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Ende der Welt Wenn Rockstars lieber Fahrrad fahren

Ach, allerorten geht Brauchtum verloren – wie zum Beispiel das demolieren von Hotelzimmern durch Rockstars. Wo sind sie hin, die wilden Gesellen von einst – mag denn keiner mehr Kronleuchter von der Decke reißen? Eine Glosse von Norbert Joa.

Von: Norbert Joa

Stand: 21.10.2019

„The Times they are a changin“, sang der gute alte Bob, als er noch ein guter junger Bob war. Als Rockstars noch wussten, was sich gehört. Mochten sie noch so ausgelaugt aus dem Stadion ins Hotelzimmer kommen, der Fernseher flog raus, aus dem neunten Stock, das war man den davonstiebenden Fans drunten auf der Straße schuldig. Tisch und Stühle hinterher und die Champagnerflasche gekonnt in den verzierten Spiegel gewirbelt – wer ko, der ko. Am häufigsten konnte Keith Moon – „the Loon“. Der „Irre“ – der hatte trotz seines Wütens am Schlagzeug der WHO noch genug Restenergie für diverse Hotel- und Wohnungseinrichtungen. Derweil die Bühne noch rauchte - denn die Zugaben an der Seite von Gitarrist Pete Townshend bestanden meist darin, Instrumente zu zertrümmern, verbrennen oder gar zu sprengen. - Und heute?

Fällt uns erstmal kein aktueller Weltrockstar ein. Hip Hop schon, aber Rock? The times they are a changin – Mick Jagger hütet sich davor, an Verstärker zu stoßen und Noell Gallagher, immerhin vor 20 Jahren noch jung,  sagt rückblickend über die Zeit mit OASIS: „Ich habe nie ein Hotelzimmer demoliert. Aber ich habe dabei zugesehen.“ Wow – das liegt auf der Anarchoskala im ähnlichen Bereich wie die Metal Band Hammerfall, die vor Jahren ihr Hotelzimmer zerlegten, woraufhin der Schlagzeuger am Morgen danach sagte: „Wir schämen uns.“

Jüngst gaben die Chefportiers dreier Grandhotels zu Protokoll, dass heutige Rockmusiker meist mit ihren Kindern kämen und Fahrräder leihen wollten. Was Elvis, Chuck Berry oder Fats Domino dazu sagen würden? Nun, sie sagen schon eine ganze Weile nichts mehr. Und Jerry Lee Lewis und Little Richard – der eine 84, der andere 86 …  man mag sich gar nicht vorstellen, wie sie im Hotel versuchen, den Flachbildschirm aus der Verankerung zu reißen.

Udo L., der lebt im Hotel, seit 25 Jahren und hat alles andere im Sinn, als sein Zuhause zu demolieren

Ein riesengroßer hängt übrigens an der Alster, in der Suite von Deutschlands größtem Rocker. Unbeschädigt, aber hallöchen ! – Bei Udo L., der lebt im Hotel, seit 25 Jahren und hat alles andere im Sinn, als sein Zuhause zu demolieren.

The Times they are a changin – wer im Netz den Suchbegriff ROCKSTAR eingibt, landet auf dem ersten Dutzend Plätzen bei einem der weltgrößten Computerspielproduzenten. – Und wer da noch einen Funken Altrockerehre im Leibe hat und intakte Bandscheiben – der werfe seinen Rechner aus dem Fenster.

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