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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Wenn der Eismann zweimal klingelt

Deutschlands Tiefkühlproduzenten melden Rekordumsätze, und es würde nicht wundern, wenn das Forschungsschiff Polarstern demnächst an einer Pizza festmacht, um die Salami-Drift im Packeis der Küchenzeilen zu erforschen. So manche Scheibe dürfte noch aus dem Pleistozän stammen und auf einer Gletscherzunge ins Gefrierfach gekommen sein. Und wenn das Haltbarkeitsdatum um mehr als 12 000 Jahre abgelaufen ist, helfen immer noch Stoßzähne! Eine Glosse von Peter Jungblut.

Von: Peter Jungblut

Stand: 17.06.2020

Also gegen junge Erbsen lässt sie ja nun wirklich nicht sagen, und auch Rahmspinat hat sich bis jetzt nichts zu Schulden kommen lassen, außer vielleicht den Blubb. Broccoli hat immerhin eine zweite Chance verdient und für Rosenkohl gilt ja der alte Spruch: Nenne ihn nicht verbittert, wenn du nicht selbst winterhart bist. Bleiben die Schwarzwurzeln, und die sind nach Auskunft der deutschen Zollbehörden völlig legal, obwohl sich so mancher regelmäßig an ihnen die Finger schmutzig macht.

Insofern geht es schon in Ordnung, wenn Deutschlands Tiefkühl-Lieferanten derzeit Rekordumsätze mit Umsatzsteigerungen von 300 Prozent melden. Erbsen und Spinat werden demnach am meisten bestellt, die ebenfalls genannten Lachsfilets sind mir politisch zu brisant, weil sie möglicherweise der Arzneimittel-Richtlinie unterliegen oder in der Impfstoff-Forschung eine Rolle spielen. Es empfiehlt sich jedenfalls, beim Auftauen eine Warnweste und beim Essen einen Mundschutz zu tragen, damit der Fisch auf der Gabel in die Medikamente zerfallen kann, aus denen er besteht. Die Halbwertszeit soll deutlich geringer sein als bei Putenschnitzeln, die im ewigen Eis ja immer wieder nützliche Hinweise auf die klimatischen Bedingungen ferner Epochen geben. Sonst wüssten wir ja nicht, dass es über Mastbetrieben einst Antibiotika regnete und seinerzeit wesentlich mehr Tiermehl in der Luft stand als heute. Dafür ist das Wasser in den Puten meist sauber.

Überhaupt sollte das Forschungsschiff „Polarstern“ bei Gelegenheit mal an einer Tiefkühl-Pizza festmachen, um die Salami-Drift im Packeis unserer Küchenzeilen zu untersuchen. Wetten, so manche Scheibe reicht zurück bis ins Pleistozän und kam auf einer Gletscherzunge ins Gefrierfach? Achten Sie auf das Haltbarkeitsdatum! Wenn es vor 12 000 Jahren ablief, sollten sie die Pizza nur noch mit Stoßzähnen zu sich nehmen und dabei auf keinen Fall sesshaft werden.

Ob Sie jetzt schon den Mut aufbringen, die „Hackbällchen Toskana Art“ zu ordern, das müssen Sie selbst entscheiden

Aber es ist halt so praktisch, im Netz zu bestellen. Ganz oben auf den Haushaltszetteln stehen zum Beispiel auch tiefgekühlte Backwaren wie Semmeln und Croissants. Es hat sich also herumgesprochen, dass sie Leben retten. Jedenfalls sind sie elastisch genug, um Stürze abzufangen, Krisen zu puffern und Risse abzudichten. Obendrein machen sie papp-satt, geben beim Frühstück also so richtig Gummi, weshalb das Messer bisweilen vor Vergnügen quietscht und die Butter durchdreht.

Und weil die Reisewarnungen der Bundesregierung ja weitgehend aufgehoben sind, spricht auch nichts mehr gegen einen Rheinischen Sauberbraten, ein Wiener Schnitzel oder Nürnberger Rostbratwürste, nur dem „Hähnchenzauber Morgenland“, dem sollten Sie natürlich nicht verfallen, sonst müssen Sie danach zwei Wochen hinter Fischstäbchen in Quarantäne. Ob Sie jetzt schon den Mut aufbringen, die „Hackbällchen Toskana Art“ zu ordern, das müssen Sie selbst entscheiden. Sie können damit eine Kühlkette bilden, Tischfußball spielen oder ein anderes Zeichen der Solidarität setzen. Aber übertreiben Sie nicht, sonst muss Markus Söder wieder einen Gefrierbrand löschen.


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