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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Vom Loslassen

Das Schwerste ist das Leichteste: Loslassen. In diesem Sommer der Absagen fällt es besonders leicht, sich völlig freizumachen und mit gänzlich nacktem Terminkalender durch die Stadt zu spazieren und unverhüllt Zeit zu haben. Allerdings empfiehlt es sich, gegen Stichtage sorgfältig einzureiben, sondern gibt´s rote Flecken auf dem Konto, und das juckt. Bayreuth und Wacken finden zwar immerhin im Netz statt, aber ohne Sitzbeschwerden und Schlamm – und dann ist es allenfalls ein Vergnügen, aber kein Erlebnis! Eine Glosse von Peter Jungblut.

Von: Peter Jungblut

Stand: 30.07.2020

Das Schwerste im Leben ist bekanntlich das Leichteste: Loslassen. Gut, vielleicht nicht gerade das Lenkrad, die Leiter oder die gute Laune, aber doch so ziemlich alles andere. Insofern ist dieser Sommer eine willkommene Übung für alle, die sich ungern freimachen, obwohl doch eigentlich gar nichts dabei ist. Laufen Sie ruhig mal mit splitternacktem Terminkalender durch die Fußgängerzone, zeigen Sie sich der Öffentlichkeit völlig entblößt von Wochenendplänen, denken Sie sich nichts dabei, wenn die Leute gucken, nur, weil Sie gänzlich unverhüllt Zeit haben und quasi barfuß über Ihren Absagen-Parcours schlendern. Das soll ja sogar die Durchblutung anregen, zumal bei steinigen Stornierungen und spontanen Streichungen. Aber nicht den Sonnenschutz vergessen, wenn Sie doch mal aus dem Terminschatten heraustreten, und gegen Stichtage immer sorgfältig einreiben, die können überall auf dem Konto rote Stellen hinterlassen und ganz fies jucken!

Sie werden sehen, wenn sich erstmal so ein ganzer Tag Stunde für Stunde vor Ihnen entblättert, ohne dass darunter auch nur die notdürftigsten Verabredungen sichtbar werden, ist das ziemlich reizvoll. Sie müssen beim Loslassen ja nicht mit den Hormonen beginnen. Es ist sowieso nicht zu ändern: Bayreuth ist abgesagt, Wacken findet nicht statt und in Salzburg rollt die Mozartkugel auch nur mit halber Kraft durch die Hofstallgasse. Das Abendessen beim „Jedermann“ steht zwar noch auf der Tagesordnung, aber wie jeder weiß, endet das in der Regel nicht mit dem Nachtisch, sondern mit dem Jenseits, und darauf haben die wenigsten Gäste Appetit.

Ansonsten bleibt an der Salzach nur eine Stippvisite bei der Opernheldin „Elektra“, die allerdings gern Leichen um sich schart und außer Rache schon lange nichts mehr zu sich nimmt, kalt natürlich, oder bei Mozarts „Cosi fan tutte“, beides wohlgemerkt ohne Pause. Das Publikum darf sich in dieser Saison im Salzburger Festspielhaus also nicht aufführen, sondern nur zuschauen, was die Kartenpreise natürlich nicht rechtfertigt, denn ab vierhundert Euro spielt ja überall das Büfett die Hauptrolle, außer vielleicht in Bayreuth, da ist es die Hitze.

Schon die Planung für nächstes Jahr wird ein Walkürenritt

Klar, im Netz gibt es derzeit ersatzweise viele schöne Kulturangebote, auch aus Bayreuth und Wacken, aber die ersten sind ohne Sitzbeschwerden und die zweiten ohne Schlamm, was beides vielleicht zu einem Vergnügen, aber sicher nicht zu einem Erlebnis macht. Und sonderlich aufregend ist es auch nicht, denn die Fans können weder Regisseure niederbrüllen, noch Rocker. Und wer vom Grünen Hügel und vom Grünen Norden nicht heiser zurückkommt, war dort entweder Statist oder fand keinen Parkplatz.

Was im kommenden Jahr wieder möglich sein wird, ist bekanntlich völlig offen. Schon die Planung wird ein Walkürenritt, das lässt sich immerhin festhalten, aber wie heißt es im „Siegfried“? Nur, wer das Fürchten nicht gelernt, kommt ans Ziel. Hoffen wir alle, dass wir dafür in diesem Sommer keine Zeit haben!


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