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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Zurück zur Natur - notfalls virtuell

Gärtnern ist in, nur die Begleiterscheinungen sind lästig: schmerzender Rücken, dreckige Fingernägel, Mückenstiche reichlich. Die Lösung in unseren digitalen Zeiten: Salat per Smartphone, Gemüse per Mausklick – der virtuelle Garten. Eine Berliner Firma bietet diesen Service jetzt an – allerdings hat auch das online-Gärtnern seine Tücken…. Eine Glosse von Uwe Pagels.

Von: Uwe Pagels

Stand: 14.06.2019

Unsere Welt ist ja nicht mehr analog, sondern digital. Gerade erst haben ja diverse Telefonanbieter viel Geld für neue Lizenzen ausgegeben, ein sogenanntes 5G-Netz wird es bald geben, und wir können hoffen, dass dann alles noch schneller geht, jedenfalls am Telefon und im internet und der App am Smartphone.

Und tatsächlich – die Zukunft wartet nicht – eine ganz neue Blüte oder sagen wir sogar einen Strauß von Angeboten hat jetzt eine Berliner Firma – Verzeihung – ausgegraben: die Kunden können online gärtnern. Also: Pflanzen und schaufeln und mähen und ernten am Bildschirm, mit dem Gemüse verbunden per Mausklick. Ungeahnte Vorzüge der digitalen Welt – wer sich früher noch mit dreckigen Fingernägeln, einem schmerzenden Rücken vom Bücken und reichlich Mückenstichen beim Real-Rasenmähen herumärgern musste, kann jetzt von zuhause aus, bequem am Bildschirm, säen, mähen und ernten. Auch der Kauf oder die Miete eines Gartens entfällt natürlich auf diese Weise, jeder Hochhausbewohner im 27. Stock darf ackern, gern auch mitten in der Großstadt.

Das Ganze ist nicht etwa ein Bauernhofspiel, nein, das Ergebnis der online-Bemühungen darf dann tatsächlich ganz analog verzehrt werden, es kommt per Gemüsekiste. Die entsprechenden Gärten gibt es tatsächlich, irgendwo auf dem Land, versehen mit Webcams, so dass der Nutzer jeder Karotte beim Wachsen zusehen kann. Zeitraffer oder Zeitlupe allerdings sind nicht vorgesehen, ein Besuch der Parzelle an der frischen Luft auch nicht.

Was, wenn der Smartphone-gesteuerte Salat nicht schmeckt?

Man könnte die Geschäftsidee ausweiten: Autowaschen online, mit der Maus ganz vorsichtig die Haube polieren, ganz ohne nasse Hosen und dem mühsamen Wasserschleppen. Oder online wegfliegen. Spart den Flugpreis, schont die Öko-Bilanz und vemeidet Wartezeiten. Online-Hochzeiten und online Scheidungen sind in dem ein- oder anderen Staat schon möglich, online-Operationen auch, das ist also nichts Neues. Online Kinder kriegen …nein, das führt jetzt deutlich zu weit.

Dann doch lieber online gärtnern. Wobei die ein- oder andere Frage noch offen bleibt: Was zum Beispiel, wenn der Smartphone-gesteuerte Salat nicht schmeckt? Oder das digital gepflanzte Radieschen einfach nicht wachsen will und vor sich hin digitalisiert? Oder der Computer-Kürbis fault, der online-Apfel vom Baum fällt? Alles kein Problem – in Berliner online-Gartenbau gibt es längst auch einen online-Assistenten. Der kümmert sich auf Wunsch um die gärtnerischen Probleme, steht per Sprachassistent mit Rat und Tat zur Seite und beauftragt notfalls sogar einen echten Menschen, der den Garten umgräbt, wenn das jemand wünscht.

Zurück zur Natur – dieses Motto hat schon Jean Jaques Rousseau ausgegeben, der berühmte Philosoph, im 18. Jahrhundert. Der hatte zwar von Digital und Computer und online und virtuell noch keine Ahnung, aber er hatte einen Garten. Ganz analog. Gute alte Zeiten…


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