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Ende der Welt Wanderflirt

Es gibt eine Menge Dating-Apps für jeden Geschmack. Bei gemeinsamen Unternehmungen lässt es sich viel besser flirten. Deshalb treffen sich Männer und Frauen jetzt auch zum Wanderflirt. Eine Glosse von Wolfram Schrag.

Von: Wolfram Schrag

Stand: 11.09.2018

Wer jetzt noch kein Haus hat, der baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.

So sagte schon Rainer Maria Rilke im September 1902 und dachte daran, dass Herbst und Winter ganz schön einsam werden können. Rilke kannte auch keine Dating-Apps, Single-Börsen oder Flirtportale. Und von sogenannten Heiratsanzeigen in der Zeitung war er vielleicht eher abgeschreckt. Da sollten in der Regel Damen oder Herren aus den sogenannten besten Kreisen vermittelt werden, vielleicht sogar von deren Familien, von wegen Deckel auf Topf für das einsame Geschöpf. Von wegen, früher war alles besser.

Doch bleiben wir beim Herbst: Schön, dass es heute für fast alle und jeden eine Datingagentur gibt. Den Club der einsamen Herzen gibt es zum Beispiel für Sportler, für Spiele- oder Wanderfreunde: Gerade jetzt im Herbst machen sich wieder viele auf den Weg, bergauf, bergab durch Wälder und Flure, um nach der Hitze des Sommers noch einmal nahe der Natur zu sein. Warum dies also nicht für einen Wanderflirt zu nutzen.

Auch wenn der Deutsche Wanderverband die Zahl der Flirt-Wanderclubs nicht kennt, steht doch auch bei ihnen zunächst einmal die Aktivität im Vordergrund und nicht die Partnersuche. Wie Psychologen festgestellt haben, fällt beim Wandern auch das sogenannte Aufbrezeln weg. Ganz im Gegensatz zur Präsentation im Internet, die ja besser daherkommt als jede Zuchthundeshow.

Die Flirt-Wanderer sehen wahrscheinlich aus wie alle anderen, doch sie haben eine Mission. Denn wir wissen alle: Spätestens wenn der erste Höhenzug erklommen ist, fällt jede Fassade und nach weiteren drei Stunden ist auch das wahre „ich“ nicht mehr weit. Im Schweiße des Angesichts zeigt sich dann, wer wirklich Talent zum Flirten hat oder lediglich mit schwerem Atem Banalitäten hervor keucht: „Und was machst du so?“ „Na, schwitzen, wie du auch.“ Doch der Weg führt weiter steil nach oben: Ist man dann auf dem Gipfel, ist keiner mehr einsam. Und ein Wadenkrampf beim Abstieg ist besser als jedes verkrampfte Anbandeln im Tal.

Eine Gelinggarantie gibt es auch beim Single-Wandern nicht

Die Veranstalter versuchen dabei übrigens einen fairen Ausgleich zwischen Männern und Frauen zu finden, dass die Single-Wanderer auch die Chance haben, anderweitig ans Ziel zu kommen. Eine Gelinggarantie wie angeblich bei manchen Kochrezepten gibt es aber auch beim Single-Wandern nicht.

Zumindest aber wäre Rainer Maria Rilke widerlegt: Im Herbstgedicht schreibt er: Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben. Dank des Flirt-Wanderns tut er das jedenfalls nicht einsam.


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