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Ende der Welt - Die tägliche Glosse Unabwendbares, so nicht vorherzusehen

„Ich hab’s kommen sehen!“ – das sagt sich so leicht. Im Fall der hippen E-Scooter aber hat das Bundesverkehrsministerium eines nicht vorhergesehen: Den Winter. Eine Glosse von Michael Zametzer.

Von: Michael Zametzer

Stand: 17.10.2019

Von Kant bis Habermas hat Deutsche Philosophie seit jeher Maßstäbe gesetzt. All jene klugen Denker aber verblassen angesichts eines schlichten Satzes: „Ja, ist denn heut schon Weihnachten?“ Er entstammt – die Älteren erinnern sich – dem Denken Franz Beckenbauers, einem wirkmächtigen Vertreter der fiskalpräventiv-kleptomanischen Lehre.

Und so lapidar dieser Satz einst vom Werbe-TV in die deutschen Hirne drang, so schonungslos wahrhaftig ist bis heute seine erkenntnistheoretische Sprengkraft. Denn in diesem Beckenbauer’schen Axiom steckt nicht weniger als die Erkenntnis des Unabwendbaren im Leben eines jeden Menschen: Ja, auch heuer wird es wieder Weihnachten werden, und ja, auch heuer werden wir wieder nichts dagegen tun können: Wir rasen darauf zu, die Lebkuchenpyramide links neben der Supermarktkasse kündigt es schon im August an, noch am Ersten Advent hämmert uns das kleine Elflein im Kopf mahnend mit seinem Hämmerchen ins Großhirn ein: nicht mehr lang, nicht mehr lang! Und doch: Wir machen die Augen zu. Bis zum 24. Dezember, 13 Uhr 58, dann wird gehandelt: „Ja, bitte einpacken, soll ein Geschenk sein“. Und zum Winterreifenwechseln schlittern wir dann am 2. Januar zur Werkstatt.

Apropos Schlittern: Natürlich hätte auch Andreas Scheuer, größter CSU-Verkehrsminister seit Alexander Dobrindt, schon irgendwie vorhersehen können, dass das mit der PKW-Ausländermaut so wohl nichts wird. Aber im Angesicht des Unabwendbaren sind wir halt doch noch die Kinder geblieben, die wir alle einst waren: „Ich mach jetzt einfach ganz schnell die Augen zu, dann wird es nicht passieren!“ Menschliches, allzu Menschliches, wie weiland Friedrich Nietzsche titelte! Auch er sah das Unabwendbare kommen: Den Übermenschen – und jetzt ist er da, sitzt im Oval Office, isst Burger und treibt uns in den Untergang.

E-Roller entfalten ihr gesamtes Zerstörungspotential erst im Winter

Apropos Untergang: Als dessen Sendboten galten allenthalben die elektrischen Tretroller, und das schon vor ihrer Einführung im Juni. Diese aber scheinen ihr gesamtes Zerstörungspotential doch erst in den kommenden Monaten zu entfalten, wenn alles glatt geht, bzw. wenn es Winter wird. Und auch hier wieder überrascht das Unabwendbar Vorhersehbare: Nicht ein Sachreferent im Scheuer-Ministerium, der sich im Juni die eine Frage gestellt hat: Was machen wir mit den spaßigen Hipsterschubsern, wenn’s mal nicht mehr laue 28 Grad, sondern zapfige fünf Grad minus hat? Wenn vor allem in des Scheuers Heimatgefilden, also im Süden Deutschlands, Schneesulz und überfrierende Nässe Einzug halten?

Die Roller-Vermieter ficht das nicht an: Sie haben angekündigt, ihre Roller ganzjährig rollen zu lassen. Deshalb hat der TÜV – Schutzpatron aller Deutschen – die Tretrollerbetreiber aufgefordert, bei schlechtem Wetter die Gefährte per App zu sperren. Da können wir nur hoffen, dass diese App nicht grad dann die Sperre reinhaut, wenn einer auf dem Roller rollt. Sonst geht’s dem wie Andreas Scheuer: Die Zeit dehnt sich für einen kurzen Moment, wie in Zeitlupe. Und während er noch fällt, bemerkt er, wie ihm die Anderen beim Fallen zuschauen – als hätten sie es kommen sehen.


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