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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Unterhose verbuddeln für die Wissenschaft

In kürzester Zeit machen die Eidgenossen gleich zweimal Schlagzeilen mit dem Thema Unterwäsche. Ist es den Schweizern so peinlich, dass sie jetzt Tausende von Baumwollunterhosen vergraben? Eine Glosse von Heinz Gorr.

Von: Heinz Gorr

Stand: 14.04.2021

Manche fanden die Schweiz schon immer unterirdisch. Das ist nicht von der Hand zu weisen, denn selten passiert so viel unter der Erde wie bei den Eidgenossen: Wer die Länge aller Tunnel und Stollen dort zusammenrechnet, kommt auf eine Strecke von Zürich bis Teheran. Laut Nationalmythos war dem schon so, bevor man sich am Rütli gegen die Vögte verschwor: "Hohl ist der Boden unter den Tyrannen" heißt es in Schillers Wilhelm Tell.

Und jetzt kommen noch ein paar tausend Hohlräume hinzu in einem Land, dessen Substanz offensichtlich schon so löchrig ist wie der sprichwörtliche Käse. Denn die Schweizerinnen und Schweizer verbuddeln seit letzter Woche Unterhosen. Nicht, weil sie es leid sind, die Intimwäsche alle paar Tage waschen, trocknen, gegebenenfalls sogar bügeln und im Schrank verstauen zu müssen. Das ginge auch den großzügigsten Haushalten irgendwann auf die Nerven. Nein, diese Erdbewegung geschieht im hochoffiziellen Auftrag der Wissenschaft, ja es ist sogar das bislang größte Citizen-Science-Projekt zur Erforschung der Bodenqualität in der Schweiz.

Mit der systematischen bürgerwissenschaftlichen Aktion wollen das Bundesamt Agroscope und die Uni Zürich erfassen, wie gesund jener Flächenanteil der Konföderation ist, der nicht versiegelt, bebaut, aus alpinem Gestein ist oder auf dem Grund von Seen liegt. Am Zersetzungsgrad der übrigens ungetragenen Baumwollschlüpfer lässt sich das ablesen: Denn je mehr Lebewesen im Boden aktiv sind, desto weniger bleibt von den subterranen Probanden übrig, wenn sie nach ein, zwei Monaten wieder exhumiert, fotografiert und mit einem Häufchen Erde zurückgeschickt werden aus Genf, Winterthur, St. Gallen oder Neuchâtel.

Die beteiligten Landwirte und Privatgärtnerinnen dürfen sich zugleich als Forschungspioniere fühlen

Die beteiligten Landwirte und Privatgärtnerinnen dürfen sich zugleich als Forschungspioniere fühlen, denn die biologische Abbaurate von Unterhosen hat sich wissenschaftlich noch nicht international durchgesetzt. Im Gegensatz zu den parallel vergrabenen Teebeuteln der Marke Lipton: hier gilt der "Tea Bag Index" durchaus als Referenz in der Szene. Wer weiß, vielleicht gehen ja aus dem Projekt noch  Promotionen hervor zum Doctor hosorum causa…

Was sagt das über die Psyche einer Nation aus, wenn sie binnen weniger Wochen zum zweiten Mal mit dem Thema Unterwäsche Schlagzeilen macht? Denn Anfang April war es sogar dem amerikanischen Nachrichtensender CNN eine Meldung wert, dass die Schweizer Armee erstmals Funktionsunterwäsche für Soldatinnen im Truppenversuch testet. Auf die erstaunte Frage, was die Damen denn vorher getragen hätten, blieb nur die Antwort: Männerunterhosen. Unterirdisch!


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