: Anerkennungszahlung - das ist weder eine Ausgleichszahlung noch eine Wiedergutmachung. Es ist eine symbolische Anerkennung in dem Wissen, dass die Geschichte damit nicht umgedeutet, zugedeckt oder verändert werden kann. Man könne keinen Schlussstrich ziehen, sagte Voderholzer. Er hat sehr recht!

Regensburg zeigt vor allem eins: Es gibt sehr viele, die mit großer Selbstverständlichkeit in diesem kirchlichen System der Angst mitgespielt, mitgeglaubt und mitgelebt haben. Denn der Fall der Regensburger Domspatzen kam mit so augenfälliger Verspätung  ans Licht. 2010 schon, als die Missbrauchsskandale die katholischen Kirche in Deutschland erschütterten, war von den Regensburger Domspatzen sozusagen unter 'ferner liefen' die Rede. Erst vor eineinhalb Jahren begann eine ordentliche Untersuchung. Dazu musste Bischof Gerhard Ludwig Müller erst von Regensburg nach Rom. Dazu musste offenbar erst Benedikt zurückgetreten sein. Denn immerhin war es dessen Bruder Georg Ratzinger, der den Domspatzen Jahrzente lang vorstand.

Vielleicht gelingt es, das System der Angst bei der Aufarbeitung der Fälle jetzt endlich zu durchbrechen: Wenn Bischof, Chorleiter und Opfer gemeinsam mit dem Ermittlern auf menschlicher Augenhöhe aufdecken und erinnern und auch anerkennen wollen. Der gemeinsame Auftritt am Mittwoch in Regensburg hat den Weg gewiesen.


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