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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Wiederhairöffnung

Vorbei die Zausel-Zeiten! Ein Ende hat das Wilde Wuchern! Wer jetzt noch unfrisiert herumläuft, hat keine Ausrede mehr. Denn Deutschlands Friseure schneiden wieder. Ob Sie einen Termin bekommen, steht aber auf einem anderen Blatt. Eine Glosse von Michael Zametzer.

Von: Michael Zametzer

Stand: 05.05.2020

KammIN – Hair-zlich willkommen zur Wiederhairöffnung! Vorbei die Zeit des Wildwuchses! Jetzt heißt es: „Locken Down“ im Lockdown! Für das Friseurgewerbe beginnt jetzt die 5. Haareszeit!

Wer möchte da nicht gern Mäuschen spielen, bei der Friseurinnen-Kaffeepause: „Also bei mir war eine, die hat sich…ja, wohl selber geschnitten, aber halt seitenverkehrt.“ – „Ja, wirklich, der Pony, mehr Treppen als der Eifelturm!“ – „Naja, als Kastanienbraun würde ich das nicht mehr bezeichnen. Dafür war dann doch zu viel Grün drin.“

Im Wesentlich dürfte es also in den nächsten Wochen vor allem um Schadensbegrenzung und großflächige Reparaturarbeiten am Haupthaar gehen. Mit knapp sieben Wochen war die „Corona-Matte“ ja ein eher kurzlebiger Haartrend, verglichen etwa mit dem bis heute im Sachsen-Anhaltinischen weit verbreiteten VoKuHiLa. Oder dem aktuell beliebten Undercut – übrigens auch „Hitler-Youth-Cut“ genannt, was endgültig beweist: Es war doch alles schlecht damals.

Doch bei aller Freude: Maskenpflicht und Abstand halten sind angesagt. Nicht zu unterschätzen auch die beträchtlich gestiegene Unfallgefahr am Arbeitsplatz: Ein unachtsamer Schnipp in der Koteletten-Gegend – und das Maskengummiband schnalzt vom Ohrwaschl wie der Fahrradexpander beim Klopapierhamstern! So werden also an den Schläfen wohl weiter eindrucksvolle Haarteppiche wuchern wie sie weiland nur Paul Breitner ´74 im Endspiel trug.

Was aber darf der Friseur überhaupt noch anbieten, angesichts so strenger Verhaltensregeln? Hier schlägt die unbarmherzige Knute des Föderalismus zu. Sie peitscht allzu geschäftstüchtige Figaros ganz unterschiedlich zurück, je nach Bundesland: In Baden-Württemberg etwa soll zwar Waschen, Schneiden, Legen erlaubt sein, nicht aber das Föhnen. Künftig erkennen wir also unsere Mitmenschen aus Villingen-Schwenningen schon, bevor sie den Mund aufmachen – einfach am fehlenden Haarvolumen. Übrigens: einfach daheim schon Waschen und dann trocken schneiden, ist auch nicht drin – es herrscht nämlich ein Haarwaschgebot. Und zwar IM Salon. Das Virus könnte schließlich zeckengleich auf dem Weg zum Friseur aufspringen.

Auch die Tasse Kaffee und das Lesen von Zeitschriften während des Schneidens soll verboten sein

Bundesweit untersagt sind natürlich körpernahe Kosmetik-Leistungen wie Wimpernpflege, Hipsterbärtchen-Trimm-Dich und Krähenfußdrainage. Auch die Tasse Kaffee und das Lesen von Zeitschriften während des Schneidens soll verboten sein. Eventuell wird man aber bei einzelnen Titeln eine Ausnahme machen: „Medical Tribune“ etwa, oder „Virologie heute“. Alles in allem dürfte ein Friseurbesuch in etwa so angenehm werden wie ein Termin beim Standort-Coiffeur der Ausbildungskompanie des US-Marine-Corps auf Parris Island.

Abschließend Staus und Verzögerungen ab 100 Metern Länge: In München bei „ContainHairIngo“ in der äußeren Landsberger Strasse 200 Meter Warteschlange, im „Salon Irmi“ am Wettersteinplatz 420 Meter. Bis zu 4 Stunden Wartezeit bei „Haarmonie“ in der Westendstrasse, und bei „Hair-zenswunsch“ am Oberanger 500 Meter, Tendenz steigend, zweieinhalb Stunden bei Dauerwelle…


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